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Von der Lust, die ZVV auf den Mond zu schiessen

Von Felix Ghezzi 28. Oktober 2013 2 Kommentare

Florina Schwander hat sich im Karl-Blog bereits über Jammerlappen ausgelassen. Ich glaube, dass ich mich guten Gewissens nicht dazu zählen darf. Trotzdem: Ich nerve mich jeweils über Menschen, die sich aufregen, wenn das Tram drei Minuten Verspätung hat, und die die ZVV in einem Jahr nicht nur 90 Mal sondern mindestens 150 Mal auf den Mond schiessen möchten.

Lernt man im Ausland Menschen kennen, kommt man erstaunlich oft auf das Thema ÖV zu sprechen. Und dann hört man sie in höchsten Tönen von unserem öffentlichen Verkehrsnetz schwärmen und von der Pünktlichkeit, mit der Tram, Bus und Zug fahren. Sie träumen davon, dass sie morgens mit nur drei Minuten Verspätung im Büro erscheinen oder zum Date nicht eine Stunde früher an der Tramhaltestelle stehen müssen, damit das Rendezvous wegen Unpünktlichkeit nicht schon eingestellt ist, wenn sie dann endlich am abgemachten Ort ankommen.

Und selbstverständlich hat man es als Tourist oder Geschäftsreisender in Italien, Deutschland, Brasilien, wo auch immer, schon mehrmals erlebt, dass man an einer Haltestelle den Fahrplan studiert, auf die Uhr geschaut, wieder auf den Fahrplan geguckt, ein paar Minuten später erneut auf die Uhr geschaut, wieder auf den Fahrplan geguckt, sich gefragt hat, ob der Bus einem vielleicht vor der Nase abgefahren ist, bis einem andere Wartende mit Gelassenheit versichert haben, dass das hier eben so sei. Der Bus komme schon noch – oder auch nicht.

Bei uns in Zürich hingegen scheint sich ein neues Phänomen abzuzeichnen: Die Trams kommen zu früh am Zielort an. Das hat natürlich Vorteile: Der Chef freut sich über die Überpünktlichkeit seines Mitarbeiters und die Verliebte hat vor der Verabredung nochmals Zeit, den Garderobe- oder Make-up-Check zu machen.

Aber es gibt eine Kehrseite des neuen Phänomens: Das Tram fährt nämlich auch zu früh ab. Innerhalb weniger Tage erhielt ich von meiner Freundin zwei Mal eine SMS. Zuerst mit den Worten: «Tram ZU FRÜH vor Nase weg! ☹», dann: «SCHON WIEDER!!» plus zwei Emoticon-Teufel. Meine Antwort «Take it easy!» fand sie gar nicht lustig. Auch am Abend schnaubte sie noch vor Ärger und regte sich darüber auf, dass sie den Wecker noch früher stellen müsse. Dass das doch lediglich ein Luxusproblem sei, wollte auch ein Kollege, der deswegen schon drei Mal die Zugverbindung verpasst hat, nicht auf sich sitzen lassen: «Ja, ja, Du hast gut reden, Du musst nicht eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten! Denen sollte mal ein Shitstorm um die Ohren fliegen!»

Doch dann kam der Tag X. Ich war wie immer auf dem Weg zur Haltestelle, sah, dass das Tram bereits dort stand, wunderte mich, schaute hoch zur Uhr bei der Station: 07.38. In der beruhigenden Gewissheit, dass ich noch zwei lange Minuten Zeit hatte, um einzusteigen, schlenderte ich zum 15er. Doch der Tramchauffeur gedachte nicht, die Tür nochmals zu öffnen und fuhr mir vor der Nase davon. Der Zeiger war erst gerade auf 07.39 gesprungen.

Ich weiss nicht, was in den Chauffeur, aber umso mehr, was in mich gefahren war: Eine verdammte Stinkwut, eine unglaubliche Aggressivität. Sie muss aus den berühmten unergründlichen, unbewussten Gegenden hochgestiegen sein. Denn schliesslich hat mir mal jemand gesagt, sie kenne niemanden, der so geduldig sei wie ich. Was ist nur los mit der ZVV – was ist nur los mit mir?

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2 Kommentare

  • Florina

    Also ganz ehrlich, da würde ICH mich aufregen (was wiederum nichts mit jammern zu tun hat). Wenn ein Tram unterwegs den normalen Fahrplan aufholt und bei gewissen Stationen zu früh ist, mei, kann passieren. Wer aber an der Endstation zu früh losfährt, der gehört gehört benervt. Wie wärs mal mit einem netten Mail/Telefon an die ZVV?

  • Felix Ghezzi

    Habe ich getan: Ich habe ZVV Contact ein nettes Email geschrieben und den Sachverhalt geschildert. Sie haben mir auch innerhalb kürzester Zeit geantwortet, sich freundlich entschuldigt und mir versichert, dass das natürlich nicht geschehen sollte. Auch wollten sie die Haltestelle, Datum und genaue Zeit des Vorfalls wissen. Leider habe ich es mir nicht aufgeschrieben.

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