Menu

Winterreden 2017: Kijan Espahangizi

Von Kijan Espahangizi 27. Januar 2017 Keine Kommentare

Das Paradox der Migration – Plädoyer für einen fröhlichen Fatalismus

Kommt Ihnen das auch so vor? Wenn es in der Öffentlichkeit und in den Medien um Migration geht, fühlt sich das so an, als ob jemand einem direkt ins Ohr schreien würde. Mit einem paradoxen Effekt: Einerseits ist es maximal laut und andererseits versteht man kaum, was gesagt wird. Im politisch-medialen Diskurs zu Migration heute herrscht genau ein solches unangenehmes Geschrei vor: Das mediale Migrationsgeschrei ist einerseits obsessiv, laut, raumeinnehmend und andererseits stumm machend, all die leiseren Zwischentöne zum Verstummen bringend, all die Mitmenschen, Lebensrealitäten, Lebensgeschichten, die auf leise Sohlen gekommen sind.

Wir stehen heute vor dem Paradox der Migration. Es besteht darin, dass Migration als Thema zu einer medialen und politischen Obsession geworden ist. Gleichzeitig scheint es unmöglich, die längst anwesenden, faktischen Migrationsrealitäten anerkennend zur Sprache zu bringen. Es ist, als gäbe es kein anderes Thema mehr. Kaum ein gesellschaftlicher Bereich, dessen Probleme nicht mit Migration und Flucht in Verbindung gebracht werden: Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, ÖV, Bildung, Gesundheitswesen, Renten, Sport, Militär, Geschlechtergleichstellung und Sexualität etc. Gleichzeitig bleiben die realen Mitmenschen, Lebensrealitäten, Lebensgeschichten, die mit der Migration kommen und gekommen sind, unsichtbar. Dieser Befund deckt sich mit dem erstaunlichen Ergebnis einer Befragung von Migranten zur Repräsentation von Migranten in den Schweizer Medien. Man fühlt sich unterrepräsentiert, unsichtbar gemacht und zugleich will man nichts mehr, als aus den Medien und negativen Schlagzeilen zu verschwinden, also das Migrantsein ablegen.

Dieses Paradox der Migration hat auch eine zeitliche Dimension. Wenn heute von Migration geschrien wird, so geht es immer um ein Gespenst der Zukunft, vor dem man Angst hat, das man einschränken und verhindern will. Man denke an die Masseneinwanderungsinitiative und das Geschrei rund um die Flüchtlingskrise, die – anders als der Name es behauptet – keine durch Flüchtlinge produzierte Krise ist, sondern eine Krise auf Grund von Krieg und einem menschenverachtenden Europäischen Grenzregime, in dem die Schweiz mitwirkt. Während man gegen zukünftige Migration anschreit – und das ist der paradoxe Effekt – überdeckt man, dass Migration längst stattgefunden hat, ja laufend stattfindet. Die Schweizer Gesellschaft hat sich seit den 1960er Jahren durch Migration längst grundlegend verändert. Doch anstatt gemeinsam zurückzuschauen, um zu sehen, wo man steht, anzuerkennen, woher man gekommen ist und dann gemeinsam nach vorne zu schauen, verwischt man die Spuren der Migration bis zur Unkenntlichkeit, indem man umso lauter gegen das Gespenst der zukünftigen Migration anschreit. All die hunderttausenden, kaum zu hörenden Lebensgeschichten der neuen Mitmenschen, die in diesem Land spielen, haben keinen Eingang gefunden in die Erinnerungskultur der schweizerischen Dominanzkultur. All die transnationalen Lebensgeschichten der Fremdarbeiterfamilien, der Saisonniers, der geflohenen Familien, der Migrantenfamilien, der Sans Papiers, all die binationalen Ehen, all die Kinder, für die Mehrfachzugehörigkeit ebenso der Normalfall ist wie Fremdmachungserfahrungen. Der gesellschaftliche Gedächtnisverlust führt dazu, dass jede Migrationsepisode immer wieder aufs Neue so wirkt, als sei sie die erste ihrer Art, als gäbe es keine Vorgeschichte und keine historischen Erfahrungs- und Vergleichswerte. Heute wird wieder so getan, als sei Flucht etwas der Schweiz grundlegend Fremdes. Dabei haben viele Schweizerinnen und Schweizer Fluchterfahrung und eine Expertise, was es heisst, sich als geflüchteter Mensch in der Schweiz ein Leben aufbauen zu müssen. Etwa diejenigen, deren Familien während des Balkankriegs kamen. Warum mobilisieren wir diese Expertise nicht? Richtig: weil diese Migrationsvergangenheit der Schweiz überschrien und vergessen gemacht wird.

