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Winterreden 2017: Tamara Funiciello

Von Tamara Funiciello 17. Februar 2017 Keine Kommentare

«I have a dream»

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer
«I have a dream». Ich habe einen Traum. Das ist einer der gefährlichsten Sätze auf der Welt. Ich werde euch in den nächsten Minuten erklären wieso – und wieso ihr gefährlich leben sollt.

Als ich die Einladung vom Team des Karl den Grossen erhalten habe, hier eine Rede zu halten, konnte ich mein Glück kaum fassen. Da soll ich doch tatsächlich von einem Balkon aus zu den Leuten sprechen. Wie der Papst. Oder Fidel Castro.
Und bevor Sie nun davonlaufen, verspreche ich Ihnen, dass ich weder zu beten beginne noch eine 8-stündige Rede halten werde.

Nach diesem Hoch der Gefühle kam dann aber bald die Frage, was ich hier eigentlich erzählen soll. Ideen hätte ich mindestens 1’000. Wirtschaftskrise, Rechtspopulismus, Kriege im Nahen Osten, Terrorismus, Trump und andere Katastrophen. USRIII, rassistische Kampagnen und Gegenkampagnen, kurz: die Qual der Wahl.

Als ich mich vor lauter Themen nicht entscheiden konnte, habe ich das gemacht, was ich immer tue, wenn ich nicht weiter weiss. Ich habe meine JUSOs gefragt. Denn ich bin der festen Überzeugung, und habe zahlreiche Beispiele dafür, dass junge Menschen die Gabe besitzen, unsere komplexe, verworrene Welt auf das Wesentliche zu reduzieren. Auf das, was wirklich wichtig ist. Auf die Frage hin, was ich hier erzählen soll, kam die Antwort einer jungen Genossin: «Du solltest den Menschen in diesen Zeiten doch einfach Hoffnung geben.»

Als wäre es das Selbstverständlichste und Einfachste der Welt. Und wie recht sie damit hat. In einer Welt, die fast erstickt vor Pessimismus und schlechten Nachrichten, von negativen Schlagzeilen, alternative Fakten, vor Bildern, die einem fast das Herz zerreissen, von Krisen, Elend und Kriegen, da braucht es einen Hoffnungsschimmer. Da braucht es neue Ideen. Da braucht es Träume.

Und ich, ich habe Träume.

«I have a dream.»

Martin Luther King hat diese Worte erst eingebracht, als die Menge fast einschlief. Es war heiss, es war stickig und die Leute hatten schon zwei Stunden zugehört. Erst als er von seinem Traum zu erzählen begann, konnte er die Menschen erreichen.

Ich habe das Glück, dass es mega kalt ist, daher gehe ich nicht davon aus, dass Sie einschlafen da unten, aber da man ja nie wissen kann, werde ich zur Sicherheit den Satz immer wieder sagen.

Man hat mich vehement davor gewarnt, diese «Floskel» zu benutzen. Es sei zu abgehoben, zu weit weg, zu unrealistisch. Nun ich bin weder dafür bekannt, mich gross darum zu foutieren, was andere denken, noch dafür, dass ich mich an Ratschläge halte. Und realistisch, realistisch bin ich schon gar nicht.

Denn Realistinnen haben die Welt nicht verändert. Und ich, ich will, dass sich die Welt verändert. Und ich will Teil dieser Veränderung sein.

Denn «I have a dream».

Ich träume von einer anderen Gesellschaft. Ich träume von einer Gesellschaft, in der alle Menschen frei von irgendwelchen Zwängen leben können.

Ich träume von einer Gesellschaft, in der es egal ist, was für ein Geschlecht man hat. In der nicht ein weisser Präsident zusammen mit einer Horde weisser Männer entscheidet, was ich mit meiner Pussy zu tun oder zu lassen habe. Von einer Gesellschaft, in der meine Tochter aufwachsen kann, ihre Meinung sagen kann, ohne bedroht oder auf ihr Äusseres reduziert zu werden.

Ich träume von einer Gesellschaft, in der man lieben kann, wen man will. Weil Liebe das schönste der Gefühle ist. Weil Liebe die pure Freiheit ist.

Ich träume von einer Gesellschaft, die Menschen weder nach ihrem Pass noch nach ihrer Hautfarbe verurteilt. Von einer Gesellschaft, in der Grenzen überflüssig sind, in der es keine Mauern gibt, die Menschen töten, in der Menschsein alleine reicht, um Rechte zu haben.

Ich träume von einer Gesellschaft, in der sich die Wirtschaft an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Ich träume von einer Wirtschaft, die die Früchte der Arbeit gerecht verteilt, die niemanden ausschliesst und alle Arbeit schätzt. Einer Wirtschaft, die nicht über Leichen geht, für den Profit einiger weniger.

Und nun erklärt mir bitte: Was ist daran falsch, diese Träume zu haben? Warum darf ich nicht von einer solchen, anderen Welt träumen? Warum darf ich nicht diese Hoffnung in den Menschen schüren? Warum soll ich mich mit dem zufrieden geben, was hier ist? Warum wird es als so lächerlich abgestempelt, einen solchen Traum zu haben?

Weil der Traum erst der Anfang ist.
Weil Träume Menschen inspirieren und sie zusammenbringen.
Weil Träume stärker als jede Waffe sind. Weil Träume die Mächtigen in Frage stellen können.
Weil Träume Menschen dazu bringen, über sich selbst hinauszuwachsen, weil Träume nicht einfach getötet werden können, weil Träume auch in anderen Menschen weiterleben, weil Träume Menschen, Länder und die Geschichte verändern können – weil Träume das Undenkbare denkbar machen können.
Darum sind Träume gefährlich.

