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Was uns ein Rasenmäher über Kunst beibringen könnte

Von Felix Ghezzi 4. Februar 2014 1 Kommentar

«Das soll Kunst sein?» An diesen Satz und an hochgezogene Augenbrauen und in Falten gelegte Stirnen erinnere ich mich, wenn ich an die Ausstellung von Roman Signer im Sommer 1991 in der Galerie Bob Gysin in Dübendorf denke. Damals war der Appenzeller Künstler noch nicht weltberühmt. Der erste Ausstellungsraum war dem Architekturbüro, in dem ich meine Lehre als Hochbauzeichner absolvierte, vorgelagert. Und also waren Bauherren, der Pöstler mit dem eingeschriebenen Brief oder der Kurier gezwungen, an den Kunstwerken vorbeizugehen. Grund des Unverständnisses war zum Beispiel der Metalleimer, zur Hälfte gefüllt mit Wasser, in dem ein Bein eines Holzhockers stand. Die Tracheen sogen das Wasser im Holz hoch und über den Wasserstand hinaus.

Viele Menschen haben ein Vorbild (vor einigen Jahrzehnten lag Mahatma Gandhi hoch im Kurs, heute Steve Jobs). Seit meine Fussballträume früh auf der Ersatzbank sitzen blieben, hat es keine Person mehr gegeben, der ich nacheifere. Es gibt jedoch wahrscheinlich neben Roman Singer keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die resp. deren Arbeit mir seit so langer Zeit zuverlässig immer wieder begegnet ist, und die mich immer wieder verblüfft und zum Schmunzeln gebracht hat. Seine Kunst war, so abgedroschen es in diesem Zusammenhang tönt, eine Initialzündung für mein Kunstverständnis: Mein Vor-Bild für «Das ist also auch Kunst.»

Koffer, Stühle, Tische, Kajaks, Helikopter, Gewehre, Schirme, Ventilatoren, Kerzen und Raketen bevölkern seit über zwanzig Jahre Signers Ausstellungen. Sie werden in immer neuen Anordnungen und Experimenten zu poetischen Werken: roh und aufs Minimum reduziert, gleichzeitig durch die Einfachheit von Material und Idee unerwartet ästhetisch. Und besonders offensichtlich zeigt sich in Signers Filmen und Videos die Stärke, dass die aufgenommenen Kunst-Aktionen sowohl eine oberflächliche Freude bereiten können, als auch bei der Hinterfragung weitere Bedeutungsebenen möglich werden.

In der Wiederkehr der Gegenstände steckt vielleicht auch der Nukleus, weshalb mich seine Werke immer wieder an die eingangs erwähnten Reaktionen erinnern – oder daran, wie meine Grossmutter am 20-jährigen Jubiläum der Galerie überrascht durch Signers Gewehrschuss aus Schreck beinahe einen Herzstillstand erlebte und sich minutenlang nicht davon erholen konnte. Weniger laut ist mir hingegen ein Mittagessen in Erinnerung. Die Architektencrew sass mit Signer am Tisch. Er schwieg und es entstand kein Gespräch. Ich kann mir nicht erklären wieso.

Umso erfreulicher, dass das Buch «Roman Signer. Reden und Gespräche», das vor wenigen Wochen in der Zürcher Edition Stephan Witschi erschienen ist, beweist, dass er ein guter Erzähler ist – mit einem feinen Humor, den auch seine Kunst auszeichnet. Zur Illustration des Buches kann man noch bis am 14. März 2014 seine Ausstellung in der Galerie Hauser & Wirth in der Limmatstrasse 270 besuchen. Besonders angetan hat es mir dort das Werk «Rasenmäher mit Spraydose»: Ein Rasenmäher-Roboter hat in einem vorgegebenen Feld der Galerie mit blauer Farbe die vom Hersteller programmierte Fahrbahn abgefahren und gekennzeichnet. «Das soll Kunst sein?» – gehen Sie hin und entscheiden Sie selbst.

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