Das Paradox der Migration erleben all diejenigen, die selbst migriert sind, am eigenen Leib. Migration ist nämlich endlich und endlos zugleich. Faktisch dauert Migration eine bestimmte Zeit, mal mehrere Wochen und Monate, vielleicht Jahre – bei mir waren es 6 Stunden. Meine Migration begann am Nachmittag des 1. Juni 2006 in Köln und endete kurz vor Mitternacht, als ich den Motor meines vollgepackten VW-Busses auf einem Parkplatz in Zürich abstellte. Das Abziehen des Schlüssels aus dem Zündschloss markiert in meinem Gedächtnis den Moment, in dem ich in der Schweiz ankam. «Ich bin da, es kann losgehen!» – so mein aus heutiger Sicht fast schon naiv anmutendes Gefühl des Ankommens damals. Naiv deshalb, weil schon wenige Stunden einer Biografie heute ausreichen, um zusammen mit den anderen Menschen «mit Migrationshintergrund» im Dauer-Wartesaal der Integration festzusitzen. Hier wird einem unablässig Migration und Integration ins Gesicht geschrien, während man doch faktisch stillschweigend fortlaufend desintegriert wird, rechtlich, kulturell, politisch, medial, sozial. Migration ist zur biographischen Endlosschlaufe geworden.

Diese paradoxen Selbstwidersprüchlichkeiten scheinen das Hauptcharakteristikum von Migration und Integration heute zu sein: Die einen schreien Gefahr, die anderen wittern Potenzial, die einen mahnen vor Bedrohung, die anderen kalkulieren mit Bereicherung, die einen stellen sich nationalkonservativ hinter 1291 die anderen weltoffen-liberal hinter 1848. Doch es handelt sich um zwei Seiten ein und derselben Medaille. Migration ist weder per se gut noch schlecht. Migration ist schlicht eine Tatsache, die längst unsere Gesellschaft prägt, in vielfältiger, widersprüchlicher und mehrdeutiger Weise. Doch um darüber in Ruhe sprechen zu können, müsste man das Migrationsgeschreie zum Verstummen bringen.

