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Winterreden 2017: Benjamin Fischer

Von Benjamin Fischer 23. Januar 2017 Keine Kommentare

Liebe Anwesende

Ich wurde eingeladen als jüngster Kantonsrat unseres wunderbaren Kantons Zürich und als Präsident der Jungen SVP, also als Politiker. Und wenn man in der Funktion des Politikers eingeladen wird, hat man in der Regel sehr genaue Vorgaben, über welche Themen man sprechen soll. Heute nicht. Meine einzige Limitierung für diese Rede: Aufhören, bevor der erste erfriert. Und so möchte ich die Gelegenheit nutzen und heute einmal nicht nur über Politik sprechen – fast nicht – naja so wenig wie möglich. Denn am Anfang und Ende ist dann doch alles irgendwie politisch. Aber das ist ja Ansichtssache, wie alles in der heutigen Zeit.

Doch beginnen wir von Anfang an:

Mein Geburtsjahr ist ein besonderes Jahr und dies nicht nur wegen mir und all den wunderbaren Menschen, die 1991 geboren wurden, sondern auch historisch. 1991 hat sich die UdSSR definitiv aufgelöst, nachdem bereits zwei Jahre früher die Berliner Mauer gefallen war. 1992 wurde ich ein Jahr alt, und der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama veröffentlichte sein weltberühmtes und einflussreiches Buch «Das Ende der Geschichte». Kurz zusammengefasst schrieb er, die globale Landkarte sei gezeichnet und mit Ausnahmen von kleineren Anpassungen werde es keine grösseren Verschiebungen mehr geben. Totalitäre Systeme, wie beispielsweise Kommunismus oder Faschismus seien für immer Vergangenheit. Vielmehr sei der Weg frei für liberale Demokratien mit Grundrechten als Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat und als Schutz- und Teilhaberechte.

Wenn wir nun heute, knapp 25 Jahre später, die Welt betrachten, so bleibt nicht mehr viel von Fukuyamas Ende der Geschichte. Neue Staaten wurden gegründet, weltweit flammen territorial-, kulturell- oder ressourcenbedingte Konflikte auf, längst nicht alle Staaten sind marktwirtschaftlich oder demokratisch, nicht einmal das Credo, wonach Demokratie immer zu freier Marktwirtschaft und Marktwirtschaft immer zu Demokratie führen würde, hat sich bewahrheitet. Von weltweiter Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten ganz zu schweigen. Natürlich wissen wir nicht, ob Fukuyama’s Voraussage einfach noch nicht eingetroffen ist und das heutige Chaos den Weg dahin ebnen soll, oder ob sie sich nie bewahrheiten wird. Sicher ist: Heute würde kein seriöser Wissenschaftler mehr vom Ende der Geschichte sprechen, ohnehin wagt heute niemand mehr langfristige Prognosen oder eine Einordnung der heutigen Situation in die Weltgeschichte.

2009 schenkte mir meine Mutter ein frisch erschienenes Taschenbuch, das ich bis heute für äusserst wertvoll erachte und jedem empfehlen kann: «Das Zeitalter des Undenkbaren» von Joshua Cooper Ramo mit dem Untertitel «Warum unsere Weltordnung aus den Fugen gerät und wie wir damit umgehen können». Wichtigste Erkenntnis: Die Welt und unsere Gesellschaft werden immer komplexer, wenn nicht gar chaotischer, verlässliche Prognosen für die Zukunft somit immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich.

Wir leben also in einem chaotischen Zeitalter, oder wie es Nassim Taleb (dessen Werke ebenfalls sehr zu empfehlen sind) ausdrücken würde: in einem fragilen Zustand. Beide Autoren lassen uns mit dieser Erkenntnis aber nicht alleine, sondern zeigen auf, wie man sich in diesen Zeiten verhalten soll, denn Veränderung, Fragilität und Chaos bieten immer auch Chancen sich zu entwickeln als Mensch und als Gesellschaft. Das Zauberwort dabei: Resilienz, kurz gesagt Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, für alle Situationen gewappnet sein und das Beste daraus zu machen, egal, was kommt.

Nebst chaotisch und fragil sei unsere Zeit auch noch postfaktisch, zumindest wurde dieser Begriff zum Wort des Jahres 2016 erkoren. Wer heute überzeugen will, braucht Emotionen, Tatsachen seien unbedeutend geworden, zumindest allgemeingültige, denn natürlich stützen sich auch heute noch alle gerne auf Fakten, nur hat halt jeder seine eigenen. Die Entwicklung der Sozialen Medien verstärkt dieses Phänomen, man spricht hier von der Echokammer, in der stets die eigene Meinung bestätigt und andere Meinungen konsequent ausgeblendet werden. Auch die personalisierte Suchfunktion von Google trägt ihren Teil dazu bei, dass jeder in seiner eigenen Blase lebt und diese für die Wirklichkeit hält. Ja, das macht insbesondere die politische Debatte schwierig, denn wie in der Philosophie müssten für eine sinnvolle Diskussion auch in der Politik erst die Begriffe und die Faktengrundlage geklärt werden. Bekanntlich geschieht dies kaum, und so reden wir munter aneinander vorbei und Lösungen bleiben in weiter Ferne.

