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Wie sieht es in einem Gummistiefel aus?

Von Felix Ghezzi 2. März 2015 1 Kommentar

Gummistiefel beim Kloster SchönthalKarl der Grosse hat im März das Thema «Wohnen» zum Schwerpunkt gemacht und uns Blogger aufgefordert, über dieses Thema zu schreiben. Und so ging ich erwartungsvoll zu einem Vortrag im Architekturforum Zürich, wo die zwei jungen Inhaber des «Atelier Scheidegger Keller» über ihre Projekte berichteten. Der Titel «Wie sieht es in einem Gummistiefel aus?» hatte meine Neugier geweckt.

Die Gummistiefel waren selbstverständlich nur eine Fussnote in der sehr informativen und erkenntnisreichen Präsentation. Für die Swiss Art Awards 2013 hat das Architekturatelier Alltagsgegenstände wie einen Teekochtopf, eine Wärmeflasche, einen Papiersack, einen Eierkarton oder bei einem Gummistiefel die Zehenpartie aufgeschnitten und mit einer Lochkamera das Innere fotografiert. Dabei entstanden aussergewöhnliche Ansichten von Räumen. Inwiefern diese mit den eigenen Bauprojekten des Ateliers in Beziehung stehen, blieb dann leider unausgesprochen. Zumindest was den Gummistiefel betrifft, so glaube ich, erkannt zu haben, dass der im Moment auf Eis gelegte Bau einer Abdankungshalle in Steinhausen in engem Zusammenhang damit steht. Und damit bin ich bei einem essenziellen Aspekt von Architektur angelangt, auf den mich der Vortrag besonders aufmerksam machte: die Lichtführung in Räumen.

Bei der Suche nach einer neuen Wohnung spürt man es bereits beim Eintreten in den nackten Raum, dass nicht nur die Anzahl Quadratmeter, die Höhe, der Grundriss oder die Materialien den Raum mehr oder weniger wohnlich machen. Mir war Helligkeit immer wichtig, und ich habe in der Stadt die oberen Etagen deshalb immer den unteren vorgezogen, sodass die Sonne auch im Winter um 17 Uhr noch die Räume mit Licht fluten kann. Auch beobachte ich mit Genuss die Schatten, die zu verschiedenen Tageszeiten in meiner jetzigen Wohnung entstehen. Zum Beispiel, wenn das Licht durch den beinahe geschlossenen, roten Fensterladen fällt und abstrakte Kunstwerke auf den Zimmerwänden entstehen: geometrische Formen, die sich wie die Farben – von kräftigem Rot zu hellem Rosa – stetig verändern.

Bestimmt gibt es in alten Bauernhäusern mit ihren kleinen Fenstern und den Geranien davor ganz hübsche Schatten in der Stube oder im Schlafzimmer. Der Gedanke, in Räumen mit wenig natürlichem Licht zu leben, behagt mir jedoch gar nicht. Das Gegenteil, zum Beispiel die neueren Wohnungen neben dem RiffRaff-Kino, entspricht allerdings auch nicht meinem Geschmack. Das Thema Film wurde dort offensichtlich im Bau aufgenommen, und die riesigen Fensterflächen der Wohnungen haben den Charakter einer Leinwand für Stadtmenschen mit Starallüren. Helle Räume und permanentes Publikum sind ihnen zumindest sicher.

Auf solche Effekte scheint das «Atelier Scheidegger Keller» nicht aus zu sein. Ich stimmte der Anmerkung einer Zuhörerin bei, dass bei zwei aktuellen Bauprojekten des Architekturbüros die Entwürfe der Fassadengestaltung nur halbwegs so konsequent und ästhetisch sind wie ihre geplanten Innenräume. Letztere fand ich sehr gelungen, raffiniert und überraschend, während mir die Aussenhülle der Gebäude sehr brav erschien. Erfrischend war es dann zu hören, wie die beiden Architekten zugaben, dass die Bauvorhaben zwar leider im Moment durch die Bauherrschaft zeitlich aufgeschoben wurden, dass ihnen dies aber die Gelegenheit gebe, an der äusseren Erscheinung der Häuser noch weiter zu arbeiten.

Gummistiefel waren bis vor kurzem unförmige, unbequeme, aber praktische Alltagsgegenstände ohne ästhetischen Wert. Das scheint sich in den letzten Monaten geändert zu haben, wie in den Strassen Zürichs zu beobachten ist. Damit sind die Stiefel an dem Punkt angelangt, den gute Architektur schon immer ausmachte: Innen und Aussen stehen in stilvollem Einklang und der Lebensraum ist zudem praktisch gestaltet. Damit es im Innern aber nicht stinkt, sollten sowohl Gummistiefel wie auch Wohnungsräume regelmässig gereinigt und gelüftet werden.
 
 
Artikelbild: Die Aufnahme entstand vor einigen Jahren, als ein Mitglied der Blog-Redaktionsteams rund ums Kloster Schönthal spazierte.

1 Kommentar

  • Beatrice

    Toll, lieber Felix, wie Du es schaffst, mich mit Deinen Gedanken anzuregen, etwas Bewegung in mein Wahrnehmen zu bringen.
    So schaue ich nun vermehrt, was die Gehenden an den Füssen haben und bin erstaunt, eine Vielfalt von Stiefeln zu entdecken.
    Danke und herzliche Grüsse
    Beatrice

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