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Winterreden 2018: Markus Theunert

Von Markus Theunert 17. Januar 2018 Keine Kommentare

«Männer halten sich selbst nicht für begehrenswert, sich fühlen sich sexuell wertlos. Wenn wir also wollen, dass Männer ein anderes Frauenbild haben, dann müssen wir ihnen ein anderes Selbstbild ermöglichen».

Dieses Zitat stammt von Ilan Stephani, Jahrgang 1986. Sie hat während ihres Studiums zwei Jahre lang als Prostituierte gearbeitet und verarbeitet ihre Erfahrungen in einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel «Lieb und teuer». Für mich war die Lektüre etwas vom Spannendsten überhaupt, das ich zur Thematik je gelesen habe. Ich kann an dieser Stelle nur einen Grund hervorheben.

Ilan Stephani gelingt das Kunststück gelingt, sichtbar zu machen, was so leicht übersehen wird: Dass sich das Patriarchat nicht nur an und gegen Frauen richtet, sondern auch an und gegen Männer. Männliches Problemverhalten gegenüber Anderen ist dann «nur» die logische Folge des Problemverhaltens gegenüber sich selbst. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Mannsein heisst, Opfer der eigenen Lieblosigkeit zu sein – und dadurch Täter zu werden. Mannsein heisst, Lieblosigkeit zu lernen – und dadurch Täter zu werden. Das ist die Tragik, die wir uns vor Augen halten sollten, wenn wir nicht beim (natürlich völlig berechtigten) Anprangern des Leids stehen bleiben wollen, das Männer verursachen.

Ich beschäftige mich nun seit 20 Jahren mit Männer- und Geschlechterfragen. Die Thematik wird dadurch nicht langweiliger, sondern immer spannender. Zuweilen wähne ich mich in einem Krimi, in dem es dunkle Mächte zu enttarnen gilt.

Was sich da enthüllt, sind die verzweifelten Versuche, die Wunden des Patriarchats zu überdecken und übertünchen. Doch sie schmerzen weiter. Und sie verheilen eben nicht allein deswegen, weil die gröbsten Ungerechtigkeiten heute nicht mehr Gesetz sind. Die Wunden des Patriarchats haben sich über Generationen in unsere Seelen – die von Frauen und Männern – eingeritzt, und der Heilungsprozess ist lange und schmerzhaft. Zu schmerzhaft für viele, die lieber ausagieren als innehalten.

Der eingangs zitierte Satz gilt nicht nur für die Sexualität. Wir müssen nur das Wort «sexuell» streichen und sehen das Drama in seiner ganzen Tragweite: «Männer halten sich selbst für wertlos. Wenn wir wollen, dass Männer ein anderes Frauenbild haben, dann müssen wir ihnen ein anderes Selbstbild ermöglichen».

Lassen Sie den Satz einen Moment auf sich wirken: «Männer halten sich selbst für wertlos. Wenn wir wollen, dass Männer ein anderes Frauenbild haben, dann müssen wir ihnen ein anderes Selbstbild ermöglichen». Das heisst letztlich: Gewalt von Männern ist immer auch Gewalt an sich selbst. Ich möchte Ihnen diesen Gedanken mit auf den Weg geben und Sie bitten, ihn in Erinnerung zu rufen, wann immer Sie feststellen, dass Sie Männer als Problem wahrnehmen. Gewalt von Männern ist immer auch Gewalt an sich selbst.

Er gilt auch für die mächtigen Männer, die uns in diesen Tagen soviel Angst machen. Woher rührt denn die Angst? Aus unserem Gespür, dass die Fassade des mächtigen Mannes nur ein Ablenkungsmanöver ist, damit niemand den verletzten Jungen dahinter sieht. Und aus unserem intuitiven Wissen, dass solch gespaltene Menschen unberechenbar sind.

Für mich persönlich ist der Zusammenhang jedenfalls evident: All die Ausgrenzung und der Hass, das Aufstacheln und Einschüchtern mit denen sich Trump, Putin, Erdogan & Co. gegenseitig zu übertrumpfen scheinen – das mag politisch ein Machtspiel sein. Psychologisch ist es das Drama des tief verletzten Buben, der sich seinem Schmerz nicht zuzuwenden weiss.

Das Empfinden der eigenen Wertlosigkeit – das Gefühl, ohne Leistung keine Daseinsberechtigung zu haben, ohne Leistung keine Liebe zu verdienen – ist aus meiner Sicht der Kern des männlichen Traumas im Patriarchat. Es kann nicht darum gehen, diese Traumatisierung auszuspielen oder aufzuwägen. Aber es muss darum gehen, sie sichtbar zu machen und sie selbst zu sehen, wenn wir gestärkt aus diesen unsicheren Zeiten hervorgehen wollen. Denn das Gute ist: Der aufgeplusterte Machtmann fällt in sich zusammen sobald wir ihn als verletzten Jungen sehen. Er verliert seine Macht, weil wir ihn als Menschen sehen. Genau davor hat er Angst. Aber genau das ist unsere Waffe: der menschliche Blick und die Bereitschaft, den Schmerz zu spüren, den diese Männer abspalten mussten.

Ja, über die gewollte und geförderte Verstümmelung der männlichen Seele, darüber müssen wir reden. Oder um es mit den Worten von Ilan Stephani zu sagen: «Ich glaube, dass das männliche sexuelle Elend eines der folgenschwersten und gefährlichsten Probleme in unserer Welt darstellt und dass es tief verkannt, verdrängt und verschwiegen wird».

Sprechen wir darüber!

Markus Theunert ist Leiter des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen SIMG, der Fachstelle des Dachverbands männer.ch.
Kontakt: theunert@simg.ch

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