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Winterreden 2018: Liska Bernet

Von Liska Bernet 25. Januar 2018 Keine Kommentare

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer

Stellen Sie sich vor, Sie leben mit ihrer ganzen Familie in einem Campingzelt: Im Sommer, im Winter, bei Regen und Schnee. Sie teilen mit 1000 anderen Menschen eine einzige Dusche. Liebe Frauen, stellen Sie sich vor ein Kind zu gebären und am selben Tag zurück in ihr Campingzelt geschickt zu werden, das bei Temperaturen von über 40° in der prallen Sonne steht – oder im Schlamm, der sich mit Fäkalien mischt, weil es keine funktionierenden Toiletten gibt. Was würden Sie machen, wenn Sie regelmässig vergewaltigt werden in Ihrem Zelt, Sie dies den NGOs und Behörden melden, aber niemand reagiert?

Für zehntausende Menschen ist das die tägliche Realität – und zwar bei uns im reichen Europa und nicht irgendwo weit, weit weg, wo es uns nichts angeht.

Ich habe einen fachlichen und beruflichen Hintergrund im humanitären Sektor. Deshalb sind mir die typischen Ausreden, die von Organisationen und Behörden immer wieder verwendet werden, gut bekannt. Ausreden, die erklären sollen, warum die Schule im afghanischen Dorf nicht gebaut wurde, warum die von Frauen geführten landwirtschaftlichen Betriebe nie Gewinne erzielten oder eben warum es über drei Monate dauert, Toiletten in Flüchtlingslagern zu errichten.

Die Ausreden umfassen meist folgende Gründe: einen fragilen Kontext, anhaltende Kriege und Konflikte, schlechte Infrastruktur, Korruption, eine Diktatur, nicht genügend finanzielle Mittel oder lokale Wertvorstellungen, die sich zu sehr von den unseren unterscheiden. Und die absolute Lieblingsausrede: das Ausmass der Krise ist schlicht und einfach zu gross, die Anzahl von Menschen, die Hilfe benötigen, zu überwältigend.

Schauen wir nun aber genauer auf Griechenland – um nur ein europäisches Beispiel zu betrachten – funktioniert keine dieser Ausreden hier. In Griechenland hat es etwas mehr als 50’000 Flüchtlinge – das ist weniger als 1% der Bevölkerung. In Griechenland kann ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit frei bewegen, und ich muss nicht befürchten von einem Sniper erschossen zu werden, wenn ich einkaufen gehe. Es hat gute Strassen, Elektrizität und sogar in den abgelegensten Ecken des Landes hat es Telefon- und Internetempfang. Trotzdem ist die humanitäre Situation in den offiziellen Lagern nach wie vor katastrophal. Und das gilt auch für andere europäische Länder.

Es ist offensichtlich: Das globale humanitäre System funktioniert nicht mehr. Es ist zu bürokratisch, zu korrupt und zu abhängig von der Politik. Und ich frage mich, was es bringt, eine riesige Hilfsindustrie aufrecht zu erhalten, wenn die Bedürfnisse der Betroffenen Menschen nicht gedeckt werden können – nicht einmal innerhalb von Europa.

Und dann kommen die unabhängigen Zivilisten und selbstorganisierten Gruppen, die einspringen und versuchen die massiven Lücken zu füllen, welche von der Hilfsindustrie und unseren Regierungen hinterlassen werden. Sie retten ertrinkende Menschen, sie besetzen leerstehende Häuser, um geflüchteten Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, sie bauen informelle Schulen, Spitäler und Küchen, die tausende Menschen täglich versorgen. Sie arbeiten mit weniger aber erreichen mehr.

Diese Solidaritätsbewegung hat uns gezeigt, dass es auch anders geht. Und ich finde wir alle sollten von dieser Bewegung lernen: die NGOs, die Behörden und auch Sie liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Denn wir alle müssen etwas verändern. Und deshalb möchte ich nun drei Lektionen mit Ihnen teilen, die ich als Teil dieser Bewegung in den letzten Jahren gelernt habe.

Lektion Nr. 1: Wohltätigkeit und Solidarität ist nicht dasselbe!

Wohltätigkeit ist vertikal. Solidarität ist horizontal. Das traditionelle humanitäre System ist ein vertikales, es basiert auf Wohltätigkeit. Und Wohltätigkeit ist eine Leistung, die ich für jemanden vollbringe, dem es schlechter geht als mir. Wohltätigkeit basiert auf einem hierarchischen Beziehungsverständnis und erzeugt eine Machtdynamik zwischen dem Geber und dem passiven Empfänger von Wohltätigkeit.

