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Winterreden 2018: Svenja Goltermann

Von Svenja Goltermann 26. Januar 2018 Keine Kommentare

Über Sprache und Gewalt, über Verletzlichkeit und Anstand

Am 23. Oktober letzten Jahres habe ich die freundliche Einladung erhalten, in diesem Januar an dieser wunderbaren Veranstaltung im Karl der Grosse teilzunehmen, um eine der neun „Winterreden“ zu halten. Diese Einladung liegt also ziemlich genau drei Monate zurück, und sie ist damit ähnlich alt wie eine Diskussion, die derzeit wie höchstens noch die Debatte um den richtigen Umgang mit dem „Rechtspopulismus“ die deutschsprachigen Massenmedien und sozialen Netzwerke bestimmt. Ich spreche von der Debatte um #Metoo, die ihren Ausgangspunkt bekanntlich ebenfalls letzten Oktober hatte, als eine Reihe von Schauspielerinnen dem Filmproduzenten Harvey Weinstein Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorwarfen. Die Schauspielerin Alyssa Milano schlug zur Bündelung der unterschiedlichen Äußerungen den Hashtag #Metoo vor, der sich rasant verbreitet: Nach etwa achtundvierzig Stunden war der Hashtag über Twitter bereits eine Million mal verwendet worden; auf Facebook sollen ihn bereits nach einem Tag 4, 7 Millionen Menschen gebraucht haben. Inzwischen hat er sich auch in den Überschriften von Tageszeitungen und Nachrichtenmeldungen festgesetzt. Etliche Frauen, die ihn aufgriffen, erzählten dabei von Vergewaltigungen, von sexueller Nötigung oder Belästigung, die sie erlebt hatten; auch einige Männer klinkten sich ein. Bis heute kommen neue Geschichten hinzu.

Eben dies ist das Erstaunliche an #Metoo: Massenhafte Beschwerden über Sexismus hat es in der Vergangenheit durchaus schon gegeben: Ähnliches wie im Herbst 2017 spielte sich etwa in den sozialen Medien im Jahr 2014 ab, als Frauen über den Hashtag #Yesallwomen sexuelle Belästigung und Sexismus thematisierten. Innerhalb von wenigen Tagen wurde der Hashtag 1, 2 Millionen mal über Twitter verbreitet, das seinerzeit noch weniger Nutzer hatte als heute. Was #Metoo demgegenüber besonders macht, ist, dass die Resonanz über Wochen, ja mittlerweile Monate nicht abnahm; dass das Thema sexuelle Gewalt und Sexismus nach wie vor in den Massenmedien präsent ist, und dass obendrein eine heftige Kontroverse über diese Kampagne nachfolgte, deren Ende noch lange nicht abzusehen ist.
Die von mir im Oktober letzten Jahres gewählten Themen Sprache, Gewalt und Verletzlichkeit verweisen ganz direkt auf diese Diskussion. Zugleich umreißen sie ein weites Feld. Ich möchte deshalb im Wesentlichen zwei Aspekte betonen, die in der Debatte gegenwärtig untergehen, die wir meines Erachtens aber genauer reflektieren müssen – und zwar über den Kontext der #Metoo-Debatte hinaus. Auf das vierte von mir gewählte Thema, den Anstand, werde ich abschließend noch einmal zurückkommen.

Mein erster Punkt: Die #Metoo-Debatte hat in den vergangenen drei Monaten über unterschiedliche Formen sexueller Gewalt gesprochen und Machtmissbrauch angeklagt. Es geht dezidiert um den Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen, über sexuellen Missbrauch und sexualisierte Gewalt, die vor allem Frauen zugefügt wird. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass es hier nicht nur dringenden Diskussions-, sondern auch Handlungsbedarf gibt. Jüngere Studien bestätigen das längst, wie vor wenigen Jahren eine breit angelegte Studie der Europäischen Union zeigte, in der 42.000 Frauen nach ihren Gewalterfahrungen befragt wurden. Doch leider ist gar nicht so leicht zu sagen, was eigentlich alles konkret zu tun wäre. Zumindest auf der gesetzlichen Ebene gibt es bekanntlich bereits die Möglichkeit, sexuellen Missbrauch, mittlerweile sogar sexuelle Belästigung, zur Anzeige zu bringen. In Deutschland kann bestraft werden, „wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt.“ In der Schweiz sieht Artikel 198 sogar vor: „Wer jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell belästigt, wird, auf Antrag, mit Busse bestraft.“

