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Wem gehört die Stadt?

Von Christoph Sigrist 19. März 2014 1 Kommentar

Geht es Ihnen auch so: Sie hören einem Vortrag zu, schweifen mit den Gedanken ab und schreiten eigene Pfade ab. Plötzlich sticht aus dem Wortschwall ein einzelnes Wort heraus. Und trifft Sie mitten ins Herz.

So ein Wort, bzw. ein Satz, blieb in der vergangenen Woche in mir hängen und ich bringe es nicht los. Es war nicht ein Wort Gottes, sondern gewissermassen ein Wort Notters.

Im Rahmen der Bildungsreihe KirchenRaumErfahrung sprach alt-Regierungsrat Markus Notter über das Verhältnis von Kirchenraum und Politik. Er öffnete den Spannungsbogen zwischen den beiden Grössen und sprach vom Widerstreit zwischen politischer und kirchlicher Macht. Und dann sprach er das Wort aus, das mich so beschäftigt.

Doch vorher noch kurz: Ich nahm den Ball auf und zeigte dem Publikum dieses Machtspiel am Beispiel des Kirchenraums. Es geht um politische Macht, dargestellt durch die Figur von Karl dem Grossen. Er sitzt auf dem Karlsturm und thront über der Stadt und blickt Stadtpräsidentin Corine Mauch direkt ins Büro.

Die vermutlich erste Version der Sandsteinfigur befindet sich jedoch in der Krypta. Dort «höckelt» unser Karl brav und erwartet tausende Gäste, die sich mit ihm fotografieren – obwohl das Fotografieren im Kirchenraum verboten ist.

Der mächtige Karl oben thronend, der grosse Karl unten sitzend, und dazwischen die Kanzel, auf der das Wort von der Macht Gottes machtvoll ausgelegt wird. Umklammert die politische Macht Gottes Macht? Oder unterstellt sich die Politik dem Wort Gottes, ausgelegt von der Kirche?

Ja, in diesem Streit der Macht stellt sich unweigerlich die Frage, eben diese Frage Markus Notters, die mich nicht loslässt:

Wem gehört die Kirche?

Natürlich muss diese Frage bei mir hängenbleiben, sagen Sie mit Recht. Ich bin ja Kirchenmann und Pfarrer. Und in der Tat ist diese Frage drängend, wenn Plakate vom Karlsturm hängen im Zusammenhang mit der Verhaftung von Pussy Riot; wenn 50 Sans-Papiers im Dezember 2007 im Kirchenraum sitzen bleiben wollten, bis der Regierungsrat kam; wenn ein Künstler eine Anlage auf den Turm schmuggelte, damit der Muezzin am Morgen früh vom Kirchenturm das Morgengebet der Muslime sang; wenn vor Jahren die Verantwortlichen der Aidshilfe fragten, ob sie einen grossen Pariser über den Turm streifen dürften, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen; wenn am Sonntagmorgen ein treues Mitglied der Gottesdienstgemeinde nicht seinen Platz in Besitz nehmen darf, weil schon ein Fremder dort sitzt. Ja, wem gehört die Kirche?

Doch dies alles können Fragen sein, die Sie nicht interessieren. Spannender ist es, wenn wir mit einer leicht abgeänderten Frage ins Gespräch kommen.

Wem gehört die Stadt?

Auch hier reihen sich sofort Situationen aneinander: Wem gehört die Stadt, den Einheimischen? Den Fremden? Den Eigentümern? Den Mietenden? Denen mit Zürischnurre oder mit dem hellen «A» des St. Galler-Deutsch, den Reformierten, den Muslimen, den Kindern, den Velofahrern, den Parteiangehörigen?

Das sind heisse und spannende Diskussionen, die bisweilen in Wahlkämpfen und Abstimmungen aufflackern. Und es ist die Aufgabe jedes Kirchenturms, auf die wunden Punkte zu zeigen.

Ich frage Sie: Wem gehört die Stadt?

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1 Kommentar

  • Christoph Schneider

    Dir!

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