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Winterreden 2017: Hanna Wick

Von Hanna Wick 23. Januar 2017 1 Kommentar

Guten Abend, Heimatstadt
Schön, dass Sie da sind, liebes Publikum

Sie wissen, im letzten Jahr sind viele berühmte Menschen gestorben:
George Michael, Prince und David Bowie, Carrie Fisher, Hans-Dietrich Genscher, Zsa Zsa Gabor, Leonard Cohen, Phife Dawg, Elie Wiesel, Bud Spencer, Fidel Castro, Muhammed Ali, Zaha Hadid … und so fort. Die Liste ist lang. Und ich will sie nicht zu Ende präsentieren. Aber ich will Ihnen heute eine Person auf dieser Liste näherbringen, die mir besonders am Herzen liegt. Die wichtigste Tote des letzten Jahres. Sie heisst Vera Rubin.

Vera Rubin? Nie gehört, denken Sie jetzt vielleicht.
Warum soll die wichtig gewesen sein?

Nun, hören Sie zu:

Vera Rubin war ein kleines Kind, das nachts in ihrem Bett lag und den Sternen zuguckte, die vor dem Fenster vorbeizogen. Und das irgendwann gar nicht mehr ins Bett wollte, weil es das Leuchten da draussen so faszinierend fand.

Sie war ein Mädchen, das ein Kinderbuch las über Maria Mitchell, die erste Astronomin der USA. Und sich später erinnerte, dass es ihr nie in den Sinn gekommen war, sie könnte aus irgendwelchen Gründen NICHT Astronomin werden.

Sie war ein Teenager, als ihr Physiklehrer ihr sagte: «Solange Du Dich von der Wissenschaft fernhältst, ist alles OK.»

Sie war eine junge Frau, die an der Universität Princeton Astronomie studieren wollte, aber abgelehnt wurde, weil dort nur Männer hindurften. Sie wurde trotzdem eine der besten Astronominnen der Welt. Und Mutter von vier Kindern.

Sie war die erste Frau, die am berühmten Palomar Observatorium in Kalifornien in die Sterne schaute. Aber es gab keine Frauentoilette, also schnitt sie aus Papier einen kleinen Rock aus und klebte ihn auf das Männchen an der WC-Tür.

Sie war eine Wissenschaftlerin, die ihr ganzes Leben lang junge Kolleginnen unterstützte und ermutigte. Eine Mentorin für Frauen in der Astronomie. Und sie war eine hochdekorierte Forscherin, Preisträgerin der National Medal of Science und vieler anderer Ehrungen.

Doch einen Preis hat sie nie bekommen: den Nobelpreis.
Und das macht mich traurig. Und ehrlich gesagt auch ein bisschen wütend.

Denn sie war eine der allerbesten Wissenschaftlerin unserer Zeit. Sie hat unseren Blick aufs Universum völlig verändert. Sie hat nämlich entdeckt, dass mit unserem Bild vom Universum was nicht stimmen kann, weil da irgendeine unbekannte Kraft an den Sternen zieht.

Vera Rubin hat das herausgefunden, als sie Galaxien untersuchte, genauer gesagt Spiralgalaxien, wie unser Zuhause, die Milchstrasse. Unzählige solche Galaxien leuchten am Himmel. Und wenn man starke Teleskope hat, kann man beobachten, wie rasch sich die Arme der Spiralen drehen.

Genau das hat Vera Rubin gemacht und dabei festgestellt, dass sich die anders drehen als gedacht. Die Galaxienarme sind auch ganz aussen noch erstaunlich schnell. Schaut man sich nur die normale Materie in diesen Galaxien an, die leuchtet und strahlt, dann kann man sich diese schnelle Drehung der Galaxien nicht erklären. Irgendwas zieht da an den Sternen und Gaswolken.

Jemand hat mal ein schönes Bild dafür gebraucht:
Man kann sich die Galaxie vorstellen wie ein tanzendes Paar. Das Kostüm der Frau ist mit wunderschönen Lichtern bedeckt. Der Mann hingegen ist ganz schwarz gekleidet. Tanzen die beiden in einem dunklen Raum, dann sehen wir nur, wie die Frau sich dreht. Der Mann ist unsichtbar, im Dunkeln. Im Weltall nennt man das die Dunkle Materie. Weil sie wirkt, aber nicht strahlt und leuchtet.