Selbstverständlich sagt das noch nichts über die Urteilspraxis, und man weiß ebenfalls, dass selbst von den schweren Fällen sexueller Gewalt nur ein kleiner Teil zur Anzeige gebracht wird. Recht allein hat noch nie ausgereicht, um Gewalt zu verhindern. Doch mir geht es heute um etwas anderes: Ich halte es für wichtig, sich klar zu machen, dass die #Metoo-Kritik keineswegs nur deshalb laut wird, weil es offenbar immer noch zu viele Männer gibt, die die sexuelle Integrität von Frauen missachten. Mindestens ebenso ist #Metoo nämlich Ausdruck eines Fortschritts. Ich spreche von dem Fortschritt, dass sich die Vorstellungen darüber, was sexuelle Gewalt ist, in vielen europäischen Ländern und in den USA während der letzten Jahrzehnte erheblich verändert haben. Ich möchte nur kurz daran erinnern, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit den 1990er Jahren strafbar ist, und es ein jahrelanges, zähes Ringen war, bis der Gesetzgeber diesen Schritt überhaupt tat. In den USA änderte das FBI seine enge Definition von „rape“ sogar erst im Jahr 2012: Bis dahin hatte diese von Vergewaltigung nur im Fall einer vaginalen Penetration gesprochen und auch nur diese in der Kriminalitätsstatistik erfasst. Erst die erweiterte Fassung, auf die Opferhilfegruppen schon jahrelang drängten, schließt seither auch andere Formen der Penetration ein (wie sie im Übrigen auch erstmals die Vergewaltigung von Männern in Betracht zieht). Und vergessen wir dabei nicht, dass der Tatbestand der „sexuellen Belästigung“, gerade auch am Arbeitsplatz, in Europa erst innerhalb der letzten zehn Jahre zunehmend ausbuchstabiert und gesetzlich verankert wurde. In den 1990er Jahren wäre die #Metoo-Kritik in der Breite und Vielstimmigkeit, wie wir sie in den letzten Monaten zu hören bekommen haben, daher gar nicht denkbar gewesen. Als in Deutschland 1997 die Vergewaltigung in der Ehe endlich offiziell als Straftatbestand anerkannt wurde, kommentierte die ZEIT: „Was hat sich nicht alles geändert im Verhältnis der Geschlechter! Gleichberechtigung und Autonomie bestimmen das Recht und zunehmend auch den schwierigen Alltag. Das Patriarchat wankt. Im so ausdauernd und heftig verteidigten Recht, die eheliche Vergewaltigung mehr oder weniger zu tolerieren, drückt sich noch die alte Herrschaftsordnung aus. Vorbei. Die letzte Bastion fällt.“ So stellte es sich 1997 dar.
Eine solche Perspektive ist für uns heute nicht mehr denkbar. Sexuelle Gewalt und Diskriminierung sind immer noch unsere Themen – das aber nicht, weil es immer noch Vergewaltigungen gibt, sondern weil sich auch unsere Vorstellung von Gewalt ausgeweitet hat.

Womit ich bei meinem zweiten Punkt bin. Zu dieser Entwicklung hat ganz entscheidend mit beigetragen, dass wir während der letzten vierzig Jahre eine andere Sensibilität für die psychischen Auswirkungen von Gewalterfahrungen ausgebildet haben. Das zentrale Stichwort in diesem Zusammenhang ist „Trauma“. Präziser wäre es, vom medizinischen Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung zu reden, das sich über die Jahre erheblich ausgeweitet hat. Entscheidend ist jedoch, dass sich damit auch ein populäres Verständnis von „Trauma“ herausgebildet hat, ja der Begriff „Trauma“ zu einer Sprechweise geworden ist, um auf ein psychisches oder auch seelisches Leiden an einem Ereignis zu verweisen, das als verletzend empfunden wurde. Unser Gewaltverständnis hat das verändert; und das schließt eben mit ein, dass wir heute nicht mehr nur von körperlicher, sondern auch von psychischer Gewalt sprechen; dass beispielsweise auch verletzende, verbale Diskriminierung mittlerweile als Form von Gewalt bezeichnet wird. Um Ihnen nur ein Beispiel zu nennen aus der Studie der Europäischen Union, die ich gerade erwähnt habe: Zu den Fragen unter der Rubrik „Psychische Gewalt“ gehörte beispielsweise folgende: Wie oft hat Sie Ihr Partner je vor anderen Leuten oder im Privaten klein gemacht oder gedemütigt? Und ganz konkret bezogen auf sexuelle Gewalt, fragte die Studie die Frauen danach, ob sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr jemals in sexuelle Aktivitäten eingewilligt hätten – und zwar aus Angst vor irgendwelchen Folgen, falls sie sich weigerten. Anders gesagt: Gefragt wird heute nicht nur nach einer objektivierbaren Zwangslage, sondern auch nach einer subjektiv empfundenen.
Wenn wir uns diese beiden Entwicklungen, die ich gerade skizziert habe, vor Augen führen, kann man mit guten Gründen sagen, dass die #Metoo-Kritik nicht aus einer Position der Schwäche, sondern aus einer Position der Stärke kommt. Diese breite Kritik ist nämlich heute nur deshalb möglich, weil es in den letzten zwanzig Jahren grundlegende Verschiebungen in der Wahrnehmung dessen, was sexuelle Gewalt ist, gegeben und der Gesetzgeber dem in vielerlei Hinsicht auch Rechnung getragen hat.

