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Winterreden 2017: Michelle Steinbeck

Von Michelle Steinbeck 2. Februar 2017 Keine Kommentare

Hoi Züri! Ich grüsse aus dem Elfenbeinturm. Die Kälte passt gut, nehmt sie als Metapher für den eisigen Wind, der durch den Wohnungsmarkt zieht.

Das folgende Stück heisst – frei nach einer Oper von René Pollesch und Tocotronic-Dirk, die den Titel wahrscheinlich noch anderswo abgekauft haben: «Von einer die auszog, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnte».

Und die Geschichte geht so. Vor einigen Jahren wurde ich erwachsen und hatte keine Lust mehr, täglich mit meinem Bruder über Pizzakartons auf dem Sofa, mit meiner Schwester über geklaute Schuhe, mit meiner Mutter über die gescheiterte Erziehung der Geschwister zu streiten. Ich beschloss auszuziehen. Und blieb erstmal auf den Kartonkisten hocken. Ich erinnere mich an Juwo-Besichtigungen, die so voll waren, dass man den Grundriss der Wohnung und die Farbe der Küche höchstens erahnen konnte. Nicht mal als mein schwuler Freund Flurin und ich uns als Paar ausgaben, und wir Annika, die dritte im Bunde, als unser Kind präsentierten, bekamen wir eine positive Antwort. Keine abgefuckte kleine Studentenwohnung für uns.

Nach über einem Jahr dann endlich ein Erfolg: Mein Arbeitskollege fuhr in die Ferien und ich durfte seine Wohnung hüten. Nachdem ich den Kühlschrank von seltsamen Sossen und die Besteckschublade von toten Fliegen befreit hatte, war klar: Ausziehen ist das Beste, was mir je passieren konnte, ich will nie mehr zurück, das ist Freiheit! Der Arbeitskollege kam leider wieder. Aber mit einer neuen Mitbewohnerin, die ich mir im Internet zulegte, fand ich etwas Neues: 2 Zimmer, knapp 1500 Franken, fast Altstetten, in 6 Monaten Abbruch. Es war eine sehr schöne Zeit. Wir strichen die schreiendgrüne Küche weiss, sammelten auf der Strasse Möbel zusammen und zündeten Kerzen an – unsere eigene Wohnung! Die kaputte Heizung im tiefsten Winter konnte uns nichts anhaben, wir kuschelten mit heisswassergefüllten Petflaschen; die morgendlichen Kondensseen der angelaufenen Fensterscheiben wischten wir mit alten Wollsocken auf, in den blaugrünschwarzen Schimmelornamenten an der Decke verloren sich unsere Blicke wie in Kirchenmalerein – kurz, wir waren nicht wählerisch, und über alle Massen erstaunt, als wir beim Auszug erfuhren, dass die restlichen Mieter im Haus genau die Hälfte unseres Mietpreises bezahlt hatten.

Nichtsdestotrotz, so etwas Günstiges kriegten wir nicht mehr, also mussten wir zum plangerechten Abriss weinend zurück zu unseren Eltern. Später zog ich allein weiter, paar Monate hier, ein Monat da, habe gar nicht mehr ausgepackt: Von der einen fensterlosen Dachkammer zum nächsten geisterbesetzten Keller. Als mein Studium beendet war und ich in 4 Jobs 150 Prozent arbeitete, leistete ich mir eine teure WG mit creepy Mitbewohnern – solche, die dir niemals hallo sagen, aber vor dir masturbieren. Ich ging täglich an Besichtigungen, schrieb Briefe an Verwaltungen, variierte: literarisch ausschweifende, bettelnde, siegessichere, lobpreisende, erpresserische, ehrliche, komplette Lügen; ich schickte Fotos und CVs und Empfehlungsschreiben, tat mich mit verschiedensten Leuten zusammen, die dasselbe Martyrium durchgingen; wir bewarben uns in Gruppen, als Paar, als Familie – nichts.
Ich frage mich noch heute, was wir falsch machten, ausser dass uns 1000 Franken pro Zimmer zu viel war. Ein Freund sagte mir letzthin, ich hätte in den Bewerbungen schreiben sollen, mein Hobby wäre die Tulpenzucht, bei ihm wäre das das Zauberwort gewesen. Aber die Besichtigungen der zahlbaren Wohnungen wurden immer mehr zu Quartierfesten. Passanten blieben auf der Strasse stehen, um sich die Schlange anzusehen, zeigten mit dem Finger auf die hunderten Wartenden und lachten, machten Fotos, Hunde jaulten.
– Meine Freunde antworteten: So ist halt der Markt, wenn du hier wohnen willst, musst du einfach mehr verdienen, es gibt kein Recht auf Stadt. Sie zuckten die Schultern, fanden sich ab: Zogen in die Agglo, zurück zu Mama, oder liessen sich in einer Werbeagentur anketten, um sich dann an ihrem einzigen freien Wochenende im Jahr zu beschweren, dass es an der Langstrasse so laut ist. Ich hatte aber wenig Lust noch mehr Sonnenzeit in stickigen Büros und noch mehr Schlafzeit hinter stinkenden Bars zu verschwenden, wollte ja auch noch Skandalautorin werden. Ausserdem fand ich, dass ich als geborenes Stadtkind sehr wohl ein Recht auf Stadt hätte. Also zog ich in eine andere.

