Menu

Willkommen in den Achtzigern

Von Silvan Gisler 17. Dezember 2014 Keine Kommentare

Die Zürcher Krawalle von letzten Freitag war hirnrissig. Viele Reaktionen darauf auch. Nachdenken bitte. Wirken wir dem dritten Newtonschen Axiom ein wenig entgegen.

Als ich letzten Freitag Abend vom Bahnhof zum Chreis Cheib lief, waren die Demonstranten bereits weg. Die Spur, welche hinterlassen wurde, war hingegen deutlich zu sehen. Die Europaallee wurde zur Scherbenallee, Container brannten, Autofenster waren eingeschlagen, vor einem Jeans-Geschäft in der Langstrasse postierten sich Polizisten, damit niemand plündert, ein weisser Mercedes stand in Flammen. Unverständlich.

Soll ich darüber gleich was schreiben? fragte ich mich. Und dachte: Nein. Weder wusste ich über die Hintergründe Bescheid noch über den Vorgang. Ich sah nur das Resultat. Klar war mir hingegen schon, was die Schlagzeilen am nächsten Tag sein würden: «Chaoten», «Krawallbrüder», «Idioten», «Saubannerzug». Und klar war auch schon, dass sie wieder laut sein würden, die Stimmen, die in den Wald hineinrufen.

Die mediale und politische Abfolge ist voraussehbar: Zuerst die allgemeine Empörung inklusive Kommentaren («Die Macht der Idioten»), dann das Absprechen politischen Inhalts («Es ging nicht um eine Botschaft»), im selben Atemzug jedoch der politische Klassenkampf («Die Gewalt ist theoretisch begründet», «linksextreme Kampfansage»), und schliesslich das Unvermeidliche dazu: Eine «Chronologie der Gewaltexzesse» mit neun (!) Ausschreitungen seit 2001 (!).

Auch die politische Ausschlachtung lässt nicht auf sich warten. Die SVP spricht von «linker Politik» und «Täterschutz», Nationalrat Hans Fehr fordert die sofortige Räumung der besetzten Häuser innert 24 Stunden, die EDU pusht ihre Forderung nach einem allgemeinen Vermummungsverbot, die SP will auf die Kürzung im Budget der Kantonspolizei zurückkommen, und Stadtpolizei-Kommandant Daniel Blumer darf politische Forderungen anklingen lassen («Wir müssten auch ohne Verdacht auf eine strafbare Handlung, nur aufgrund konkreter Hinweise, dass die öffentliche Sicherheit gestört oder gefährdet ist, Überwachungen des Fernmeldeverkehrs oder von Telefonen vornehmen können. Bis 2002 war das möglich»). All dies flankiert von der NZZ («Polizeivorstand Richard Wolff muss nun das Konzept zur Beobachtung der gewaltbereiten Szenen überprüfen und sich, falls nötig, für gesetzliche Anpassungen bei der verdeckten Ermittlung starkmachen. Sonst überlässt er das Feld zu einfach den Idioten.»)

Und schon sind wir wieder mittendrin, in den Achtzigern. Wo Demonstranten und Politik/Polizei die Stimmung gegenseitig hochschaukeln. Wo die Gewalt den Inhalt torpediert, wo «mehr Freiräume» und «härteres Durchgreifen» eigene Monologe führen, wo Stellungnahmen mehr wert sind als differenzierte Betrachtungen, und wo verhärtete Positionen der Lösungsfindung und der Debatte vorgezogen werden. Auf beiden Seiten. Und plötzlich wird es gar unsittlich, andere Standpunkte einzunehmen. So schliesst Thomas Widmer in einem Kommentar im Tages-Anzeiger tatsächlich mit «Ebenso skandalös sind diejenigen, die diese Gewalt mit allen Mitteln verstehen wollen.»

Natürlich sind die Gewalt und die Sachbeschädigungen mit aller Deutlichkeit zu verurteilen. Das wird auch getan. Natürlich sind diejenigen zu verurteilen, die einfach auf Krawall aus sind sowie Ideologien, die Gewalt legitimieren. Doch genauso gibt es aus der Linksautonomen Szene Leute, die den Gewaltexzess kritisieren. Sie sollten es lauter tun. Längst nicht alle, die sich beim Sihlhölzli versammelten, waren danach «bewaffnet mit Schlagstöcken, Petarden und Laserpointern» unterwegs.

Gehen wir die Vorkommnisse also wieder ein wenig sachlicher an. Lassen wir uns nicht gleich zu überrissenen politischen Forderungen verleiten, differenzieren wir und lassen neben all der Kritik auch die Diskussion um Inhalte zu. Unterbinden wir das dritte Newtonsche Axiom – also das ewige Spiel von Reaktion und Gegenreaktion.
 

PS: Und nein, ich nehme hier weder die Demonstranten in Schutz, noch relativiere ich die Ausschreitungen oder zeige Verständnis für die Gewalt.

Kommentieren