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Fr 01. April Sa 30. April 2016 Karl der Grosse

Word in progress

Editorial April

Übersetzen lernen.

Schöne Sätze, flotte Floskeln und wohlig auf der Zunge liegende Worte: von gestern. In einer Welt, in der sich immer mehr Menschen näher kommen, die nicht die gleiche Muttersprache sprechen, werden wir uns immer öfter von Sprachlücke zu Sprachlücke hangeln. Improvisation ist die Poesie von heute. Verständnis entsteht nicht unbedingt in der perfekten Übersetzung. Sondern im Akt der Annäherung.

Der Auftaktkongress von «Wir alle sind Zürich», einem neuen zivilgesellschaft-lichen Bündnis, das von einer migrantischen, interkulturellen Realität ausgeht, hat das gezeigt. Unter den rund 500 Aktivisten und Interessierten, die sich am zweiten MEI-Jahrestag in der Zürcher Shedhalle trafen, sah man während den Workshops und Vorträgen Menschen, die flüsternd die Köpfe zusammensteckten. Sie haben nicht getuschelt. Im Gegenteil, sie waren hochkonzentriert. Sie übersetzten füreinander, inoffiziell, solidarisch, selbstverständlich.

Die Gegenwart zeigt sich also nicht nur migrantisch, sondern auch mehrsprachig. Doch es geht nicht um polyglotte Perfektion und karrierefördernde Sprachdiplome im CV, sondern um eine unaufgeregte und unfertige, vielleicht holprige mehrsprachige Praxis, die Gewohnheit und Alltag wird. Worte sind work in progress.

«Word in progress» beschreibt viele April-Veranstaltungen im Karl: Im «Generationen-Café» verhandeln Mütter, Töchter und Enkelinnen Jahre geteilter Lebenszeit. Mit dem «Club español» starten wir unsere erste mehrsprachige Veranstaltungsreihe. Der Berliner Publizist Mark Terkessidis erzählt, wie er sich das Zusammenleben der Zukunft vorstellt. Und der Poet und Performer Jürg Halter lädt in seiner «Sprechviertelstunde» zu 15-minütigen Sprechtherapien in seine Lebensberater-Mini-Praxis auf der Maxi-Dachterrasse.

«Talking cure» hiess das bei Freud. «Talking pure» bei uns.

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