Und doch gibt es sie, diese Träumerinnen und Träumer.
Then we have a dream!

Denn neben all dem Elend dieser Welt gab und gibt es viele Menschen, die träumen. Und so die Welt veränderten und weiterhin verändern.
Oder habt ihr das Gefühl, dass ohne einen Traum, eine Utopie, eine Vision, nennt es wie ihr wollt, die Französische Revolution stattgefunden hätte? Ich meine, die Dudes haben irgendwann mal entschieden, dass alles, was sie kannten, nicht gerecht ist. Dass die königliche Ordnung nicht eine zu akzeptierende Tatsache ist. Dass sie etwas anderes wollten.
Und zur gleichen Zeit ist man auf die Idee gekommen, dass Menschen Rechte haben, weil sie Menschen sind. Tönt heute selbstverständlich – war mal ein Traum, eine Idee. Und wurde belächelt.

Doch diese Errungenschaften sind nicht selbstverständlich. Man muss nach wie vor kämpfen um sie nicht zu verlieren. Denn Rechstpopulisten machen nichts anderes, als die Angst zu schüren und uns das Gefühl zu geben, dass wir nicht anders könnten, als uns zu isolieren, als gegen Menschen zu hetzen, als Konkurrenz als oberste Maxime zu haben.

Sie stellen unsere Art des Zusammenlebens grundsätzlich in Frage. Was geschieht, wenn diese Angstmacher das Oberwasser kriegen, haben wir in der Geschichte der Menschheit mehrmals gesehen. Wenn Bürgerrechte nicht mehr für alle gelten, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft verfolgt werden, ihre Liebe nicht frei leben können, dann sind wir gefangen in einem faschistischen System.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde: Lasst uns vorsichtig sein. Dieses System hat sich längst in unsere Köpfe gefressen: Der Kapitalismus lässt uns alle uns selber am nächsten sein. Bedürfnis ist darin ein individualisierter Begriff. Dazu gehören keine Toten im Mittelmeer, nicht die Ausnutzung unseres Planeten und auch nicht die Ausbeutung in Billiglohnländern.

Ich bin hier um euch zu sagen: Es gibt sie, diese Kämpferinnen und Kämpfer, diese Träumerinnen und Träumer! Diese Stimmen sind da! Und lasst euch nicht einreden, ihr wärt alleine. Und diese Stimmen sind laut. Wir sind laut. Wir sind wütend, wir sind bereit zu kämpfen für unsere Errungenschaften und für unsere Träume.

Diese Menschen, diese Träumerinnen und Träumer demonstrieren in Frankreich gegen die Arbeitsmarktreform, sie gehen in Polen für das Recht auf Abtreibung auf die Strasse, sie schmuggeln Flüchtlinge illegal über die Grenzen, sie verstecken sie bei sich zuhause. Sie kämpfen in der Burka in einem Rapvideo gegen die Unterdrückung. Sie gehen millionenfach auf die Strasse und kämpfen gegen das Patriarchat, gegen Homo- und Transphobie, sie schreien «BlackLivesMatter» und «I cant keep quiet». Und sie träumen.

Man muss sich trauen zu träumen, und dann muss man sich trauen, für diese Träume zu kämpfen. Und zwar nicht erst dann, wenn es zu spät ist. Sondern hier und jetzt.

Immer wieder frage ich mich, worauf die Leute warten. Darauf, dass es «wirklich schlimm wird»? Wann ist es wirklich schlimm? Wenn ein sexistischer, rassistischer Psychopath der mächtigste Mann der Welt ist? Wenn Menschen seit Jahren auf der Flucht ertrinken? Wenn die AHV nicht mehr zum Leben reicht und Firmen mit Steuergeldern hofiert werden?

Liebe Zuhörerinnen und Zuhören, es ist «schlimm genug». Und es kann noch schlimmer werden. Darum – beginnt zu träumen. Heute, hier, mit uns. Mit uns, die sich gegen den Hass und die Spaltung stellen. Mit uns, die sich gegen die Isolation und für die Offenheit aussprechen. Mit uns, die für Menschlichkeit statt Profite einstehen. Mit uns, die an eine Alternative glauben.

Wir sind nicht alleine. Wir sind viele. Und wir werden immer mehr. Martin Luther King wurde erschossen, weil er träumte. Er reiht sich in eine lange Liste von Menschen ein, die ihrer Träume und ihrer Kämpfe wegen ermordet wurden.

Denn Träumen, ich hab‘s euch gesagt, ist eine der gefährlichsten Sachen der Welt. Niemand kann dir deine Träume nehmen. Und wenn du andere zum Träumen bringst, dann, ja dann wirst du eine Gefahr für das System.

Ich habe mich dafür entschieden, zusammen mit Menschen auf der ganzen Welt gefährlich zu sein. Wir lassen uns unsere Träume einer solidarischen, freien und gerechten Gesellschaft nicht nehmen.

«You may say I am a dreamer.» Du denkst vielleicht, ich bin eine Träumerin, sang John Lennon in seinem wunderschönen Lied «Imagine». «But I’m not the only one.» Aber ich bin nicht die Einzige. «I hope someday you will join us.» Ich hoffe, eines Tages schliesst du dich uns an.

Und darum rufe ich euch auf, liebe Zuhörerinnen und liebe Zuhörer: Lebt gefährlich. Träumt. Träumt von dieser wunderschönen anderen Welt.
Und wenn ihr euch getraut habt zu träumen, dann kämpft dafür, dass eure Träume wahr werden.

Venceremos!

Danke für eure Aufmerksamkeit.

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