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Warum ich doch kein Öko-Gutmensch bin

Von Brigitte Federi 30. Januar 2015 2 Kommentare

Vor vier Monaten haben wir unser Auto verkauft. Viel gab es nicht mehr her – was auch der Hauptgrund war, wieso wir es loswurden. Mit den Garage- und Versicherungskosten und dem anstehenden Service hatte es uns zu lange schon mehr gekostet als gebracht. Und so gehören wir seit Ende September zu den rund 25% der Zürcher Haushalte, die autofrei sind. Benötigen wir doch mal eines, sind wir in der komfortablen Lage, über Mobility im Umkreis von 500 Metern aus etwa 15 Fahrzeugen eines auswählen zu können.

Wenn ich diesen Autoverkauf in den letzten Monaten in Gesprächen mit Freunden oder Bekannten erwähnt habe, ist öfter dasselbe passiert: Mein Gegenüber – falls es sich um eine Autobesitzerin oder einen Autobesitzer handelte – hat mir einige Minuten lang ausführlich erklärt, wieso sie oder er auf keinen Fall auf das Fahrzeug verzichten könne. Mir war das schon beim ersten Mal peinlich, nach dem dritten habe ich von Anfang an betont, dass wir eher aus ökonomischen als ökologischen Gründen gehandelt hätten, und dass ich die Situation meines Gegenübers natürlich absolut verstehen würde. Was ich übrigens auch immer tat. Verteidigt haben sich interessanterweise nämlich ausschliesslich diejenigen, deren Leben sich ohne Auto tatsächlich stark verkompliziert hätte. Nun ja, vielleicht fiel denjenigen, die sich nicht verteidigten, auch einfach keine überzeugende Ausrede ein…

Wie auch immer – wohl fühlte ich mich bei all den Beteuerungen der Autofahrer nicht. Als ob ich Stadtzürchern mit Auto eine Art Absolution zu erteilen hätte! Und so fing ich an, mir Argumente zu überlegen, wieso mich mein Gegenüber nicht als ökologischen Gutmenschen sehen sollte:

  • Ich bin zu faul für die Grünabfuhr
  • Wir trinken zu Hause keinen Kapsel-Kaffee, aber nicht, um die Müllberge zu verkleinern, sondern weil wir den Geschmack nicht mögen
  • Bei schlechtem Wetter kann es passieren, dass wir auch für kurze, mit der S-Bahn gut erreichbare Reiseziele, spontan ein Auto mieten
  • Mein Kind isst so wenige Gemüsesorten, dass ich diese das ganze Jahr über einkaufe, auch wenn sie im Winter von einem anderen Kontinent eingeflogen werden

Ob das hilft? Ich werde es bei der nächstmöglichen Gelegenheit ausprobieren. In der Zwischenzeit schäme ich mich ein bisschen wegen der Grünabfuhr – ich sollte das wirklich in die Hand nehmen. Zum Glück besitzen wir seit längerem ein Biogemüse-Abo, das relativiert die Sache. Davon sollte ich den Stadtzürcher Autofahrern aber nicht erzählen.

2 Kommentare

  • seenia

    es ist immer wieder schön von dir zu lesen, fast wie früher.
    nun meine frage die sich gestellt hat: was ist denn schlecht am öko sein?

    die grundsätzliche frage aber ist und bleibt: muss man denn das was man tut oder ist verteidigen?

    obwohl mir jetzt natürlich noch viel einfallen würde, wieso es in der stadt zürich auch als familie kein auto braucht (früher bei mir als kind ging es sogar auch noch ohne mobility…) – und man gross und stark werden kann ohne auto. das würde aber ganze blogbeiträge füllen. 🙂

    liebe grüsse von der anderen seite der geleise.

  • Brigitte

    @seenia: Danke erstmal!

    Es ist wohl das schlechte Gewissen, dass uns in diese Verteidigungshaltung bringt. Wir wissen in den meisten Fällen ja sehr genau, was ökologisch Sinn macht und was nicht.

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