Gerade bei sehr emotionalen Themen zeigt sich das Problem, beispielsweise in der Asyldiskussion: Während der eine beim Begriff des Asylsuchenden an eine flüchtende Familie in Not denkt, sieht die andere düstere junge Männer, die von Sozialhilfe leben und gewalttätig sind. Wenn nun also zwei über ein Thema sprechen, jedoch jeweils von einem komplett anderen Verständnis des Begriffs ausgehen, kann unmöglich etwas Konstruktives entstehen. Um beim Thema zu bleiben: Rudolf Strahm, Alt Nationalrat der SP, weist darauf hin, dass die Schweiz 80’000 junge, gesunde Männer aufgenommen hat, von welchen 80% Sozialhilfe beziehen und kaum in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Mit ihm könnte ich eine sinnvolle Diskussion darüber führen, wie Integration besser funktionieren kann, wie die Gemeinden die Sozialhilfe langfristig bezahlen können usw. Wir wären uns bestimmt nicht überall einig, aber das Gespräch wäre konstruktiv und wir könnten Kompromisse finden. Muss ich jedoch mit jemandem diskutieren, der jegliche Probleme ignoriert, sie gar als reine Parteipropaganda versteht, so ist nichts Konstruktives zu erwarten.

Wir sollten mit dem Begriff des Postfaktischen vorsichtig sein, denn postfaktisch sind häufig nur die anderen. Viel wichtiger wäre jedoch zu verstehen, wie und warum jemand zu seiner Ansicht kommt.

Postfaktisches Zeitalter, also das Zeitalter nach den Fakten, erachte ich für einen wenig durchdachten Begriff, denn war die Gesellschaft früher tatsächlich näher bei den Fakten? Oder lebten wir früher nicht viel eher einfach in grösseren Blasen und haben sie daher nicht als solche erkannt? Denn vergessen wir nicht: Genau genommen war der Zugang zu Information nie so einfach wie heute, und theoretisch hätten wir heute alle Mittel um uns eine solide, faktenbasierte Meinung zu bilden, während wir früher auf die spärlich vorhandenen Informationen angewiesen waren. Die grösste Herausforderung heute besteht jedoch darin, in der ganzen Informationsflut zu unterscheiden, was sinnvoll ist und was Bullshit. Quellenkritik wird zu einer der wichtigsten Kompetenzen überhaupt.

Leider scheint es häufig so, als sei es vielen Menschen wichtiger eine Meinung zu haben, als etwas tatsächlich zu wissen. Hier ist es hilfreich sich die Freiheit zu nehmen, sich nicht immer sofort eine Meinung bilden zu müssen. Man kann etwas auch einfach vorerst zu Kenntnis nehmen und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, in Verbindung mit anderen Informationen, entscheiden, ob man es für sinnvoll hält oder nicht.

Zudem sollten wir uns, gerade in einer komplexen Welt, weniger auf Objektivität versteifen, denn gerade in gesellschaftlichen Diskussionen ist es häufig eine Frage der Betrachtung was Fakt ist und was nicht. So wäre es intelligenter, weniger zu versuchen zwanghaft objektiv zu sein, sich dafür stärker seiner ideologischen Prägung bewusst zu sein.

Abschliessend lässt sich sagen: Wir leben in einer interessanten Zeit, ob das nun etwas Positives ist oder nicht, muss jeder für sich beantworten. Wir können festhalten, dass die Geschichte weiterläuft und ein Ende weit und breit nicht in Sicht ist. Sie ist auch keine gesetzmässige und teleologische Geschichte wie Fukuyama oder auch Marx postulierten. Die Geschichte ist das, was wir daraus machen. Auch das kann man werten wie man will, und auch das gilt nicht nur für die grosse Weltgeschichte, sondern auch für jede und jeden persönlich. Man muss immer selbst den Unterschied machen: Werde ich nicht gegrüsst, so muss ich grüssen.

Wir sollten uns auch ganz bewusst mit anderen Meinungen auseinandersetzen, aus unserer eigenen Blase blicken und diese eventuell erweitern, jedoch nicht der Illusion verfallen, wir könnten unsere eigene Blase ganz zum Platzen bringen. Mit dem nötigen Bewusstsein ist dies auch gar nicht nötig.

Wir sollten auch versuchen mit einer gewissen Gelassenheit durch das Leben zu gehen, achtsam für das, was man tut, und in Bewusstsein dafür, warum man es tut. Jede und jeder hat als Teil dieser Gesellschaft die Verantwortung seinen Platz zu finden und sich an den Ort in der Gesellschaft zu stellen, wo seine Fähigkeiten bestmöglich zum Tragen kommen. Damit wäre bestmöglich für sich selbst und für die Gesellschaft gesorgt.

Ich danke herzlich für’s Ausharren und für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen ein wunderbares Jahr 2017.

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