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Von der Predigt des Taxifahrers

Von Christoph Sigrist 26. November 2013 Keine Kommentare

Als ich vor elf Jahren von St. Gallen nach Zürich kam, dachte ich, es ginge wenigstens mit dem Fahrrad genauso weiter wie in der Ostschweiz. Denn dort fuhr ich mit dem Velo durch die Gassen und Einbahnen; Stopp und Gegenverkehr liessen mich dabei kalt. Nicht der fliegende Holländer, sondern der fliegende Pfarrer war das Thema in der Stadt.

Nun, in Zürich läuft vieles anders als in anderen Städten. In der ersten Woche wurde mir das Velo im Dorf geklaut, nach vier Wochen das aus zweiter Hand erstandene zweite Rad beim Hauptbahnhof. Kurzerhand entschloss ich, mich nur noch mit den Füssen in den Gassen zu bewegen. Ich wurde ein Pfarrer des öffentlichen Verkehrs und bin es bis heute.

Das fehlende Velo trieb mich nicht nur in Tram, Bus und Zug, sondern liess mich auch zum begeisterten Taxifahrer in der Stadt werden. Ich kenne viele Taxifahrer, rede mit ihnen Spanisch, Englisch, Französisch und mit den Händen, weiss um die Nöte der Leute und bekomme so Zugang zu einer anderen Welt in unserer Stadt.

Vor wenigen Tagen fuhr ich zu einem Vortrag nach Basel. Nach dem Vortrag kam ich zum Ausgang, mein Taxi wartete auf mich. Ich stieg ein. «Zum Bahnhof», sagte ich. «Ja, ja, ich weiss, wie immer», antwortete mir der Mann älteren Jahrgangs in schönstem Basler Dialekt. Sofort blickte ich von meinem Handy auf und suchte das Gespräch auf der Fahrt zum Bahnhof.

«Ich bin mit Leib und Seele Taxifahrer!» Und ein breites Lachen erhellte sein Gesicht. «Das trifft sich gut, denn ich bin mit Leib und Seele Pfarrer. Was würden Sie vermissen, wenn Sie mit dem Taxifahren aufhören müssten?» «Den verstellungsfreien Raum im Auto.» «Den verstellungsfreien Raum?» «Ja, klar. Wissen Sie, ich habe ja unterschiedliche Kundschaft, am Tag wie in der Nacht. Doch ob Bundesrat, Prostituierte, Banker oder Hausfrau mit Kind, jeder und jede ist in meinem Auto unverstellt sich selber.

In meinem Auto erlebe ich eine Ehrlichkeit, die ich draussen so nie erfahre. Und da staune ich schon, wie sich Schein und Sein mit dieser Tür unterscheiden.» Und wie zufällig berührte er seine Seitentür und bog zum Hauptbahnhof ein. Ich gab ihm ein grosszügiges Trinkgeld. «Danke für die Predigt, für das Wort zum heutigen Tag.» Er lachte: «Das habe ich auch noch nie, einem Pfarrer gepredigt. Ich komme einmal zu Ihnen ins Grossmünster.»

Auf der Zugfahrt nach Zürich begleitete mich die Vorstellung des nicht verstellungsfreien Raumes. Was für ein Bild: Das Taxi als Raum, wo sich Menschen unverstellt und unmittelbar so begegnen, wie sie sind und nicht wie sie scheinen! Es täte einer Stadt gut, nicht nur Taxis als solche Räume bereitzustellen.

Der «Karli» ist für mich so ein «Taxi-Raum» – auf meiner Fahrt durch den Tag steige ich für einen Augenblick ein, begegne Menschen im Café, habe eine Sitzung oder eine Verabredung. Und wie oft stellt sich ein, dass ich im Gespräch plötzlich fühle: jetzt wird es dicht, ernst und unmittelbar. Solche Augenblicke beinhalten Glücksgefühle, die die Menschheit sonst nur Königen zuschreibt. Karl der Grosse, so denke ich mir aufgrund der Predigt meines Taxisfahrers, wäre wohl auch einfach ein Mensch wie Du und ich im Karli; glücklich, verstanden zu werden und zu verstehen.

Dieser Kerl, unser Karl der Grosse, sitzt ja auch auf dem Turm des Grossmünsters – sicher seit dem 15. Jahrhundert schon. Also kann auch der Kirchenraum zu einem solchen Raum werden, wo Menschen sich unverstellt und ehrlich begegnen können. Räumte deshalb unser Reformator Huldrych Zwingli Altäre, Bilder und Kerzen aus dem Raum, damit niemand sich etwas vormachen muss und die Begegnung mit Gott und dem Nächsten unverstellt und deshalb berührend unmittelbar geschieht?

Seltsam, das Profil des Taxifahrers und das berühmte Bild von Zwingli von Hans Asper in der Sakristei ähneln sich… Wenn mein Taxifahrer mich besucht im Grossmünster, dann frage ich ihn, ob er Verwandte in Zürich habe.

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