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Was ist der Rede wert?

Von Karl der Grosse 16. Februar 2015 Keine Kommentare

Die dunkelsten Monate des Jahres waren die Zeit der Winterreden: Im Dezember und Januar haben sich 30 mutige Menschen weit aus Karls Erkerfenster gelehnt und eine Rede gehalten; unten auf dem Grossmünsterplatz haben sich Menschen versammelt und zugehört. Diese Ausgangslage – einer spricht, viele hören zu – haben wir als Experiment verstanden.

Wir fragen: Was ist der Rede wert? Und: Was ist der Wert der Rede?

Winterreden im Regen

Hier eine lose Sammlung von Beobachtungen, die wir während den zwei Monaten unseres Reden-Experiments machen konnten:

  • Einer der schönsten Momente bleibt dem Publikum verborgen: Bevor die Rede beginnt – während draussen die Glocken des Grossmünsters läuten – steigt die Nervosität im Erkerzimmer. Ob alter Hase im Showgeschäft oder Reden-Küken ohne Erfahrung, alle sind sie in diesen vier Minuten freudig angespannt und nervös.
  • Es kann passieren, dass jemand sein Alter Ego die Rede halten lässt und sich einige Wochen nach der Rede für immer von diesem verabschiedet (so geschehen mit Kutti MC aka Jürg Halter).
  • Rednerinnen und Redner reden erstaunlich oft über das Gute, das es schon gibt, und zeigen Lösungen auf, wie alles noch besser wird. Schwarzmalerei und Anprangerei ist selten.
  • Der Zusammenhang zwischen Rede und Hot Dog bleibt weiter im Unklaren.
  • Wer seine Rede unten auf dem Platz hält, der nimmt besser eine Extrabeleuchtung mit, z.B. eine Fackel.
  • Wenn es um 17.45 in Strömen regnet, dann spricht der Redner um 18 Uhr zu einem (fast) leeren Platz.
  • Lädt man das frierende Publikum nach der Rede zu sich ins Erkerzimmer ein und serviert «Spanisch Brötli», dann nimmt die Menschenmenge dieses Angebot hocherfreut an.
  • Hunde sind aufmerksame und zwischenrufsfreudige Zuhörer, wenn sie der Rednerin eng verbunden sind. Ansonsten sind sie eher als indifferent einzustufen.
  • Ähnliches gilt für Kinder.
  • Passanten bleiben oft kurz stehen, hören einen Moment zu, gehen dann zum Ankündigungsbildschirm, um zu lesen, wer denn noch eine Rede halten wird, und gehen dann weiter.

Was ist das Ergebnis unseres Redenexperiments? Und: Wie geht es mit den Winterreden weiter?

Wir haben viele Fragen. Reden Sie mit! Zum Beispiel mit einem Kommentar auf dieser Seite. Wir haben Lust darauf, das Format der Winterrede gemeinsam mit Ihnen weiterzuentwickeln.
Winterreden bei Karl der Grosse

Fragen mit Gesprächsbedarf

Zur Inspiration haben wir hier einige Nachfragen von den am Experiment beteiligten Menschen herausgegriffen, um zu zeigen, in welche Richtung die Diskussion sich bewegen könnte.

«Wie habt ihr denn die Rednerinnen und Redner ausgewählt? Es gäbe sicher noch andere interessante Menschen!»

Einverstanden. Es gibt so viele spannende Persönlichkeiten, dass wir noch ewig weitermachen könnten mit den Winter-, Frühlings-, Sommer- und Herbstreden. Wir haben immer noch eine wahnsinnig lange Liste von Menschen, die wir gerne eingeladen hätten. Und gerade weil das so ist und wir über eine Weiterführung des Formats nachdenken, ist es wichtig, zu erfahren, was Sie denken. Wer gehört in Karls Erker? Wem wollen Sie das Wort erteilen?

«Ich habe eine Rede verpasst. Das ärgert mich und ich finde es sehr schade, dass die Reden nicht aufgezeichnet und zum Beispiel ins Web gestellt wurden. Das Angebot hätten sicher viele Leute genutzt.»

Es war eine ganz bewusste Entscheidung, dass die Reden nicht aufgezeichnet werden. Eine Rede ist ein einmaliges Ereignis, das von der Kopräsenz von Rednerin und Publikum lebt. Sie birgt dadurch ein Geheimnis: Es gibt jene, die dabei waren und wissen, was geschah, und es gibt jene, die nicht dabei waren und ausgeschlossen sind aus dem Kreis der Winterrede.

Nach dem Redenexperiment sind wir aber nicht mehr sicher, ob es nicht doch eine gute Idee wäre, die Reden aufzuzeichnen. Aber wie? Ein Video? Eine reine Audioaufnahme? Werden die Aufzeichnungen im Internet veröffentlicht oder kann man sie nur vor Ort in Karls Mediathek konsumieren?

«Die Rede ist doch ein Format aus der Vergangenheit: Einer hat die Macht, die anderen müssen zuhören. Das kann doch nicht euer Anliegen sein?»

Selbstverständlich nicht. Es ging uns vielmehr darum, einen besonderen Moment erfahrbar zu machen: Passiv Zuhörende und aktiv Sprechende begegnen sich in dieser Situation unter Umständen, die für die meisten ungewohnt sind. Als Rednerin richte ich mich «von der Kanzel herab» an mein Publikum, unten auf dem Platz bin ich zum frierenden Schweigen verdonnert. Was lösen diese Rollen in den Menschen aus?

Für uns als Veranstalter, aber auch für die (zukünftigen) Winterrednerinnen und Winterredner, für das (zukünftige) Publikum, stellt sich die Frage: Wie thematisiert man das Machtgefälle der Redesituation? Wie kann man es durchbrechen? Wie provoziert man eine Publikumsreaktion? Wie schafft man es als Publikum, die Hemmungen abzulegen und tatsächlich durch Zwischenrufe und Sprechchöre aktiv zu werden? Und wie reagiert man als Sprechende auf Provokationen vom Platz? Wie begegnet man sich in dieser sehr ungewohnten Situation auf Augenhöhe? Wie kann man nach der Rede den Einstieg in die Debatte finden?

Karl der Grosse hält eine Winterrede
> Alles nur Schall und Rauch? Hier geht es zu Karls Winterrede vom 28. Januar 2015

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