Menu

Winterreden 2018: Réda El Arbi

Von Réda El Arbi 16. Januar 2018 Keine Kommentare

Der Wert der Gemeinschaft

Herzlich willkommen zur Winterrede heute – von mir. Und danke für eure Härte in diesem Regen da draussen zu stehen und zuzuhören, was ich zu sagen habe. Ich bin eigentlich weniger der Redenschwinger und mehr der Geschichtenerzähler, oder der, der sich hinter der Tastatur versteckt. Ich habe mich heute jedoch überreden lassen, hier eine Rede zu halten zu einem Thema, was mir wirklich am Herzen liegt. Diejenigen, die das Programm gelesen haben wissen, ich sage etwas zum Wert der Gemeinschaft. Ich habe mir das Thema ausgesucht, weil ich mir Sorgen mache. Ausnahmsweise mache ich mir keine Sorgen um mich oder um meine Nächsten, sondern Sorge um das Zusammenleben, welches wir in diesem Land miteinander haben.

Da ich im Theoretischen nicht so gut bin erzähle ich euch die Geschichte, wie ich persönlich zum Wert der Gemeinschaft gekommen bin. Diejenigen, die mich kennen, wissen um meine Drogengeschichte. Ich bin ehemaliger Drogenabhängiger und habe einen sehr langen Weg ausserhalb der Gesellschaft und Gemeinschaft gemacht. Darum habe ich vielleicht ein leicht anderes Bild vom Wert des Zusammenlebens von uns Menschen.

Ich bin in Dübendorf in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Wenn man als Kind nicht so genau weiss, was als nächstes passiert, verliert man das Vertrauen. Ich habe grundsätzlich Menschen, Erwachsenen nicht vertraut. Eigentlich jedem gegenüber, der grösser als 1,40m war, fand ich: „No, nope!“. Dies hat mich in einer gewissen Isolation gehalten. Ich habe in meiner Gedankenwelt gelebt und nicht unbedingt Kontakt zu anderen Menschen gesucht. Ich war meine eigene kleine Welt und habe die Gesellschaft und die sozialen Kontakte auch nicht unbedingt gebraucht. Ich war nicht unbedingt ein sozialer Mensch und bin es auch heute noch nicht wirklich. Aber damals fiel mir das nicht auf.

Das erste Mal, als ich die Gesellschaft um mich herum wahrgenommen habe – nicht nur die einzelnen Kontakte zu Menschen – war mit 14 oder 15. Damals fing ich an politisch zu denken. Dort hatte die Gesellschaft einen sehr praktischen Nutzen. Für alles, was mir nicht gepasst hat, war die Gesellschaft verantwortlich. Zuerst hat man die Eltern, die sind Schuld. Und wenn dies nicht mehr funktioniert, dann kann man irgendwann der Gesellschaft die Schuld geben, und man steht wieder gut da. Das kennt ihr sicher auch: „Alles was gut läuft, habe ich gemacht, und alles was nicht so gut läuft, ist die Schuld der Andern.“ Die Gesellschaft war so ein Gesamtbegriff, eine düstere Masse, die mich meiner Freiheiten beraubte. Ich hatte anarchistische Züge und fand: “Staat ist eine Form, wie sich Gesellschaft zeigt. Und den finde ich grundsätzlich blöd, weil die mir nicht geholfen haben, als es mir schlecht ging. Die sind blöd.“

Ich habe dann nicht so leicht aus meiner Isolation herausgefunden, sondern bin in die Drogen geraten. Ein Teil von euch, also alle die nicht mehr ganz so jung sind, mögen sich vielleicht noch an Zürich in dieser Zeit erinnern; Zürich in den Neunzigerjahren mit Letten und Platzspitz. Jeder hatte jemanden im Umfeld, der irgendwie mit Drogen zu tun hatte. Ich war einer von denen. Die Drogen haben mir geholfen, in meiner Isolation zu bleiben. Es war grossartig! Ich konnte Drogen nehmen, und ich brauchte niemanden anders, ausser jene Leute die mir Geld ausleihen mussten. Wenn sie dies nicht gemacht haben, dann waren sie “die Gesellschaft“ und somit “blöd“.

Ich habe lange in dieser Isolation gelebt – 15 Jahre! Das ist vielleicht schwierig vorstellbar, wie es ist, in einer solchen Welt zu leben. Ich hatte grundsätzlich Menschen rund um mich, die es sehr gut meinten mit mir, die sich für mich einsetzten. Wenn ich aus meinem kleinen Universum, aus meinen Bauchnabel herausgeschaut habe, was habe ich gesehen? Ich habe nur Idioten gesehen, nur Leute, die etwas von mir wollten, die mich in eine Richtung drücken wollten. Ich habe absolut kein gutes Haar an den Menschen um mich herum gesehen. Ihr müsst euch das vorstellen: Man lebt in einer düsteren Welt, und bei allen Menschen, denen man begegnet, sieht man erst einmal das Negative.