Der Rhein ist gross, die Möwen fliegen, gerade brechen die Schiffe durchs Eis. Und ich habe ein Zimmer in einer grossen Wohnung mit Holzheizung, Dusche in der Küche und netten Nachbarn. Steven von nebenan kommt nachts vorbei, wenn er nach einem Auftritt als Dragqueen so aufgedreht ist, dass er die Show gleich nochmal bei uns im Wohnzimmer hinzaubern muss; und Lena und Lukas von oben schleichen, wenn ihr Kind schläft, bei uns rein auf ein Bier, dann besprechen wir in aller Ausführlichkeit unseren zukünftigen Znacht, den wir schon lange planen und wohl nie durchführen werden. Nächste Woche machen wir einen Hausflohmi. Im September werden wir abgerissen.
Und ja eh, es gibt viel Schlimmeres, als Aus- und Umziehen zu müssen. Es ist kein existenzielles Problem, vor allem nicht für faule Künstler und junge coole Familien, die den Rausschmiss nutzen, um endlich mal nach Südamerika wwoofen zu gehen. Die Generation Scheidungskind verkörpert ja geradezu Mobilität und Flexibilität: Neues ist Abenteuer, Stillstand langweilig!

Aber nehmen wir mal an, im Haus wohnen Leute einer anderen Generation: 60-90 Jährige, die seit Jahrzehnten Tür an Tür und Decke an Fussboden wohnen? Die mit der Zeit am Ort, im Quartier zu einer funktionierend organisierten Gemeinschaft zusammengewachsen sind, in der sie sich gegenseitig besuchen und aushelfen und sogar gern haben.
Nehmen wir weiter an, das Haus gehört einer Pensionskasse – zum Beispiel der städtischen – und die rechnet sich eines Tages aus, dass sie mit dem Haus eigentlich viel mehr Rendite machen könnte. Dann will sie das natürlich tun und kündigt frohgemut eine Luxussanierung an, wegen der innert kurzer Zeit alle 60-90 Jährigen ihr bisheriges Leben auflösen und einzeln und allein in ein fremdes Haus in einem fremden Quartier ziehen müssen. Am besten ins Altersheim. Stellt euch doch nicht so an! Ihr sterbt eh gleich.

Es ist akzeptierte Normalität geworden, dass die Stadt je länger je mehr als ein toter Ort des Konsums konzipiert wird. Die Stadt ist zur Vergnügung der Touristen, Ländler und Agglos da, sie muss glänzen! So wird aufgewertet, und anstelle von Sozialwohnungen entstehen Businessimprovementdistricts. Grosse Pensionskassen kaufen ganze Häuserblocks auf und streichen mit Neubauten und Sanierungen fett Rendite ein – auf Kosten ihrer eigenen Pensionäre!
Sorry, sagen die Kassen, aber Aktien- und Rohstoffhandel flowen halt nicht mehr genug Cash, nun gehen wir in die Immos, das boomt und fetzt noch. So geschieht es ständig, dass Pensionäre von der Pensionskasse, die ihnen eigentlich einen guten Lebensabend ermöglichen sollte, auf die Strasse gestellt werden. Indem ihr Zuhause «aufgewertet» wird, können sie es sich selbst mit Pensionsgeld nicht mehr leisten. Manchmal denke ich, das muss alles ein Missverständnis sein: diesen Managern muss nur mal einer sagen, dass imfall nicht alle Leute 20’000 im Monat verdienen.
Aber es liegt in der Natur der Sache, dass ein rein profitorientierter Immobilienmarkt Schwachverdienende ausschliesst. Er und die Politik, die ihn ermöglicht, bringen Menschen auseinander, vereinzeln sie, grenzen Minderheiten aus, die sich die Marke Stadt nicht mehr leisten können. Aber sind wir wirklich die Minderheit?

