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Wenn illegales Handeln moralisch legitim ist

Von Christoph Sigrist 20. Februar 2014 Keine Kommentare

Noch selten hat mich ein Film so aufgewühlt wie «Akte Grüninger», der neue Streifen von Alain Gsponer.

Hauptmann Paul Grüninger ermöglicht im Vorfeld des zweiten Weltkrieges 3600 Juden, illegal über die Grenze bei Diepoldsau im Rheintal zu kommen. Mit Sigi Dreyfuss, dem Leiter der Flüchtlingshilfe, hat er in der ehemaligen Stickerei ein Auffanglager eingerichtet.

Zusammen mit dem Konsulat in Bregenz fälscht er Urkunden und datiert die Ankunft in der Schweiz so, dass aus Illegalität Legalität wird. Er wird gedeckt vom Regierungsrat Valentin Keel, doch Bundesbern ist hellhörig – allen voran der Beamte Frey, der nur ausführt, was seine Pflicht ist. Der Beamte besucht die Ostschweiz mit dem Ziel, die ganze Sache auffliegen zu lassen. Er horcht Flüchtlinge und Helfershelfer von Grüninger aus und befragt Grüninger selbst mehrfach. Der anschliessende Bericht löst das Verfahren und schlussendlich die Verurteilung von Grüninger aus. Er verarmt und stirbt 1972.

Als ehemaliger Pfarrer der Stadtkirche St. Laurenzen in St. Gallen erlebte ich, wie der Kanton sich mit der Rehabilitierung von Paul Grüninger schwertat. Es gehört zum Verdienst vom jetzigen Ständerat Paul Rechsteiner, dass die Rehabilitation in den 90er Jahren gelang. Seitdem bin ich einerseits noch mehr sensibilisiert auf die Sprache, die menschenverachtend Minderheiten mit Formeln wie «Das Boot ist voll», «Massen», «Ausländer» und «Asylanten» pauschalisiert.

Anderseits frage ich mich: Lernen wir denn nie aus der Geschichte, wie auch wir in der Schweiz immer wieder Gefahr laufen, aus Pflicht zu handeln und so beide Augen zudrücken, wenn es um das Schicksal der uns Aufsuchenden geht; wenn wir zum Beispiel die Notsituation in den Herkunftsländern der Flüchtenden anzweifeln?

Und dann kommt im Film die Szene, die ich gerne beschreiben möchte. Der Beamte Frey trifft auf seinem Weg zwei Flüchtlingskinder, die sich vor ihm verstecken. Sie rennen davon, er hinterher, ihre Blicke treffen sich. Und in diesem Augen-Blick geschieht etwas, was ihn zu einer radikalen Wende bewegt. Er bringt sie in das Wirtshaus, wo er übernachtet. Als die Polizei in die Stickerei kommt und die illegalen Flüchtlinge abholt, verhilft er den Kindern zur Flucht.

Im Gespräch mit Paul Grüninger nachts darauf fragt Frey hilflos: «Was soll ich tun? Wenn ich den Bericht abgebe, sind Sie geliefert. Warum tun Sie das alles?» «Weil es selbstverständlich ist», macht Grüninger trocken, «Schauen Sie, wir umarmen die Juden ja nicht, die zu uns fliehen, weiss Gott nicht. Doch wir lassen sie auch nicht vor unseren Türen verrecken. Das macht man selbstverständlich nicht.»

Wer hilft, tut das, was zu tun ist. Um diese Würde des Selbstverständlichen geht es mir, wenn ich helfe und viele mich dann als «Gutmenschen» belächeln. Das lasse ich mir gerne gefallen. Viele, die sich im Solidaritätsnetz Zürich für Sans-Papiers einsetzen oder sich in diakonischen Werken für Obdachlose und Hilflose einsetzen, erleben Ähnliches.

Es stände unserer Stadt gut an, diesen Glanz wieder vermehrt zu zeigen. Und da sollte sie auch die Grösse haben, über die Kantonsgrenzen hinaus auf Spurensuche in der Ostschweiz zu gehen.

Und wer meint, dass wir in der Stadt nicht solche Spuren der Würde des Selbstverständlichen haben, der hat sich getäuscht. Paul Vogt war Pfarrer in Zürich Seebach und gründete dann in Walzenhausen ein Obdach für Flüchtlinge, das bis heute existiert. In den 80er Jahren geriet die Markuskirche in Seebach wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, als Pfarrer Peter Walss chilenischen Asylsuchenden den Kirchenraum für den Hungerstreik öffnete. Er wurde 1984 abgewählt.

Verurteilt, abgewählt, nur weil man das tut, was selbstverständlich ist. Wer sich vom menschlichen Gesicht des Andern in die Verantwortung ziehen lässt, tut, was die Mehrheit verurteilt und was bisweilen zu illegalen Handlungen führt – die doch moralisch legitim sind.

Doch, der Film «Akte Grüninger» hat es in sich. Es lohnt sich, ihn anzuschauen.

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