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Venezianisches Hangover

Von Felix Ghezzi 14. Oktober 2013 2 Kommentare

BOOT S.S. Hangover AN BIENNALE VENEDIGAls mein letzter Blogeintrag «Museumsbesuchszwang für alle!» aufgeschaltet wurde, war ich auf dem Weg nach Venedig. Ich wollte mir die Kunstbiennale nicht entgehen lassen. Nach dem Konsum einiger hundert Gemälde, Skulpturen, Installationen und Fotografien erreichte mich in der Lagunenstadt Philipp Meiers Replik «Tor des Monats!». Er verurteilt unter anderem die passive Rolle, die die Künstler und Kuratoren den Besuchern aufzwingen. War es vielleicht dieser Aspekt der Passivität, der dazu führte, dass die Kunsteindrücke der Biennale in meinen Hirnkanälen nur äusserst sanft hin und her wogen?

Wade Guytons drei Kunstwerke – siehe ebenfalls im letzten Blogeintrag – hätte ich im Arsenale wohl glatt übersehen, wenn mich der Ausstellungsführer nicht darauf aufmerksam gemacht und ich den Künstler nicht von der Ausstellung in der Kunsthalle her gekannt hätte. Die Präsenz dieser Kunstwerke war sozusagen die Bestätigung, dass Zürich in der zeitgenössischen Kunst ganz vorne mitmischt. Doch während Guytons Tischvitrinen in Zürich genügend Potenzial haben, um einen Streit über Sinn und Unsinn von Kunst auszulösen, strahlen die rund drei mal dreieinhalb Meter grossen Kunstwerke im Arsenale in Venedig eine Aura der Zeitlosigkeit aus: Schön, gefällig – und weiter schreitet man zum nächsten Kunstwerk.

Und so bin ich Hunderte von Metern Kunst abgelaufen. Selbstverständlich hätte ich mich vor jedem Werk ausgiebig damit beschäftigen können, aber im Wissen um die vielen Räume, die noch kommen, zog es mich oft schnell weiter. Es hat Spass gemacht, aber die Überfülle überforderte schliesslich meine Aufnahme- und Speicherkapazität. Eher dieser Aspekt als jener der Passivität war die Ursache für meinen nicht überschlagenden Pegel der Begeisterung. Es ist auch dieser Aspekt, der mich an Philipp Meiers Forderung, die Kunst und ihre Vermittlung ins Web zu verlegen, skeptisch macht. Droht da nicht vielmehr eine riesige Kunstflut? Ausserdem: Es steigt zwar im Netz die Möglichkeit der von Meier geforderten Interaktion und der Mitgestaltung von Kunstwerken und Ausstellungen. Dass die Qualität der Kunst dadurch erhöht wird, ist jedoch sehr fraglich. Auch wird die Kunst durch den Bildschirm auf die Zweidimensionalität und die immergleiche Oberflächenstruktur reduziert.

Aber vielleicht bin ich zu skeptisch und wir werden dank 3D-Druckern demnächst kostengünstig zu Hause die Kunstwerke unserer Träume ausdrucken können. Und wer weiss, ob in naher Zukunft nicht auch folgendes Highlight der Biennale in Form eines animierten Hologramms in die Wohnstube projiziert werden kann: Sechs Blechbläser besteigen das alte isländische Fischerboot S.S. Hangover, spielen ein wunderbar schwermütiges Musikstück und fahren im alten Militärhafen Venedigs Runden, vorbei an Werfthallen und einem Kran.

Es ist eine Performance von Ragnar Kjartansson, die bis am 24. November 2013 täglich zwischen 14 und 18 Uhr live zu sehen ist. Derselbe Künstler bescherte mit der Videoinstallation «The Visitors» Ende letztes/Anfang dieses Jahrs dem Migros Museum für Gegenwartskunst einen unerwarteten Segen an Besuchern – jeden Alters. Wer weiss, vielleicht lässt sich das Venedig-Schauspiel schon bald in Zürich wiederholen: Die S.S. Hangover fährt vorbei am Stadthaus, dem Grossmünster, der Wasserkirche, dem Fraumünster, dem Rathaus, dem Hafenkran …

 

PS: Philipp Meier hat in seiner Antwort auf meinen Blogeintrag als Fazit entgegnet, dass alle nach dem erzwungenen Museumsbesuch zurück an ihre Rechner gehen und selbst aktiv werden sollen. Damit widerspricht er mir ja gar nicht: Genau so war auch mein abschliessendes Plädoyer gedacht. Einzig mit dem Unterschied, dass es nicht gezwungenermassen ein Computer sein muss, und dass deshalb nicht gleich alle Künstler sind. Ausserdem darf der Museumsbesuch ebenso Innovationen in anderen Gebieten auslösen.

 

Foto: Boot S.S. Hangover an der Biennale Venedig

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