Soweit so gut. Doch es gibt auch einige Probleme, die aus meiner Sicht in der #Metoo-Debatte zutage treten, auf die ich hinweisen möchte. Mein erster Punkt betrifft die Veränderung des Gewaltverständnisses, die zu einer Ausdehnung des Gewaltbegriffs geführt hat. Das hat einerseits positive Effekte. Andererseits zeigt sich, dass der Begriff auch unscharf wird. Das spitzt sich noch mehr zu, wenn zudem auch noch Machtverhältnisse als Gewaltverhältnisse bezeichnet werden und Macht und Gewalt in eins gesetzt werden, wie das in der #Metoo-Debatte gelegentlich zu beobachten ist. Das macht eine ganze Reihe von Fragen ausgesprochen schwierig: Wo genau verläuft die Grenze zwischen Belästigung und Gewalt? Gibt es sie überhaupt noch? Ist jede Form der Herabsetzung, ja jede Verletzung, die wir empfinden, nun Ausdruck einer Gewalthandlung, und sei sie auch nur verbal? Einige Feministinnen reagieren ausgesprochen scharf, wenn Fragen, die auch nur in diese Richtung gehen, auftauchen. Ich glaube allerdings ganz entschieden, dass das der Problematik nicht gerecht wird. Es gibt nun einmal Situationen, die von den Beteiligten subjektiv nicht gleichermaßen als Gewalt erlebt werden. Und die Trauma- und Erinnerungsforschung weiß seit Langem, dass Erlebnisse manchmal nach Jahren als Gewalt begriffen und gedeutet werden.
Da es sich also abgesehen von Vergewaltigung und physischer Gewalt um komplizierte Verhältnisse und Situationen handeln kann, stoße ich mich daran – und das ist mein dritter Punkt –, wenn in der Auseinandersetzung um #Metoo allzu selbstgewisse, damit oft auch polarisierende Urteile laut werden. Meines Erachtens sollten wir vor allem den Unsicherheiten, die gegenwärtig rund um das Thema sexuelle Belästigung und Sexismus erkennbar werden, nicht einfach mit einem simplen Täter-Opfer-Schema begegnen. Abgesehen davon, dass dies möglicherweise voreilig sein könnte, sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass diese Begrifflichkeiten dem juristischen Sprachhaushalt entstammen und ihre Verwendung damit zu einer latenten Kriminalisierung führt. Jenseits vom Recht hat der Begriff des Täters etwas Anklagendes und auch etwas Denunziatorisches.

Was mich zu meinem letzten Punkt führt, mit dem ich dann auch schließen will: Ich meine den Anstand. In der #Metoo-Debatte ist der Ausdruck meines Wissens nicht aufgetaucht – kein Wunder. Das Wort ist heute nicht gerade gängig, und es erinnert allzu rasch an frühere Ermahnungen, sich nicht zu aufdringlich oder gar freizügig zu kleiden. Doch lassen wir diese älteren Verwendungsweisen einmal hinter uns. Meines Erachtens kann man dann durchaus sagen, dass die #Metoo-Kritik natürlich ganz zentral eine Forderung nach Anstand ist, weil sie im Kern von Regeln handelt, wie Menschen miteinander umgehen. Zu diesen Regeln gehört ganz unabdingbar, dass niemand Frauen aufgrund ihres Geschlechts herabsetzt und diskriminiert, oder ihre sexuelle Integrität missachtet. Das alles kann man auch mit Respekt übersetzen, einem Respekt, der Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme einschließt, ebenso wie er der Fähigkeit bedarf, zuzuhören und sich selbst zurückzunehmen. Ich stehe vollkommen hinter diesen Forderungen. Sie sind nötig, und das gilt es auch künftig deutlich zu machen. Allerdings könnte auch die #Metoo-Debatte, in die sich schon recht aggressive und überhebliche Töne mischten, künftig etwas mehr Anstand in diesem Sinne vertragen, wenn Widerspruch laut wird, sich Unbehagen äußert oder schlicht die Meinung darüber auseinander geht, ob und wie sich Frauen zur Wehr setzen können. In der #Metoo-Debatte das Gespräch zu führen, Fragen zuzulassen und die eigene Position zu befragen, ist mitunter ein besserer Ratgeber als zu viele selbstgewisse Aussagesätze zu produzieren.

Winterrede von Svenja Goltermann, Professorin für Geschichte der Neuzeit

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