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Von Städtern, Hinterwäldlern und anderen Ausländern

Von Brigitte Federi 12. März 2014 1 Kommentar

Heute geht es hier um Stereotype und Sandstrände. Zwei Dinge also, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben – so dachte ich zumindest bis vor wenigen Tagen.

Über Stereotype und die Vorurteile, die daraus entstehen können, habe ich mich in den Wochen nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative regelmässig geärgert. Für einmal nicht nur über Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen, sondern auch über Vorurteile gegenüber Bevölkerungsgruppen mit einem Schweizer Pass: Hier in Zürich vor allem gegenüber der ländlichen Wohnbevölkerung, manchmal abfällig auch Landeier oder Hinterwäldler genannt. Beschränkt sei ihr Denken, rückständig und dumpf. Nur so konnte sich der elitär fühlende Städter erklären, wie die Initiative überhaupt hatte angenommen werden können.

Ich glaube nicht, dass mein Ärger über dieses Denken damit zu tun hat, dass auch ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens ein sogenanntes Landei war. Auch nicht damit, dass ein Teil meines Umfelds in ländlichen Gebieten lebt. Nein, ich verstehe generell nicht, wie man eine Bevölkerungsgruppe in einem Rundumschlag mit Adjektiven versehen und in eine Schublade stecken kann. Und so schlussendlich genau das macht, was man der soeben schubladisierten Bevölkerungsgruppe vorwirft.

Aber ich weiss: Stereotype erleichtern uns den Alltag. Vereinfachte Vorstellungen über Personen oder Gruppen und deren Eigenschaften dienen uns dazu, Unsicherheiten zu reduzieren und uns Orientierung in einer komplexen, sich ständig verändernden Welt zu geben.

Es ist diese Erkenntnis, die meinen Ärger über Vorurteile, Klischees & Co. schliesslich milderte. Zusätzlich versöhnte mich eine Geschichte aus einem Deutschkurs für erwachsene Migranten. Die Kursleiterin sprach mit den Teilnehmern über Stereotype in ihrer Heimat und fragte nach Klischees, die es in den einzelnen Ländern über die Schweiz gäbe. Eine Südamerikanerin meldete sich: Die Schweizer hätten alle einen sehr seltsamen Gang. Grosses Gelächter im Kursraum, die anderen Teilnehmer nickten und bestätigen diese Beobachtung.

Die Dozentin war perplex, sie hatte mit Stichworten wie Pünktlichkeit oder Sauberkeit gerechnet. In der darauf folgenden Diskussion fand eine italienische Kursteilnehmerin dann auch gleich eine Erklärung für unsere angeblich seltsame Gangart: Die Schweiz läge nicht am Meer, uns fehle es deshalb an Spaziermöglichkeiten auf Sand. Gäbe es in der Schweiz mehr Sandstrände, wären wir alle weniger steif und hölzern unterwegs.

Mir hat die Geschichte gefallen – eine noch nie gehörte Stereotypisierung, auf die dann auch gleich ein Gegenmittel folgte. Zwar prüfe ich seither meine Gangart in jedem spiegelnden Schaufenster äusserst kritisch, aber ich stelle mir auch vor, wie es wäre, wenn die Zürcher am See nicht in exklusivem Schuhwerk auf Beton und Kies promenieren würden, sondern barfuss auf feinstem Sandstrand. Ich weiss zwar nicht, was diese Strandspaziergänge aus uns machen würden, aber ein Versuch scheint es allemal wert zu sein.

1 Kommentar

  • Urs Bigger

    ciao Brigitte, es ist immer wieder bewundernswert wie du ein Thema angehst; immer mit einer überraschenden Sichtweise. So macht’s richtig Spass deine Artikel zu lesen. Und jetzt hab‘ ich sogar geschaft zu schreiben. ^Urs

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