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Winterreden 2018: Patti Basler

Von Patti Basler 18. Januar 2018 Keine Kommentare

Liebe Zürcherinnen und Zürcher,

ich komme aus dem Westen zu euch, als Abgesandte, quasi. Aus dem Westen. Und aus dem Westen, denkt man, komme alles Gute: Aufklärung, vingt-six minutes und Alain Berset. Oder Paris. Samt BewohnerInnen.

Im Gegensatz zum Osten. Aus dem Osten kommt alles Schlechte: Da gibt’s Putin, Kohlebergwerke. Und Appenzell Innerhoden.

Aber eigentlich, liebes Zürich, wenn man das etwas differenzierter betrachtet, gibt’s auch im Osten Gutes: Den Taj Mahal, das Bünderland und die Olma-Bratwurst. Ohne Senf. Und bald auch ohne Beilage, uf St. Galler-Dütsch: ohni Bilag. Will lueget emol, liebi Zürcherinne, je witer dass mer in Nahe’n’Oschte goht, desto breiter wärde d’Schnurre. S’Trudi Gerschter selig oder de Matthias Hüppi, die hend sone breits Muul, dass mer chönnt meine, im St. Gallische’n’usse gäb’s e Wettbewerb im Olma-Brotwurscht quer is Gfräss ine schiebe. Ohni Senf

Defür hend’s immer sone Lache im Gsicht, sind immer so ufgstellt, immer sone Lache im Gsicht.

Und nun, das muss uns zu denken geben, hat Matthias Hüppi zum FC St. Gallen gewechselt, vom SRF direkt zum FC St. Gallen und die Frisur der Nation ist ihm gefolgt.

Nicht Donald Trump, obwohl seine Frisur aussieht, als wäre sie von Burglind und Frederike höchstpersönlich gehäkelt worden als stürmischer Pussy-Hat in stylischem Lachs-Rosa. Ja, und obwohl Trump als sehr stabiles Genie vielleicht die Rettung für den FC St Gallen wäre.

Es wird sogar gemunkelt, dass Trump sich freiwillig meldet bei einem Freistoss einer südamerikanischen Mannschaft. Für die Abwehr-Mauer. Nein, aber nicht Trump ist die Frisur der Nation, auch nicht Alain Berset. Dessen Kopf ist so spiegelblank wie der Zürichsee ohne Burglind, so spiegelblank wie ein für immer abgestellter Fernsehbildschirm. E Fleischchappe ohni Bilag.

Nein, der andere Alain ist es, der Alain Sutter, der geht Hand in Hand mit dem Hüppi vom SRF zum FC St. Gallen und wenn jetzt nach Hüppi und Sutter auch noch Susanne Wille zum FC St Gallen geht, fragt man sich, ob der FC St. Gallen von den SRG-Abschaffern gesponsert wird oder von der Vereinigung zur Erhaltung des beilagefreien Olma-Bratwurst-Reinheits-Gesetzes.

Liebe Anwesende, Abwesende und Verwesende

Achtung: Auch aus dem Westen kommt Fragwürdiges hergeweht. Evi und Burglind haben mehr Umstürze verursacht als die Politik in Appenzell Innerhoden in den letzten 20 Jahren. Trump wird vom Westen eingeflogen. Und im Westen, im Westen, liebe Zürcherinnen und Zürcher, im Westen liegt der Aargau.

Der Aargau, wo man schon lange keine weisse Socken mehr trägt, denn weisse Socken sind schon längst wieder hip in Zürich, im Kreis 4, wo die AargauerInnen wohnen, die irgendwann während ihres Soziologie- oder Publizistik-Studiums nach Zürich gezogen sind und am Wochenende in einem Pop-up-Store einen veganen Poetry Slam veranstalten, ohne Fleisch, nur mit Beilage, und die sich als Zürcherinnen bezeichnen, weil sie schon hier wohnten, als es noch nicht so hip war, und die irgendwo zwischen Stolz und peinlichem Berührtsein oszillieren, wenn es um ihre aargauische Herkunft geht.

