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Rückblick auf den Wahlkampf

Wer schlief während der Budget­debatte?

Von Adrienne Fichter 18. Februar 2014 1 Kommentar

Die Zürcher Stadtratswahlen standen im Schatten des polarisierenden Abstimmungssonntags. Dies nicht zuletzt aufgrund des wenig aufregenden Ergebnisses von Ersterem: Bis auf die Schwächung des links-grünen Blocks durch den Einzug von Filippo Leutenegger (FDP) fanden keine Erdrutschsiege statt. Die Zeichen stehen also auf rot-grüne Kontinuität mit einem bürgerlicheren Anstrich (6:3-Verhältnis). Da ich als Wahlkampfbloggerin für Karl der Grosse genau hingeschaut habe, sind mir dennoch einige Dinge aufgefallen. Diese möchte ich im Folgenden rekapitulieren.

Zu diesem Wahlkampf wollte ich schon immer ein «Listicle» schreiben, sprich, einen Artikel mit prägnanten Punkten und hohem viralen Schleuderpotenzial. Los geht‘s:

1. Andres Türler (FDP) führte das Stadtratsranking mit den meisten Stimmen an und überholte damit sogar Stadtpräsidentin Mauch. Seinem eigenen Bekanntheitsgrad schien er wohl aufgrund der FDP-Wahlniederlagenserie der letzten Jahre nicht ganz zu trauen: Auf Wahlplakaten und Inseraten war stets prominent der «Bisher»-Status zusätzlich vermerkt. Die Sorge war vergebens. Der FDP gelang sogar der Sensationssieg mit drei zusätzlichen Sitzen. Ob damit der viel beschworene Niedergang der Freisinnigen abgewendet wurde? Wir werden es spätestens 2015 erfahren.

2. Nur die blockfreien «Outsider» Alternative und Grünliberale haben in diesem Wahlkampf ihre Budgets offengelegt (GLP: 250‘000 Franken; AL: 107‘000 Franken). Nicht mal die Transparenzbefürworter SP und die Grünen bezifferten die Höhe der eingesetzten Wahlkampfgelder für Gemeinde- und Stadtrat. Enttäuschend, wie ich finde.

3. Wie wird man als politischer Newcomer am schnellsten in das nächsthöhere Amt auf der politischen Karriereleiter gehievt? Indem man sich für das noch prestigeträchtigere Amt aufstellen lässt und so als Senkrechtstarter bekannt wird. So geschehen bei Filippo Leutenegger (neu: Stadtrat, Ziel: Präsidium) und Nina Fehr Düsel. Für den Stadtrat reichte es Fehr Düsel bei Weitem nicht. Aber dafür für einen Platz im Gemeinderat. Die Rechnung ging also erfolgreich auf.

4. Und nun die Auflösung des Rätsels «Wer schlief während der Budgetdebatte?» Gut informierte Quellen bestätigten mir gegenüber unisono: Es war Monika Erfigen, die SVP-Gemeinderätin.

5. Sämtliche Exekutivmitglieder standen vor ein paar Wochen in der Kritik wegen ihren Nebeneinkünften auf Mandatstätigkeiten. In Bern und Basel haben sich die Regierungsräte von ihren Zusatztätigkeiten getrennt oder sind zurückgetreten. Stadtpräsidentin Corine Mauch hingegen fand daran nichts stossend, da sie mit diesen Nebenengagements nur vom Parlament übertragene Verpflichtungen erfülle. Die Standhaftigkeit scheint ihr zumindest nicht geschadet zu haben. Bei etlichen Vorwürfen zu «Filz» und ungerechtfertigten Bezügen, die man derzeit in der Presse liest, ist das fast schon bewundernswert. Oder ein Beleg mehr dafür, dass die Stadtpräsidentin und Konsorten einfach zu siegessicher waren?

Kampage Peider Filli6. Wer auf «Sex sells» setzte und sich damit gründlich ins Abseits manövrierte, war der sich halbnackt präsentierende Grüne Gemeinderat Peider Filli. Der zweideutige Slogan «Mehr Verkehr für Peider» verschaffte ihm Medienpräsenz, stiess aber v.a. auf bei der Zürcher Gay-Community auf grosse Kritik, da diese die Offenherzigkeit nicht als Asset, sondern als schädlich für die Akzeptanz von Homosexuellen gewertet wird.
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7. Jens Gloor is back. Jens Gloors Kampf gegen die Zürcher Stadtverwaltung vor fünf Jahren um den Erhalt seiner Schwulen-Bar «Nervous», die dem Bürokratiebetrieb zum Opfer gefallen war, brachte die damalige Stadtratskandidatin Corine Mauch ins Schwitzen (obwohl sich der Fall vor ihrer Amtszeit zugetragen hatte). Auf Twitter hat er auch in diesem Wahlkampf unermüdlich zum Kampf gegen Rot-Grün aufgerufen.

8. Es gab lediglich einen Stadratskandidaten, der eine App zu seinem Wahlkampf konzipierte und zum Download anbot: Der Grünliberale Samuel Dubno.

9. Obwohl die Grünliberalen technisch und digital auf der Höhe sind und sich als «führende Partei im Netz» (Martin Luchsinger, GLP-Präsident Zürich) positionieren wollte, hatten sie ein kleines Targeting-Problem (Zielgruppensteuerung) bei ihren Online-Aktivitäten. Ihre Wahlkampf-Kampagne im Web wurde u.a. auch auf der «Food Porn»-Website angezeigt.

10. Bekanntheit scheint ein Bonus zu sein und macht kleine Lügen und Übertreibungen wieder wett. Ich habe mir zwei TV-Duelle von Stadtpräsidentin Corine Mauch und Herausforderer Filippo Leutenegger zu Gemüte geführt. Dieser behauptete in beiden Duellen, die finanziellen Polster der Stadt Zürich seien aufgebraucht, was Corine Mauch jeweils souverän mit klaren Zahlen zum angesparten Eigenkapital konterte. Die «kleine Lüge» haben die Top 5 auch in ihrem Wahlkampfspot verbreitet. Sie schien Leutenegger, der nun neu im Stadtrat sitzt, nicht geschadet zu haben.