Als Vera Rubin ihre Entdeckung machte, war die Dunkle Materie keine komplett neue Idee. Der Begriff stammt von einem Schweizer Forscher namens Fritz Zwicky, der viele Jahre zuvor etwas Ähnliches beobachtet hatte in Galaxienhaufen. Sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich übrigens, denn Zwicky war auch eine spannende Persönlichkeit. Und auch ihm ist nicht wirklich die verdiente Ehre zuteil geworden. Wenn man sein Grab sucht, auf dem Friedhof in Mollis im Karton Glarus – ich hab das vor einigen Jahren mal gemacht –, dann findet man es kaum. So unscheinbar ist der Grabstein.

Dieser Zwicky hat sich also die Dunkle Materie ausgedacht. Doch viele haben dieser Idee erstmal wenig Beachtung geschenkt.
Erst durch Vera Rubins Beobachtungen wurde die Diskussion um die Dunkle Materie Mainstream. Erst sie hat alle überzeugt. Und damit ein ganzes neues Forschungsfeld eröffnet. Manche sagen sogar, sie habe die Astrophysik mitgegründet.

Heute gehen viele Forscher davon aus, dass um die 30 Prozent des Universums aus Dunkler Materie bestehen. Ob es diese dunkle Materie tatsächlich gibt, wissen wir allerdings bis heute nicht. Es konnte sie noch niemand dingfest machen. Und man könnte sich die Rotation der Galaxien auch anders erklären, zum Beispiel dadurch, dass die Schwerkraft in den Weiten des Weltalls nicht ganz so funktioniert, wie wir uns das gewohnt sind.

Vera Rubin selbst hat sich nicht festgelegt auf eine Lösung. Sie hat ihre bahnbrechenden Beobachtungen gemacht und uns damit eines der allergrössten Rätsel der Physik geschenkt.

Der berühmte Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov hat mal gesagt: «Die aufregendste Aussage in der Wissenschaft ist nicht ‹Heureka! › sondern ‹Hmmmm, das ist aber komisch….›»

Genau das, so ein «Hmmmmm, das ist aber komisch …» hat Vera Rubin in die Welt gesetzt. Wir wissen dank ihr, dass wir etwas Grundlegendes nicht wissen. Dafür hätte sie den Nobelpreis mehr als verdient gehabt.

Jetzt ist sie tot und kann den Preis nicht mehr bekommen. Er wird nur zu Lebzeiten verliehen.

Für die Forscherin selbst war es wohl nicht so schlimm, dass ihr der Nobelpreis nicht vergönnt war. Sie war sehr bescheiden, so beschreiben sie ihre Kollegen jedenfalls, und hat einmal einer ihrer Kolleginnen den Rat gegeben: «Kümmere dich nicht um Preise und um Ruhm. Der wahre Preis ist es, da draussen etwas Neues zu entdecken.»
Das hat sie erreicht. Und so ist Vera Rubin Ende letzten Jahres mit 88 Jahren wohl zufrieden gestorben.

Die Nachwelt aber – also Sie und ich – sollten nicht zufrieden sein. Denn wenn jemand den Physik-Nobelpreis verdient gehabt hätte, dann sie. Und es wäre wirklich an der Zeit gewesen, dass endlich wieder mal eine Frau geehrt wird. In der ganzen Geschichte des Physik-Nobelpreises sind nämlich erst zwei Frauen ausgezeichnet worden. Über 200 Männer – zwei Frauen.

Das Nobelkomitee sollte das dringend ändern. Ich meine natürlich nicht, dass vor allem eine Frau den Physik-Nobelpreis gewinnen sollte – auch wenn sie nicht so gut ist. Aber ich meine sehr wohl, dass Physikerinnen mit denselben Ellen gemessen werden sollten wie ihre Kollegen.

Und es sind tatsächlich schon einige Physiker mit dem Preis geehrt worden, die eine ähnliche Leistung erbracht haben wie Vera Rubin, bei denen also der letzte Beweis auch noch ausstand wie bei der Dunklen Materie, die aber trotzdem für ihre Arbeit belohnt wurden.