Solidarität hingegen basiert auf einem Verständnis, in dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen. Solidarität bedeutet zusammen zu arbeiten – und nicht für jemanden. Es bedeutet sich gegenseitig zu unterstützen, für gemeinsame Werte zu kämpfen und vor allem, voneinander zu lernen.

Aber wie sieht dieser Unterschied in der Praxis aus? Zum Beispiel in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze, habe ich beobachtet, wie eine Hilfsorganisation mit einem Lastwagen durchs Camp gefahren ist und währenddessen Brot aus dem fahrenden Fahrzeug geworfen hat. Ein bisschen wie bei einer Tierfütterung im Zoo. Diese Form der Hilfe ist ganz klar vertikal. Ein anderes Beispiel, das in Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt beobachtet werden kann sind Menschen, die jeden Tag stundenlang in Schlangen stehen müssen um eine Mahlzeit zu erhalten. In Griechenland war dies ein undefinierbarer Brei in dem wir ab und zu auch mal eine Kakerlake oder Made fanden. Auch klar vertikal. Ein aktiver Geber, der das wie und was entscheidet, und ein passiver Empfänger.

Eine Essensvergabe die auf dem Prinzip der Solidarität beruht sieht anders aus. In Athen zum Beispiel, haben wir ein Gemeinschaftszentrum errichtet, zusammen mit vielen geflüchteten Menschen. Wir haben eine Küche gebaut, die täglich über 1000 Personen mit Essen versorgt. Aktivisten und Helfer kochen zusammen mit den geflüchteten Menschen. Diese bestimmen was gekocht wird und auch wie es serviert wird. In diesem Fall wie in einem Restaurant. Schlicht und einfach weil das würdevoller ist, als ein Brot zugeworfen zu bekommen. Und das ist der Punkt. Solidarität berücksichtigt die Würde und Selbstbestimmung jedes Menschen. Und Würde ist fast genauso wichtig, wie Nahrung selbst.

Lektion 2: Bürokratie kann tödlich sein

Grosse NGOs richten ihre Strategien oftmals nach den Interessen ihrer Geldgeber. Und während sie einen Bericht nach dem anderen für ihre Geldgeber und Vorgesetzten produzieren, vergessen sie manchmal, sich mit den realen Problemen von realen Menschen zu befassen. Bürokratisch aufgeblasene Prozesse führen oft dazu, dass Hilfe zu spät kommt und am Ziel vorbeischiesst.

Auch dazu gebe ich Ihnen gerne ein Beispiel das ich erlebt habe: Im Winter 2016 war ich in Lesbos und habe in einem informellen Camp gearbeitet. Es war Januar, es schneite und es war saukalt. Eine der gut bekannten NGOs hatte ein Lagerhaus mit 10‘000 Decken, die sie so schnell wie möglich loswerden wollten, da sie das Lagerhaus schliessen mussten. Wir konnten die Decken sehr gut gebrauchen. Wie gesagt, es war Winter, die Menschen hatten kalt und wir hatten nicht genügend Decken. Die Organisation hat sich gefreut, dass jemand die Decken nimmt. Allerdings mussten sie unseren Verein erst überprüfen. Kein Problem habe ich gesagt und ihnen alle Dokumente zugeschickt. Dummerweise hat die Überprüfung schlussendlich fast zwei Monate gedauert und als sie endlich fertig war, haben wir die Decken nicht mehr gebraucht, weil es bereits Frühling war.

Solidaritätsgruppen arbeiten ohne grosse Bürokratie, zusammen mit den Menschen die sie unterstützen wollen. Daher kennen sie die Bedürfnisse zu einem bestimmten Zeitpunkt besser und müssen nicht erst 20 Berichte schreiben, um 100 Decken verteilen zu können. Sie können schneller, gezielter und effizienter handeln.

Lektion 3: Wir brauchen Innovation und Lösungen, die unserer Zeit entsprechen

Unbewegliche und bürokratisch aufgeblasene Organisationen wirken auf mich manchmal wie ineffiziente Dinosaurier.

Die meisten Mitglieder der Solidaritätsbewegung sind jung und in einem digitalen Zeitalter gross geworden. In einer Zeit, in der sich alles sehr schnell ändert. Flexibel zu sein und mit der Zeit zu gehen ist Normalität. Die Menschen haben die unterschiedlichsten beruflichen Hintergründe, die man sich vorstellen kann. Und deshalb wenden sie oft Methoden und Lösungen an, die für das humanitäre System sehr unkonventionell scheinen. Ein System, dessen Methoden und Lösungen sich seit dem Zweiten Weltkrieg fast nicht verändert haben.

