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Wieso mir die ewige Leier von der internationalen Strahlkraft gehörig auf die Nerven geht

Von Silvan Gisler 9. April 2015 Keine Kommentare

Gleich zwei Kulturleitbilder – vom Kanton Zürich und von der Stadt Winterthur – wurden in den letzten Wochen vorgestellt. Obwohl «Vielfalt», «Nischen», «Freie Szenen» und «Kreativität» ihre Streicheleinheiten kriegen, herrscht vor lauter Leuchttürmen und Strahlkraft am Ende nur Überblendung.

«Der Kanton setzt auf Film und Oper» titelte die NZZ am 20. März zum neuen Kulturleitbild des Kantons. «Musik und Museen fördern» lautete die Headline zehn Tage später in derselben Zeitung zum Kulturleitbild der Stadt Winterthur. Nun, strenge Dozenten auf Journalistenschulen würden die beiden Artikel wohl als sogenannte «Nonstories» taxieren. Denn neu, nein, neu ist es nicht, was in den beiden Blätterbündeln steht. Von den Opern, von Mäzenen, von Museen, von Musikkollegien etc. ist die Rede, und über allem schweben zwei Begriffe:

«Strahlkraft.»

«Leuchtturm.»

Was dahinter steckt, darf – heruntergebrochen – so übersetzt werden: Besonders unterstützenswert ist, was heute schon strahlt und leuchtet, was heute schon gross ist. «Konservativ» kommentierte ein Kollege beim Landboten dazu treffend, und auch uns im Coucou liessen die Blätter ratlos zurück.

Kulturleitbild. Das Wort impliziert eine Richtungsangabe, eine Strategie, eine Idee. Die vielen Leitbild-Seiten von Kanton und Stadt aber liefern keine Ideen; sie sind vielmehr Bestandesanalysen. Diese zumindest sind nicht schlecht: Zu Recht wird auf den Wert der freien Szenen, der kulturellen Vielfalt sowie der sich abseits urbaner Zentren entwickelnden Kultur hingewiesen. Bezüglich der Strategie dominiert dann doch der herkömmliche Blick. Denn im Battle der Wortbedeutungen gewinnt die «Strahlkraft» der Oper und der Museen deutlich gegen die «förderungswürdige» restliche Kultur.

Ich will die beiden nicht gegeneinander ausspielen, aber während etablierte, bereits jetzt schon umfänglich geförderte Institutionen aufatmen können, bleiben kleinere Institutionen und Künstler durch diffuse Begriffe wie «Unterstützung zum Dialog und Vernetzung» oder «Rahmenbedingungen schaffen» im Ungewissen. Was heisst denn das nun?

Wir wollen keine Staatskultur, sagt die kantonale Kulturbeauftragte Madeleine Herzog in einem Interview mit der NZZ. Damit hat sie Recht. Das Problem ist aber, dass Kultur in Zürich und Winterthur allzu oft an staatlichen Grenzen scheitert. Denn immer dann, wenn ein Kulturlokal wegen Lärmklagen schliessen muss, dann, wenn einer Musik-Bar Hürden auferlegt werden, weil draussen niemand trinken darf, dann, wenn Zwischennutzungen über bau-regulatorische Knüppel stolpern, wenn Ideen sich im Marsch der Institutionen verlieren, dann, wenn Kunst zwar kreativ sein aber nicht stören darf – dann herrscht keine Staatskultur, sondern eine staatliche Kultur des Verhinderns.

Diese Sichtweise haben viele immer noch nicht begriffen. Genau hier liegt das Problem von Begriffen wie «Strahlkraft». Sie überblenden, was Städte wie Winterthur und Zürich neben international grossen Namen brauchen und was sie interessant macht: Die geballte Ladung an Kreativität. «Nischen»-Kunst und -Kultur, die allgegenwärtig ist, die durch eine Kultur des Machen-Lassens sichtbar wird. Nicht alles muss international ausstrahlen, nicht alles für sich exzeptionell sein. Vielmehr bildet das aktive kulturelle Leben als Gesamtes einen wichtigen Teil unserer städtischen Identität. Leipzig und Berlin lassen grüssen.

Wie bereits mehrere Künstler, Musiker oder Filmemacher unter Beweis gestellt haben – und wie auch Herzog richtig erkannt hat – kann auch aus freien Szenen etwas mit Strahlkraft entstehen. Leitbilder aber, welche sich nur an bestehenden Leuchttürmen orientieren statt an potentiellen, sind frei von Vision. Und eine Leuchtturm-Politik ohne Visionen ist in etwa so nützlich wie eine Kerze bei Tageslicht.

PS: Kulturpolitik entscheidet sich nicht primär anhand von Leitbildern, sondern in der Tagespolitik. Dies nur so mal als Bemerkung im Hinblick auf die am Sonntag stattfindenden Wahlen.

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