Der Grund warum man Vera Rubin den Preis nicht zugesprochen hat, kann also nicht mangelnde Leistung gewesen sein. Auch ist es kein gutes Argument zu sagen, dass sie nicht die erste und einzige war, die auf solche Unstimmigkeiten im Universum und auf die Dunkle Materie hingewiesen hat. Man hätte ja auch noch andere – von mir aus auch Männer – mit ihr gemeinsam auszeichnen können. Der Physik-Nobelpreis kann an bis zu drei Personen pro Jahr verliehen werden.

Und es war auch nicht so, dass ihre Leistung nicht weltweit anerkannt gewesen wäre. Seit ich mich erinnern kann, galt sie jedes Jahr als Nobelpreisanwärterin. Und nach ihrem Tod meldeten sich unzählige Physikerinnen – und auch Physiker – zu Wort und kritisierten das Nobelpreis-Komitee mit harten Worten: Es sei eine Schande, eine Blamage, dass Rubin nicht ausgezeichnet wurde.

Wir wissen nicht, warum das Komitee ihr den Preis nicht gegeben hat und wir werden es auch in naher Zukunft nicht wissen. Die Archive werden erst in einigen Jahrzehnten geöffnet.

Aber es liegt die dringende Vermutung nahe, dass es irgendwie mit dem Frausein von Vera Rubin zu tun hat. Sie war für das Komitee offenbar ebenso unsichtbar, wie die Dunkle Materie für uns. Die berühmte amerikanische Physikerin Lisa Randall hat das vor kurzem gut zusammengefasst in einem Meinungsartikel in der New York Times.

Der Nobelpreis soll eigentlich immer die beste und wichtigste physikalische Leistung des letzten Jahres belohnen. Das Komitee achtet aber darauf, dass die Community, also die Forschergemeinschaft, zufrieden ist. Darum wechselt es ab zwischen den verschiedenen Fachrichtungen. Mal gewinnen Forscher aus der Astrophysik, dann welche aus der Festkörperphysik, dann die Quantenphysik. Mal gewinnen eher Theoretiker, dann wieder eher Experimentalisten. Auch achtet das Komitee darauf, dass verschiedene Länder vertreten sind. Das sagen sie zwar nicht explizit, aber wenn man den Preis über viele Jahre begleitet hat, so wie ich, dann ist das Muster klar. Exzellenz ist ein bisschen verhandelbar.

Eine Gruppe in der Community scheint dem Komitee aber irgendwie egal zu sein: die Frauen.

Vera Rubin ist nämlich nicht die einzige Übergangene in der Physik. Da gab es zum Beispiel auch die Teilchenphysikerin Chien-Shiung Wu. Oder Lise Meitner, die die Kernspaltung erklärte. Beide sind leer ausgegangen, während ihre männlichen Kollegen in die Kränze kamen.

Auch in anderen Naturwissenschaften sind schon einige Frauen nicht zu ihrem verdienten Nobelpreis gekommen. Am bekanntesten ist wohl das Beispiel von Rosalind Franklin, der Mit-Entdeckerin der DNA.

Für junge Frauen, die in den Naturwissenschaften Karriere machen wollen, ist das nicht gerade ermutigend. Es mangelt ohnehin schon an Vorbildern, weil es in den Naturwissenschaften auch nicht wirklich viele Professorinnen gibt.

Darum wäre ein Nobelpreis für Vera Rubin so toll gewesen.
Meine Journalistenkolleginnen machen sich manchmal über mich lustig, weil ich so ein Gewese mache um diesen Nobelpreis. Er sei doch ohnehin nicht mehr so wichtig, meinen sie. Aber ich glaube an die Symbolkraft dieses Preises.

Klar, auch wenn Vera Rubin ihn bekommen hätte, dann hätten immer noch die allermeisten Menschen ihren Namen nicht gekannt. Da mach ich mir keine Illusionen. Physiker sind generell keine Stars. Man findet auf dem Friedhof ihre Grabsteine kaum. Und es erinnert sich von Ihnen wohl auch kaum noch jemand an die Namen der letztjährigen Nobelpreisgewinner. Darum geht es auch nicht. Ich meine auch nicht, dass ein Nobelpreis für eine Physikerin auf einen Schlag unseren Fachkräftemangel beheben könnte.