Diese Zürcherinnen tragen schon lange wieder weisse Tennis-Socken und deshalb trägt der gemeine Aargauer schwarze Socken, wie es vor fünf Jahren ein modisches Must war. Denn der gemeine Aargauer ist wie der Thurgauer ein bisschen Mainstream. Er schaut die Tagesschau und Schweiz Aktuell und manchmal die Landfrauenküche, noch öfter allerdings schaut er Internet-Pornos, die sind gratis und da ist gar nichts Zwang, weder die Gebühr noch die Handlungen der erstaunlich beweglichen Schauspielerinnen.

Das alles ist wie unsere Aargauer Fernseh-Moderatorin Susanne: Es ist Wille. Es ist der freie Wille. Und den hat man gern im Aargau, dort, wo man nicht schlechter Auto fährt als die Zürcher. Denn ja, sie fahren Auto, die Aargauer und wer ein richtiger Stadt-Zürcher aus dem Kreis 4 ist, hält sich kein Auto, höchstens ein Velo. Oder ein Murmeltier. Es Murmeli.

Ganz besonders diejenigen Zürcher, die aus dem Engadin oder der Surselva massenimmigriert sind, die, die sich selber so entlarvende und auf krude Art sympathische Namen geben wie Steibock-Tschingga und Murmali-Figgar.

Die BündnerInnen, die am Wochenende heimlich mit ihren Steinbock-Crash-sicheren SUVs in den Aargau fahren, um dort ein bisschen zu rasen, weil es im Aargau keine Steuer- oder gebühren-finanzierten Zwangs-Radar-Kästen hat auf der Strasse.

Die Bündner, liebe Zürcherinnen und Zürcher, die eine Randgruppe sind und so arm, dass sie den amerikanischen Präsidenten in ihrem goldenen Ei beherbergen müssen. In ihrem Ei des Kolumbus. Und man wünscht sich fast, dass der Kolumbus damals Amerika gar nicht gefunden hätte, dann wären die Trumps statt in die USA vielleicht einfach in den Aargau emigriert und Donald würde in Oberwil-Lieli mit dem Andreas Glarner Fussball spielen und Mauern ums Dorf bauen.

Oder man wünscht sich wenigstens, dass Donald das Pariser Abkommen nicht gekündigt hätte. Man wünscht sich, Trumps Eltern hätten damals vor dem Kommen das mit den Parisern etwas ernster genommen.

Die Bündner waren so arm, dass sie sich gar kein Fleisch leisten konnten und massenweise Maluns und Capuns fressen mussten. Reine Beilage, die aber mehr sättigt als ein Gigot vom Steinbock, das der Donald auf der Safari im Nationalpark erlegen darf mit dem Schweizer Strumgewehr STGW 90.

Die Randgruppe der Bündner sind also auf Nationalpärke angewiesen und auf die Beilage. Ohni Bilag verrecka dia Bündnar. Und ohne Steuerzwang wird der Nationalpark untergehen und das Goldene Ei in Davos, da wo’s den Trump hinbläst und da, wo’s den Spengler-Cup gibt, und wenn der nicht mehr im Fernsehen übertragen wird, gibt es keine Sponsoren mehr, ausser vielleicht die Bratwurst-Reinheits-Gesetz-Vereinigung. Die kleinen Davoserli müssten auf dem zugefrorenen Silsersee Eishockey spielen mit einem gefrorenenen Bratwurst-Rädli als Puck und beten, dass das Eis so glatt ist wie Alain Bersets Glatze, welche erstaunliche Ähnlichkeiten hat mit dem Goldenen Ei in Davos.

Und dem Luzerner Seetal. Zumindest aus Trumpscher Betrachtung: A Bald Egg

Liebe Zürcherinnen und Zürcher, weshalb erzähle ich euch das alles? Weil es uns Aargauerinnen ähnlich geht wie dem Bündner-Volk. Unsere Aargauer Spezialität ist ein Rüebli. Reini Bilag. So orange wie der amerikanische Präsident und es steckt gerne bis zu den Schultern im Dreck.

Noch lieber mögen wir allerdings den Aargauer Braten. Das ist ein Braten, ein Stück Fleisch, in dessen Mitte wir ein Loch bohren und getrocknete Zwetschgen hineinquetschen. Hier ist die vegane Beilage dann quasi das Herz und gibt an das umgebende Fleisch ein Aroma ab. Auch ich bin eine Inkarnation eines solchen Aargauer Essens. Eines typischen Aargauer Apéros: Alte Zwetschge im Speckmantel.

