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Vom Mut, den Rost nicht wegzuputzen

Nun wurde er also eingeweiht, der Hafenkran, und das Horn hörte man nicht, und die Zeitungen waren voll davon, dass das Horn nicht gehört wurde. Eine Wahnsinnsgeschichte, weltbewegend und doch Peanuts.

Beim offiziellen Eröffnungsakt durfte auch ich reden. Neben Stadtpräsidentin, Martin Waser, Zunftmeister, Präsident der Schildner zum Schneggen, Euroports-Geschäftsführer und dem Vertreter von «Freunde Zürich Maritim» durfte also auch der Pfarrer der Stadtkirche ans Mikrophon. Zusammen mit alt-Stadtrat Martin Waser wurde ich auf eine Hebebühne dirigiert – auf der normalerweise Personen mit Migrationshintergrund stehen und Fenster putzen. Wir wurden nahe zu den Menschen gehievt.

Ich redete frei und nahm die Spur des Rostes auf. «Rostspuren am Kran gefallen mir», so begann ich, «denn ich habe ein Flair für den Rost. Unsere Stadtkirchen tragen in sich die Erinnerung an rostige Flecken dank der ‹geistlichen Atmosphäre› im Kirchenschiff, dank den Stadtheiligen Felix und Regula, dem ägyptischen Geschwisterpaar, Vorgängerin und Vorgänger der koptischen Schwestern und Brüder, und dank unserem Reformator Huldrych Zwingli.»

    Der Kran zieht nun diese Rostspur aus dem Kirchenraum ans Limmatufer und sensibilisiert die Öffentlichkeit in dreifacher Hinsicht:

  • Grossmünsterschiff wie Hafenkran schärfen den Blick auf die rostigen Flecken in unserer Stadt. Es ist eine hohe Kunst, den Rost bei Menschen und Quartieren nicht zu übermalen. Rost setzt sich dort an, wo Menschen im Regen stehen gelassen werden, wo Quartiere im Schilf stehen, wo das Zusammenleben von Nationen und Kulturen nicht gehegt und gepflegt wird.
  • Grossmünsterschiff wie Hafenkran stellen uns die Frage, in welchen Rost wir in Zukunft investieren wollen. Den am Mensch oder den an Kunst? Denn mit Rost lässt sich keine Politik machen, höchstens Kunst.
  • Grossmünsterschiff wie Hafenkran möchten die Stadt in den Hafen ziehen, wo man sich in der Kunst des Rostes übt. Statt rasen rasten, entschleunigen, flanieren, diskutieren, innehalten – dazu bewegst Du uns, Kran, für ein paar Monate, und Du, Grossmünster, für weitere 800 Jahre – grossartig, danke!

Ich stieg nach der Rede Martin Wasers wieder von der Bühne hinunter und mischte mich unters Volk. Natürlich stehen unsere Quartiere nicht im Schilf, wenigstens nicht immer; natürlich wollen wir den Rost nicht sehen, wenigstens nicht immer. Die Gespräche drehten sich immer wieder um diese Spannung: Dass es natürlich ist, Rost anzusetzen, dass dies jedoch nicht für Zürich oder einen persönlich gelten soll.

Erinnerungen an den Platzspitz, vom «Tages-Anzeiger» in den vergangenen Tagen wachgerufen, nähren in mir den Verdacht, dass unsere Stadtseele sich nach wie vor schwer tut mit dem Rost an Mensch und Quartier.

So sehr ich das Flanieren am Platzspitz heute geniesse und so sehr es richtig war, dass Pfarrer Sieber, das Sozialamt mit Monika Stocker und viele andere für einen menschlichen Umgang mit Suchtkranken einstanden, so sehr all dies unschätzbar war und ist, so sehr wehre ich mich dagegen, dass jeder Rost versteckt, weggeputzt oder gar verteufelt wird.

Rost setzen alle an, die sich dem Wind und Wetter des Lebens aussetzen. Rost gehört zum Leben wie der Glanz. Rost zeigt, dass gelebt, gelitten, verzweifelt, geheult und gelacht wird. Statt einem klinisch sauberen Zürich plädiere ich für diese rostige Patina unserer Stadtseele.

Auch heute leben Obdachlose in unseren Gassen, ohne dass wir sie sehen oder sehen wollen. Auch heute leiden Suchtkranke laut schreiend, ohne dass wir sie hören oder hören wollen. Auch heute werden Arbeitnehmer nach draussen bugsiert, ohne dass ein Hahn danach kräht. Auch heute brechen Arbeitgeber an ihrer Verantwortung und landen in einer Sackgasse.

Rost kann man nicht einfach immer wegputzen. Denken Sie einmal bei einem Kaffee beim rostigen Kran an der Limmat darüber nach.

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