Aber für alle Mädchen, die sich für die Physik interessieren, könnte so ein Preis eine Motivation sein. Weil es zeigt: Man kann es als Frau ganz nach da oben schaffen.

Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich den Satz: «Ui nei was, Du häsch Physik studiert? Das han ich i de Schuel nie chöne» schon gehört habe. Immer von Frauen. Nie von Männern. Da stimmt doch irgendwas nicht.

In meinem Jahrgang im Physikstudium hatten alle Frauen einen Elternteil, der entweder Mathematik oder Physik studiert hatte. Wir wussten, dass es zumindest unsere Eltern geschafft hatten. Und haben es uns darum zugetraut. So erkläre ich mir das. Ohne diese Art Motivation entscheiden sich Frauen anscheinend nur zögerlich für die Physik. Aus verschiedensten Gründen. Dabei hätten sie grosses Potenzial.

Das wusste auch Vera Rubin.
Sie schrieb in ihrer Biographie:

«Ich folge in meinem Leben und meiner Arbeit drei grundsätzlichen Annahmen:
1. Es gibt kein Problem in der Wissenschaft was von einem Mann gelöst werden kann, das nicht auch eine Frau lösen könnte.
2. Die Hälfte aller Gehirne der Welt befindet sich in Frauenköpfen.
3. Wir brauchen alle erstmal die Erlaubnis, die Wissenschaft als Karriere zu verfolgen. Aber diese Erlaubnis bekommen Männer leichter als Frauen, aus historischen Gründen.»

Erfreulicherweise studieren heute immer mehr Frauen Physik – in der Schweiz und auch in vielen westlichen Ländern. Physik ist, das muss ich jetzt einfach mal sagen, das spannendste und coolste Fach, das man studieren kann. Ich kann es wirklich empfehlen.

Es gibt also mehr Physikerinnen, aber trotzdem nehmen die Nobelpreise für Frauen nicht zu. Im Gegenteil: Die Kurve ist – wenn man denn mit zwei Datenpunkten überhaupt eine Kurve zeichnen kann – die Kurve ist flach. Der letzte Physik-Nobelpreis für eine Frau liegt schon viele Jahre zurück.

Ich werde jetzt dann 40 und mein ganzes Leben lang ist noch keine Frau mit diesem Preis geehrt worden. Die letzte war die Atomphysikerin Maria Göppert im Jahr 1963. Davor war es Marie Curie, die Ikone, im Jahr 1903.

Jahr für Jahr berichten wir Wissenschaftsjournalistinnen über die Nobelpreise und Jahr für Jahr sind es wieder drei Herren, die geehrt werden. Sie haben es alle auch verdient, das will ich nicht in Abrede stellen. Aber ehrlich gesagt hab ich manchmal keine Lust mehr, mir das anzuschauen. Ich weiss nicht, warum ich überhaupt noch Wert lege auf das Urteil des Nobelkomitees. Doch ich gebe ihnen noch eine Chance.

Glücklicherweise gibt es viele Anwärterinnen, die einen Physik-Nobelpreis verdient hätten. Auch in der Schweiz.

Und ich wünsche mir, einmal, nur ein einziges Mal mitzuerleben, dass bei der Bekanntgabe der Name einer Frau fällt. Bevor ich selber sterbe.

«Välkomna mina damer och herrar till dagens presentation av nobelpriset i fysik. Kungl. Vetenskapsakademien har beslutat att utdela nobelpriset i fysik 2016 till

Vera Rubin

för sina arbeten kring galaktisk rotation.»

So hätte das letzten Oktober klingen sollen. Eine wirklich verpasste Chance.

Jetzt hoffe ich, dass wenigstens irgendjemand ein gutes Kinderbuch schreibt über Vera Rubin, eines, das Kinder, die heute in ihren Betten liegen und in die Sterne gucken, dazu inspiriert, ihr nachzufolgen.

Wenn nicht, muss ich es selber tun.

Und Ihnen allen rate ich: Schauen Sie doch wieder mal an den Nachthimmel, wenn er gerade nicht so bedeckt ist wie heute, und freuen sich darüber, dass es da draussen immer noch so viele Rätsel gibt – inklusive dieses eine Rätsel der komisch rotierenden Galaxien, das Vera Rubin uns vermacht hat.

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  • Diana Hornung

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