Drum gehe ich auch nicht mehr gerne ins Bündnerland wandern mit meinen Walking-Sticks. Denn aus der Sicht eines immigrierten Bären oder Donald Trumps bin ich nur ein Apéro-Häppchen. Mit Zahnstochern.

Der Aargau ist dort, wo inzwischen General Electrics mehr zu sagen hat Als-Tom. Also als Alstom. Hier muss, wer A sagt, auch BB sagen.

Bei uns stehen die Atom-Wirbel-Säulen, welche aus freiem Willen stille dampfen, derweil wir Aargauer Jod-Pillen mampfen. Die Kernspaltung der Seele findet in unserem im Leib-statt.

Denn wir sind nicht zwinglianisch züchtig. Nein, wir sind teilweise gar katholisch, grad in Baden, wo früher die Zürcher herkamen, um in den sündigen Thermalbädern halbentkleidet zu frivolisieren, derweil die Badener das ständig taten, denn wer katholisch ist, kann saufen, und raufen und alles, was fleischlich ist, sexuell belästigen und Würste samt Beilage fressen. Dann geht’s zur Beichte und alles ist vergessen.

Obwohl grad die katholische Kirche in einer Krise steckt. Da es noch nicht im SRF gesendet wurde, wissen es die meisten nicht: Gottvater, der natürlich katholisch ist, wurde angeklagt von Maria wegen sexueller Belästigung und Nötigung. Sie sei sogar geschändet worden, denn er habe ihr seinen Heiligen Geist geschickt, welcher über sie gekommen sei oder über ihr. In Form einer Taube habe er den Geist gesandt. Ihr sei also eine Taube geschickt worden, sie sei also quasi be-täubt gewesen und dann sei sie schwanger geworden. Er habe einfach seine Allmacht ausgenutzt.

Der Anwalt des Angeklagten, der pensionierte Papst Benedikt, meinte, sie habe sich doch nur hochgeschlafen, damit sie zu Rechten Gottvaters im Himmel sitzen könne. Und Maria verneinte dies vehement, und es sei auch kein Trost, dass man ihr gesagt habe, auch ihr Sohn werde dereinst aufs Kreuz gelegt und genagelt.

Der Verteidiger war inzwischen eingeschlafen. Die Zeugen Jehovas wollten nichts gesehen haben. Jesus war sowieso Sohn von Beruf und diese hippieske Dreiecks- und Dreifaltigkeitsgeschichte ging ihm ohnehin auf den Heiland-Sack. Die Richterin Oprah Winfrey verurteilte den schuldig gesprochenenen Gottvater und seinen Komplizen, den Heiligen Geist, zum ewigen Beten des Ave Maria. Zudem müssen sie Alimente für die letzten 2000 Jahre nachbezahlen und in jeder katholischen Kirche der Welt aus dem Messebecher den Weinstein entfernen.

Und Maria wurde inzwischen anstelle Gottvaters inthronisiert: Im Namen der Mutter, im Namen der Tochter und der heiligen Corinne Mauch, die ja auch eine Aargauerin ist.

Ja, der Aargau ist dort, wo die Zeitung titelt: „Schweden macht es vor: Gibt es Sex bald nur noch mit Einwilligung?“

Und man fragt sich: Wie sonst?

Obwohl der gemeine Aargauer vielleicht noch kurz überlegt und findet, das sei ja allerhand, dass man jetzt noch eine Einwilligung für Sex brauche, Sex sei doch eher ein Menschenrecht, das brauche doch keine Einwilligung, das müsse halt sonst mit Zwang gehen, denn Sex sei doch Fleisch und nicht Billag, und drum wär beim Sex auch Zwang in Ordnung. Aber beim zweiten Hinschauen merkt der gemeine Aargauer dann, dass es gar keinen Sex gibt ohne Einwilligung, denn dann heisst es nicht mehr Sex, sondern Vergewaltigung.

Und seit auf Geheiss Oprah Winfreys alle Kruzifixe mit der INRI-Inschrift durch Hashtags mit MeToo-Inschrift ersetzt wurden, hat auch der gemeine Aargauer es begriffen.

