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Wie mich ein älterer Herr mit Hang zur Weitschweifigkeit vom Thema abbrachte

Von Martina Bischof 11. September 2013 Keine Kommentare

Eigentlich wollte ich in meinem jungfräulichen Blog-Artikel meine Gedanken zum Escher-Wyss-Platz kundtun. Diesen überquere ich Tag um Tag mit meinem Fahrrad. Nun beschäftigt mich heute Morgen aber etwas anderes. Ich warte nämlich auf einen älteren Herrn.

Unserem Termin voraus ging ein Telefongespräch am vergangenen Samstag. Er, der Herr, führt einen Mittelnamen – auf diesen ist Wert zu legen, vor allem um Verwechslungen zu vermeiden. Er ist seit über zehn Jahren mit einer Brasilianerin verheiratet, einer Dame wohlgemerkt, die nicht aus der Stadt stammt, sondern auf dem Land aufgewachsen ist. Einer richtigen Brasilianerin eben. Er ist seit über zehn Jahren sehr glücklich mit ihr. Vorher gab es eine andere Dame in seinem Leben, mit welcher er einen Sohn zeugte. Diese Liebe ging aber nach zehn Jahren zu Ende. Jetzt fühlt er sich ausserordentlich glücklich.

Angerufen hat er mich, besagter Herr, weil er ein Stück Land besitzt von beachtlicher Grösse in einer Ortschaft an einem See und ihn eine überaus verrückte Idee zur Bebauung ebendieses Grundstückes umtreibt: Er plant ein einzelnes Haus auf mehreren Hektaren Land an besagtem See zu bauen. Ein paar wenige Striche hat er bereits zu Papier gebracht – für einen guten Entwurf benötige es nur wenig, eine Skizze oder zwei, das wirklich geübte Auge brauche nicht viel um zu verstehen, worum es gehe in der Essenz der Gestaltung. Ich bin einverstanden.

Er ist selber Architekt. Ausserdem leidet er an einem ernsthaften Leiden in der Lendenwirbelgegend, welches ihn unter Umständen in den Phasen der Planung zwingen wird, das Zepter mindestens zu teilen. Damit also komme ich ins Spiel.

Er stiess im Internet auf mich, und so stelle ich mich, statt mich mit der Thematik des Escher-Wyss-Platzes zu beschäftigen, bei dieser Gelegenheit doch erstmal der Leserschaft vor:

Mein Vorname nämlich ist seinerseits negativ besetzt, weil eine gewisse Martina anno dazumal das Leben seiner Mutter über alle Massen strapazierte. Das hatte zahlreiche Konsequenzen. Diesen Tolggen um den Vornamen gilt es also aufzuheben. Mein Nachname wiederum löste äusserst positive Gefühle aus, denn seinerzeit gab es in seinem Leben eine Znüniverkäuferin namens Bischof, welche ihm alle zwei Wochen ein Gipfeli schenkte. Die Freundschaft hielt ein Leben lang. Im Nullkommanichts ist klar: Auf mich wartet mehr als eine Aufgabe!

Ich hatte den Eindruck eines phantasievollen älteren Herrn, möglicherweise bieder, vielleicht auch illuster. Eventuell nicht wirklich mutig oder eben ein abenteuerlicher Visionär, wahrscheinlich ein Utopist, sicher aber leicht verschroben, aufgestellt auf alle Fälle und offenbar Räume erkundend.

Seinem Tonfall zufolge stellt er sich das Leben am See mit enorm viel Umschwung traumhaft vor. Diskussionen um Platz und Dichte mögen ihm wenig sagen. Meiner Intuition schliesslich bot das eine oder andere Detail seiner Ausführungen allerlei Grund zur Neugier. So vereinbarte ich einen Termin, denn diese Begegnung konnte ich mir – komme was wolle – nicht entgehen lassen.

So bin ich also heute Morgen, kurz vor 8 Uhr, schneller als üblich und in gespannter Erwartung mit meinem Fahrrad über den Escher-Wyss-Platz gefahren, in diesen Raum hinein über die kreuz und quer, bündig mit dem Asphalt eingelassenen Schienen unter der Hardbrücke hindurch stadtauswärts. Und ja – der ältere Herr mit Hang zur Weitschweifigkeit ist leider nicht aufgetaucht.

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