Ich gebe Ihnen wieder ein Beispiel: Als ich im Herbst 2015 in Lesbos ankam, schliefen mehrere hunderte Menschen vor dem Registrierungszentrum in Moria auf dem Boden. Es hatte weder Behörden noch NGOs vor Ort. Innerhalb weniger Wochen gelang es uns, ein relativ gut funktionierendes informelles Lager für etwa 800 Menschen zu bauen. Und dies, obwohl wir am Anfang weder die finanziellen noch personellen Ressourcen hatten um irgend etwas verändern zu können. Aber wir hatten die sozialen Medien und Technologie. Wir nutzten Facebook und andere Social-Media-Kanäle, um Teams und unabhängige Helfer mit relevanten Fähigkeiten nach Moria zu bringen und Europa auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen. Innert wenigen Wochen kamen hunderte Helfer, Sach- und Geldspenden aus der ganzen Welt.

Darunter hatte es zum Beispiel eine Gruppe aus Holland, die normalerweise Festivals aufbaut. Diese Gruppe nutzte ihre Netzwerke, um Festival-Infrastruktur auf die Insel zu bringen. Und plötzlich hatten wir hochwertige Zelte. Einige von ihnen hatten auch sehr nützliche Kenntnisse und Fähigkeiten bezüglich dem Abfallmanagement und sanitärer Versorgung oder betreffend Dingen wie Strom, Camp-Beleuchtung für erhöhte Sicherheit oder zum Umgang mit grossen Menschenmengen. Ich weiss es klingt ironisch, aber der Aufbau von einem Festival und einem temporären Flüchtlingslager hat mehr Gemeinsamkeiten als man denkt.

Ein anderes Team, das normalerweise ein Food-Waste-Catering-Geschäft in England betreibt, kam kurze Zeit später. Innerhalb weniger Tage knüpften sie Kontakte zu lokalen Supermärkten, wo sie dann jeden Abend die Lebensmittelabfälle abholen und damit das ganze Camp bekochen konnten.

Ein wieder anderes Team hat sogar ein Lieferservice aufgebaut, um Gegenstände aus den Lagerhäusern in die Camps zu bringen. Dieses System funktionierte ein bisschen wie Uber, ausser dass es kostenlos war, und wir die App nicht brauchten, um ein Taxi für uns selbst zu bestellen, sondern um die Dinge die wir brauchten aus den Lagerhäuser in unser Camp liefern zu lassen.

Dies sind nur wenige von vielen Beispielen. Nicht nur in Griechenland, sondern in fast allen europäischen Ländern haben Menschen Initiativen gestartet um Neuankömmlinge beim Aufbau eines neuen Lebens zu unterstützen. Bei der Suche nach Wohnungen, Arbeitsplätzen, Fahrrädern und Freunden und all den anderen Dingen die wir benötigen, um ein mehr oder weniger normales Leben zu führen. Solche auf Solidarität beruhenden Initiativen von der Bevölkerung öffnen neue Türen für geflüchtete Menschen, aber auch für die Gesellschaft als ganzes.

Denn Migration wird nicht verschwinden. Und was wir in den letzten Jahren in Europa gesehen haben, wird uns noch viele Jahre begleiten. Sei es auf Grund von Klimawandel, Krieg oder Armut: Menschen werden weiterhin reisen, sie werden weiterhin vertrieben werden. Anstatt Mauern zu bauen, Menschen zu diskriminieren und Angst vor Veränderung zu haben, sollten wir anfangen realistische Lösungen zu finden mit diesem Thema umzugehen. Lösungen, die nicht auf einem veralten Wohltätigkeitsverständnis basieren, das auf bestehenden Machtdynamiken festigt, sondern auf Solidarität, Autonomie und der Schaffung von neuen Möglichkeiten. Wir brauchen weniger Bürokratie und mehr Innovation.

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer. Es ist 2018 und wir müssen endlich aufwachen und uns dieser Aufgabe stellen. Lösungen existieren bereits. Nun liegt es an uns allen, sie zu vermehren und weiterzuentwickeln, sie in der Gesellschaft und Politik zu verankern. Denn schlussendlich muss Solidarität aus der Sphäre der Freiwilligkeit herausgeholt und wieder zu einem gesellschaftlichen Anspruch gemacht werden.

Herzlichen Dank!

Winterrede von Liska Bernet, Flüchtlingsaktivistin

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