Und er kaut sogar auf einer neuen Namensgebung für seine mit Schokolade überzogene, auf einen Waffelboden gespritzte Eiweiss-Zucker-Schaum-Spezialität herum. Denn „Mohrenkopf“ sollte man aus allen Gründen nicht mehr sagen und Mohren wurden ohnehin immer mit Kraushaaren dargestellt, aber dieser Schoko-Kuss ist ja völlig kahl. Wie der Kopf von Alain Berset: ein Bald Egg.

Und drum müsste der „Mohrenkopf“ eher „Skin-Head“ heissen, allerdings müsste man dann aussen weisse Schokolade nehmen und die kack-braune Masse wär innen.

So sind sie, die Aargauer. Auch sie bemühen sich allerdings, politisch korrekt zu sein in einer verwirrenden, globalisierten Welt mit einem welschen Bundespräsidenten, der die Aargauerin ablöst und einer Corinne Mauch als Zürcher Stadtpräsidentin. Sie schreiben sogar alles politisch korrekt an, die Aargauer. Zwei- bis vier-sprachig:

Ankunft / Arrivée
Abfahrt / Départ

Und immer mit einem Schrägstrich, immer mit so einem Schrägstrich dazwischen. Man weiss, was man liest, steht grad nochmal: gleicher Inhalt, anderes Wort:

Danke / Merci
Bitte / SVP

Und meistens ist da noch ein Pfeil, der die Richtung anzeigt:

Eingang / Entrée
Ausgang / Sortie / Exit / Dignitas

Und letzthin war ich in einer Beiz im Aargau, da stand dann auch so zweisprachig:
Toiletten / Kegelbahn

Oder hier in Zürich, im Zentrum Karl der Grosse:
Toiletten / Stuhllager

Das wär dann sogar rollstuhlgängig. Und für den Donald schreiben wir noch dazu:
Weisses Haus / Shithole

Wenn ich seine Backen seh, abends in der Tagesschau, kommt mir in den Sinn, was mir einst ein verschwiegener Appenzell-Innerhödler gesagt hat:

Nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht
Nicht alles, was zwei Backen hat, ist ein Gesicht.

Und drum, liebe Zürcher-Innen und Zürcher draussen an der Kälte. Lasst uns heute unsere Solidarität feiern. Zusammen saufen, fressen und der Wollust frönen. Und dem aargauischen Mainstream. Lasst uns zusammen die Landfrauenküche mit Rüebli, Maluns, Capuns und geheimem Appenzeller-Rezept ausprobieren. Oder die Landfrauenküche mit Olma-Bratwurst. Mit oder ohne Senf.

Wie schon Maria immer sagte:

Lieber de Senf i de Hand,
als Tube ufem Dach.

Oder statt Landfrauenküche wenigstens den Landfrauenhydrant mit Kafi Schnaps. Lasst uns uns versammeln wie früher ums Lagerfeuer. Aus freiem Willen, um um 10 vor 10 der Wille zu frönen. Oder um 5 vor 12 dem Spengler-Cup. Und wenn wir uns sattgesehen, sattgehört und sattgesoffen und sattgefressen haben, dann lasst uns beichten und büssen. Mit Ablass-Briefen und Gebühren. Die zu bezahlen wir freiwillig wählen.

Denn auch der Alain Suter möchte sich auch mal wieder im nationalen Fernsehen von nah sehen, statt sich nur auf der Glatze von Alain Berset spiegeln.

Und wenn wir es schaffen, uns hier aus freiem Willen zu versammeln, Bündnerinnen, Appenzell-Innerhoder und ein paar zwanglose Zwinglianerinnen, wenn hier Atheisten, Protestantinnen und Katholiken, Bratwurst-Fresserinnen und Veganer friedlich beisammen sind, ohne Mauern zu bauen. Und vor allem, wenn eine Aargauerin hier spricht, ohne von Zürchern mit einem gluten-freien Rüebli-Dinkel-Sandwich oder dem STGW 90 beschossen zu werden, dann glaube ich an unsere Willensantion! An unsere Susanne-Wille-Nation! Und dann weiss ich, dass wir dem Bündner aus lauter Solidarität nicht die Beilage vom Teller klauen wollen.

Denn, wenn wir brauchen eben nicht den Föifer und das Weggli
sondern D’ Brotwurscht und d’ Bilag!

Das war mein Senf zum Thema.

Danke.

Winterrede von Patti Basler, Bühnenpoetin und Kabarettistin

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