Warum nehmen wir in Zeiten, in denen die Zinsen und damit die Kapitalkosten der Vermieter stark gesunken sind, es hin, dass unsere Mieten nur noch steigen? Wir nicken verstehend: Ist ja klar, dass auch alle anderen Vermieter plötzlich sanieren wollen, (oder das zumindest vorgeben) und dann bei Neuvermietungen die Miete verdoppeln und verdreifachen! Sie passen sich ja nur dem Markt an. Dass die Mieten dabei für die meisten ins Unbezahlbare steigen, interessiert den Markt aber nicht. Dem ist es egal, dass sich bei einigermassen preisgünstigen Wohnungen hunderte von Leuten um Bewerbungsformulare prügeln. Ist halt so, gibt halt immer weniger Wohnungen von Genossenschaften, Stiftungen oder Städten. Aber warum eigentlich? Ist das in einer linksregierten Stadt niemandem peinlich?
Gerade diese Woche hat der Bundesrat die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Mieten» abgelehnt. Er liess verlauten, dass preisgünstigen Wohnungsbau zu fördern weder realistisch noch marktkonform sei.

Warum schreit da keiner auf? Wo sind die Gegenstimmen, die sagen: Wohnraum als Spekulationsmittel, das darf doch nicht sein. Da leben Menschlein drin mit ihren Kindern, Tieren, Freunden und Sachen, die haben Bilder an die Wand genagelt, Regale festgeschraubt, Blumen aufgestellt; Menschlein wollen sich wohl fühlen zuhause, an ihrem Rückzugsort. Dabei sind sie so verletzlich, wenn sie immer fürchten müssen, dass ihnen gleich alles wieder unter den Füssen weggezogen wird.

Aber manche schreien eben doch und manche nehmen sich sogar die Strasse. Ein Haus voller 60-90 Jähriger, etwa so eins wie vorher beschrieben, hat letzte Woche in Basel 500 Leute mobilisieren können, bei eisiger Kälte zu demonstrieren. Gegen den Rausschmiss aus ihrem Zuhause, in dem sie in guter Gemeinschaft ein halbes Jahrhundert leben, für ein Recht auf Wohnen, ein Recht auf Stadt.

Die Diskussion um «Recht auf Stadt» ist in vielen anderen europäischen Städten schon einiges fortgeschrittener. Der französische Soziologe Henri Lefebvre definiert es als ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf eine gemeinsam geplante und genutzte Stadt. Es beinhaltet auch das Recht auf Zentralität, und das Recht auf Differenz, «das für eine Stadt als Ort des Zusammentreffens, des Sich-Erkennens und Anerkennens und der Auseinandersetzung steht». Darin sieht Lefebvre die Qualität der urbanen Zentralität: Wo in aller Dichte unterschiedlichste gesellschaftliche Elemente aufeinandertreffen, passiert am ehsten etwas Unerwartetes, Neues, Produktives. Aber dieser Zugang zur Zentralität und dem dort versammelten gesellschatlichen Reichtum wie Wissen und Infrastruktur, wird je länger je mehr vom Markt kontrolliert. Wikipedia meint: Er muss durch soziale Kämpfe erobert werden.

Und die Heere sammeln sich: In Hamburg haben sich allein in St Pauli Tausende zusammengetan für zahlbaren Wohnraum, und um darüber hinaus zu diskutieren, wie Stadt an sich anders geplant und gebaut werden kann. Rein theoretisch könnten auch wir hier uns fragen: Wie soll unsere Stadt aussehen? Wem soll sie gehören?
Und wir sollten über die Rechte nachdenken, die wir haben wollen, für die wir kämpfen wollen. Recht auf Stadt? Auf Zentralität? Und warum soll es kein Gesetz geben dürfen, das definiert, wie hoch die Miete sein darf?

Ich bin froh, dass ein kleiner Aufstand jetzt auch in Basel läuft. Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass es nicht nur mir so geht, und dass die Bereitschaft da ist, etwas zu tun. Woran ich bei der Wohnungssuche in Zürich nämlich am meisten verzweifelt bin, war nicht das ständige Umschauen und Umziehen, und auch nicht, dass die anhaltende Wohnungsnot für die rotgrüne Stadtregierung kein Anliegen zu sein schien – wie wäre es eigentlich nicht-rotgrün?
Es war vielmehr die hässlich marktkonforme Haltung meines Umfelds, welches die katastrophale und zuweilen skandalöse Situation als gegeben hinnahm und die Schuld wenn, dann bei sich selber suchte.
Im Vergleich dazu bildete sich in Basel nach den Massenkündigungen in meinem Quartier sofort eine Community, die bereit war zu kämpfen, zusammen die Kündigungen und schliesslich den ekelhaften Neubau anzufechten und zumindest herauszuzögern. Es macht ja auch Sinn – wie sollen hunderte Parteien aus mietgünstigen Wohnungen auf einen Schlag ebensoviele gleichwertige neue Bleiben finden?
Zugegeben, vielleicht ist das nur die Wahrnehmung aus meiner Bubble, es ist aber die einzige, aus der ich berichten kann. Diese werde ich nach dem erzwungenen Auszug übrigens ins benachbarte Ausland erweitern, wo ich mir mit meinem Schweizer Einkommen eine aufgewertete Wohnung leisten und die Gentrifizierung dort vorantreiben kann. Endlich!

Dankeschön.

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