Wo könnte man heute ansetzen, um den Blick frei zu bekommen für einen nachhaltigeren Gesellschaftsentwurf im Zeitalter der Migration? Für einen Entwurf jenseits der beiden heute vorherrschenden Positionen, wo man entweder Migration im wahrsten Sinne in Grenzen halten und das Vorrecht von selbsterklärten Schweizer Bürgern gegenüber dem vermeintlich Fremden zementieren will – oder wahlweise die Bereicherung durch Migration zelebriert und den quietschbunten Jahrmarkt der Kulturen exotisiert. Zunächst müsste man wieder ein gesundes Gleichgewicht der drei Zeitdimensionen herstellen: Wie sind wir dahin gekommen, wo wir sind? Wo stehen wir? Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Was wollen und können wir leisten? Dies wäre die Fragekadenz einer Vision, die den lebendigen Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht aus den Augen verliert. Auch dies ist beileibe nicht neu. Man lese etwa die Schriften von Rudolf Braun, Max Frisch, Victor Willi und anderen aus der Zeit der Schwarzenbach-Initiative von 1970. Die Schweiz solle als etwas Werdendes verstanden werden, liest man da, und nichts Ein-für-alle-Mal-Gewordenes. Aus einer solchen Perspektive würde schnell klar werden, dass die Migration nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg längst ihre eigenen Tatsachen geschaffen hat, und zwar erstaunlich unbeeindruckt vom Volkswillen, staatlichen Planspielen und diversen politischen Vorlieben. Erst im Rückspiegel der Geschichte erahnen wir, wie tiefgreifend die demografischen, sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen sind, die einerseits durch Migration und andererseits durch die vielfältigen, inkludierenden und abwehrenden Reaktionen darauf in Gang gesetzt wurden. Daraus ist die gesellschaftliche Wirklichkeit geronnen, in der wir heute leben: eine Wirklichkeit, die sich nicht an Integrationsnarrative hält, nicht an das Pochen auf eindeutige Zugehörigkeiten und Identitäten, nicht an die Hochglanzbilder einer fein säuberlich angeordneten und potenziell verwertbaren kulturellen Vielfalt, aber auch nicht an die immer wieder gleichen Schreckensszenarien der Überfremdung. Es ist eine Wirklichkeit voller Widersprüche, Ambivalenzen, Ungleichzeitigkeiten und Überraschungen, voller Spannungen und Resonanzen, Chancen und Schwierigkeiten, Unrecht und Hoffnung. Dies mag man gut oder schlecht finden – es gibt kein Zurück.

Diese Grunderkenntnis hat das Potenzial, Ausgangspunkt einer neuen Zukunft zu sein. Es braucht, wie ich finde, einen fröhlichen Fatalismus, nach dem Motto: «Es war zwar nicht vorgesehen, doch nun hat uns das Schicksal (als Pseudonym all der anonymen Kräfte der Weltgeschichte) halt hier zusammengewürfelt. Da können wir gleich das Beste draus machen.» Wir würden erkennen, dass wir – das heisst jene, die heute schon da sind und morgen noch kommen werden – faktisch Mitglieder einer Schicksalsgemeinschaft sind, die niemand geplant hatte und die für niemanden ideal ist. Das schafft neue Gestaltungsräume. Doch eine solche Mitbürgerschaft an der Gegenwart müsste in einem ersten Schritt überhaupt erst bedingungslos allerseits anerkannt werden, in den Herzen und Köpfen, aber auch in Recht, Kultur und Politik. Die Debatten um die erleichterte Einbürgerung der dritten (!) Generation zeigen, dass dies Not tut. Man weiss gar nicht wo anfangen, um die Absurdität dieser Abstimmung am 12. Februar in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. Etwa, wenn so getan wird, als ob diejenigen, um deren «erleichterte» oder besser «weniger erschwerte» Einbürgerung es gehen soll, nicht schon längst faktisch Schweizerinnen und Schweizer sind, oder als ob es keine Konsequenzen hätte, so über Mitmenschen zu sprechen, als würden sie nicht zuhören, oder als ob es hier um Gesinnungsfragen ginge oder als ob es einen Unterschied machen würde, ob es hier um Italiener oder Muslime oder Afrikaner geht, und als ob Europäerinnen und Europäer heute nicht auch muslimisch und afrikanisch wären. Unabhängig vom Ergebnis ist es schlicht eine Schande, dass die absurde Abstimmung überhaupt stattfinden muss. Und sie deutet darauf hin, dass es ein grundlegenderes Umdenken braucht: Der Wille zum ehrlichen Blick auf die gewordene Gegenwart einer postmigrantischen Gesellschaft – einer Gesellschaft nach und vor der Migration also – wäre der erste Schritt auf der Suche nach einer bestmöglichen geteilten Zukunft. Das wäre die wahre, weil imperfekte Vision einer neuen Schweiz.

Themen:
Neueste Artikel von Kijan Espahangizi

Kommentieren