Es war erträglich mit den Drogen, es wäre wahrscheinlich ohne Drogen nicht erträglich gewesen, wie mir schien. Ich habe dann die übliche Karriere gemacht, bis zum Punkt, an dem es nicht mehr weiter ging. Vor 15 Jahren bin ich dann ausgestiegen. Man muss sich dies vorstellen: Ich hatte nie wirklich geübt, mit Menschen umzugehen, ausser wenn ich sie manipulieren musste, mir zu helfen. Plötzlich war ich nüchtern, stand inmitten einer Gesellschaft und hatte keine Ahnung, wie man mit Leuten umgeht. Ich hatte keine Ahnung, wie man Teil einer Gemeinschaft ist. Ich habe dann erst einmal das ganze Selbstverwirklichungszeugs gemacht, was jetzt im neuen Jahrtausend so trendy ist: das Individuelle, meine Persönlichkeitsfindung, Meditation, Yoga… ihr habt sicher auch jemanden in eurem Umfeld, der sich selbst am suchen ist.

Das war ein guter erster Schritt. Aber effektiv, in der Arbeit an meiner persönlichen Entwicklung, war ich immer noch in meinem Bauchnabel. Ich war immer noch in meinem kleinen Universum mit einer Mauer um mich herum. Ich hatte glücklicherweise sehr geduldige Menschen um mich herum, die mir über die ersten 4, 5 Jahre zugehört haben, wie ich über mich geredet habe. Und wie es auch wichtig ist, so wie ich es heute auch wieder tue. Und wie wichtig dass ich bin, und wie schlimm und tragisch mein Schicksal sei und bla bla bla. Diese Menschen sind trotzdem immer wieder gekommen, und haben sich immer wieder um mich gekümmert. Irgendwann wurde es dann etwas peinlich.

Ihr müsst euch vorstellen, ihr habt es aus der Sucht geschafft, und alle Leute klopfen euch auf die Schulter, weil das eine tolle Leistung war. Am Anfang war das gut, das gibt Stärke. Man fühlt sich auf dem richtigen Weg. Irgendwann begann ich zu überlegen: „Mmmh, effektiv war es nicht meine Leistung. Es war die Leistung einer Gemeinschaft.“ Das waren erst einmal die Leute, die mich ausgehalten haben. Das waren Profis, die mir auf diesem Weg weitergeholfen haben und mir Tipps und Feedback gaben. Das waren Infrastrukturen in diesem Land, Kliniken und Ärzte. Und schlussendlich die Leute, die dies bezahlt haben. Das wart ihr! Effektiv habt ihr den heutigen Abend schon bezahlt, indem ihr meine Therapien mitfinanziert habt. Dort hatte ich den ersten kleinen “Bewusstseinsglimpse“: „Ok, ich bin nicht allein! Da sind Leute, die haben mich noch nie in ihrem Leben gesehen, die gehen jeden Tag arbeiten und geben einen Teil ihres Geldes daran, damit ich wieder zurück in die Gesellschaft finde.“

Ich habe meine narzisstische Störung, natürlich! Ich habe nicht gerne Schulden bei anderen. Ich finde das total blöd und fühle mich abhängig, wenn ich jemandem etwas schulde. Ich hatte mal einen Freund, der meinte: „Versuche es doch mit Wiedergutmachung!“ Viele aus meinem Umfeld dort gingen in die Sozialarbeit und arbeiteten dort. Ich fand: „Mmh, das ist nicht mein Weg.“ Ich habe mich engagiert für andere Süchtige, das ging gut. Aber schlussendlich dachte ich: “Die beste Art und Weise für mich einen Teil davon zurückzugeben, ist möglichst schnell einen vernünftigen Job zu finden und Steuern zu zahlen.“ Ich kenne nicht viele Leute, die Freude an der Steuerrechnung haben – ich bin einer davon! Ich habe Freude an meiner Steuerrechnung, weil jedes Mal, wenn sie kommt, zeigt sie mir auf, was für einen Weg ich machen durfte und wer ihn bezahlt hat. Dass ich jetzt mit dem Geld, was ich geben kann, irgendjemandem anderen dies ermögliche. Ich stelle mir auch jeweils vor, meine Steuern gehen nicht an Kampfflugzeuge, die gehen an ganz bestimmte Orte. Ich weiss das, ich schreibe jeden Franken an.

Da bin ich eine Zeit lang ziemlich zufrieden in dieser Welt und in dieser Teilnahme gewesen. Vor ein paar Jahren fiel es mir das erste Mal auf, dass ich die ganzen Sachen, die ich mir mit 14, 15, 17, 20 gesagt habe – „Die Anderen wollen mir etwas wegnehmen. Die Anderen schränken meine Freiheit ein. Die Anderen wollen mich bevormunden.“ – plötzlich wieder gehört habe. Sehr häufig. Und ich habe es nicht von anderen Süchtigen gehört. Ich habe es gehört in politischen Diskussionen, bei Leuten, die noch nie in ihrem Leben eine Droge angefasst haben: „Wir wollen das nicht, geh weg, wir sind alleine.“ Ich habe gemerkt, wie sich unsere Gesellschaft in der gleichen Art von Paranoia und in der gleichen Art von Egoismus bewegt, wie ich mich als Süchtiger bewegt habe. Ich bin ein Fachmann für Egozentrik. Ich bin Fachmann für Narzissmus. Ich bin Fachmann für Abgrenzung und Isolation. Und bei mir begannen sofort alle Glocken zu läuten: Wenn die Menschen nicht mehr bereit sind, für andere Menschen etwas zu leisten, oder auf etwas zu verzichten, damit es jemandem anderen besser geht, dann sind wir auf einem komischen Weg. Das macht mir Angst. Mir macht dies vor allem Angst, da ich weiss, in welcher Welt man lebt, wenn man so denkt. Es ist der Horror. Und es wird nicht besser, wenn man sich noch mehr abschottet.

Viele, die mich kennen denken jetzt wohl: „Ja, er wettert gegen die Rechten, die sich gegen die Flüchtlinge abgrenzen wollen.“ Oder: „Er wettert gegen die Rechten, die sich gegen Bevormundung durch den Staat abgrenzen wollen.“ Aber das ist nicht so. Dies ist mir quer durch das ganze politische Spektrum begegnet: „Wir, die Richtigen, und die Anderen, die Falschen.“ Grenzen, die extrem hart gezogen wurden. Auseinandersetzungen, die nicht mehr geführt werden, weil man nicht mehr miteinander spricht. Für mich persönlich ist dies nicht so. Also, wie gesagt, ich habe eine diagnostizierte narzisstische Störung. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass ich wichtig bin. Dies ist übrigens der Grund, warum ich im Trockenen stehe, und ihr da unten. Ich bin grundsätzlich überzeugt, dass ich wichtig bin. Narzissmus, Egozentrik und Egomanie ist eine Krankheit. Und wenn ich nicht täglich meine Dosis an Medizin nehme – meine Medizin ist Gemeinsinn – dann werde ich krank. Dann gehe ich zurück in das dunkle Loch, und dies ist gefährlich für mich.

Jetzt habe ich mich gefragt: „Ok, und wie mache ich das?“. Es ist ja supertoll ein guter Mensch zu sein. Viele meiner Freunde haben sich zuerst einmal aufgeopfert, bis ins Burnout für andere gearbeitet und waren auf dem Helfertrip. Aber dies ist nicht mein Weg. Dann kam wieder ein Ex-Süchtiger auf mich zu und sagte: „Schau, es ist nicht so schwierig, wirklich nicht. Stell dir bei jeder Entscheidung, bei jeder Handlung die du machst folgende Fragen: Erstens, ist es gut für mich? Zweitens, ist es gut für noch jemand anderen? Und drittens, ist es gut für die Allgemeinheit?“. Das klingt jetzt relativ einfach. Aber er sagte: „Im schlimmsten Falle kommst du auch nur mit zwei positiven Antworten durch. Aber es müssen die letzten zwei sein.“ Mir hat dies gereicht als spiritueller Wegweiser oder als Orientierung. Ich hatte bei diesem ganzen Selbstfindungs- und Persönlichkeitsentwicklungszeugs einen Guru. Der gab mir die wichtigste Weisheit aus dem Buddhismus mit auf den Weg. Ich ging zu ihm und sagte: „Ich will ein besserer Mensch sein. Ich will Teil der Gemeinschaft sein. Ich will offen bleiben für die Menschen.“ Und er sagte: „Grosse Aufgabe kleiner Padawan, grosse Aufgabe! Mach es so: Steh am Morgen auf, iss etwas Kleines, sei kein Vollidiot. Iss etwas zu Mittag, setz dich hin, ruhe dich aus, geh an deinen Job, sei kein Vollidiot. Iss etwas zu Abend, verbringe Zeit mit deinen Freunden, sei kein Vollidiot!“ Dies ist eine extrem grosse Aufgabe für mich. Aber jeden Morgen wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich: „Ok, ich versuche es!“ Und an zwei von drei Tagen gelingt es mir auch.

Danke vielmal fürs Zuhören! Ich hoffe, ihr konntet etwas davon mitnehmen.

Winterrede von Réda El Arbi, Blogger, Autor und freier Journalist

Themen:
Neueste Artikel von Réda El Arbi

Kommentieren