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Winterreden 2018: Yves Bossart

Von Yves Bossart 24. Januar 2018 Keine Kommentare

Über die Liebe, die Schönheit und das Glück

Alles begann mit einem Daumenwisch. Ich war bei einem Freund zuhause. Er ist Single und seit kurzem auf Tinder. “Tinder“, das ist keine Droge, sondern der Name einer erfolgreichen Dating-App: Jeder Teilnehmer legt ein Profil von sich an, mit wenigen Fotos und einer Kurzbeschreibung, die niemand liest. Was zählt, ist das Foto. Anhand des Fotos entscheide ich, ob ich an einer Person interessiert bin oder nicht. Wenn ja, wische ich auf dem Smartphone mit dem Daumen nach rechts, wenn nein, nach links. Findet mich die andere Person ebenfalls attraktiv, haben wir einen “Match“ und können miteinander in Kontakt treten. So funktioniert Partnerfindung im 21. Jahrhundert.

Beim ersten Wegwischen beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl von Schuld. Als würde man einen Gemischtwarenladen durchwühlen und zwei Haufen bilden: brauchbar, unbrauchbar. Nur halt mit Menschen. „Aber so läuft’s doch!“, meint mein Freund. „Am Anfang schaut jeder aufs Äussere“. Stimmt. Aber manchmal verlieben wir uns in Menschen, die wir aufgrund des Aussehens weggewischt hätten. „Dafür gibt’s das Speed-Dating“, kontert der Freund. „Zehn Minuten Gespräch pro Kandidat, anschliessend geht man weiter zum nächsten. Man tauscht sich aus und spürt schnell, ob es harmoniert.“ Ach so. „Oder man geht auf Partnervermittlungsseiten wie Parship: Dort sucht ein kluger Algorithmus den passenden Partner für Dich“. Und ich dachte, die Zeit, wo andere für uns die Partner aussuchen, sei längst vorbei. Weit gefehlt. Der Algorithmus, das sind die neuen Eltern…

Nach gefühlten hundert Daumenwischen und drei Bier verabschiede ich mich von meinem Freund und schlendere durch die Nacht, nach Hause zu meiner Frau. Ob ich sie damals, als wir uns kennenlernten, weggewischt hätte? Ob wir uns vielleicht beim Speed-Dating gefunden hätten? Kann ich überhaupt sagen, was ich an meiner Frau liebe?

Der deutsche Philosoph Robert Spaemann meinte einmal: „Wer auf die Frage, warum er diesen Menschen liebt, eine Antwort geben kann, der liebt noch nicht wirklich“. Klingt gut, aber stimmt das? Ich kann doch sagen, was ich an meiner Frau liebe: ihre Herzensgüte, ihr Lachen, ihre Impulsivität zum Beispiel. Die Frage ist: Liebe ich sie wirklich deswegen? Oder würde ich sie auch lieben, wenn sie sich verändern und diese Eigenschaften verlieren würde?

Das dritte Bier und die zunehmende Müdigkeit zeigen Wirkung und ich fange an zu fantasieren: Ich stelle mir vor, ich begegne einer Frau, die all die Eigenschaften hat, die ich an meiner Frau schätze, aber angereichert mit zusätzlichen positiven Merkmalen. Würde ich tauschen wollen? Ist meine Frau ersetzbar? Wohl kaum. Aber warum nicht? Weil wir eine gemeinsame Geschichte haben? Gemeinsame Erinnerungen? Oder weil in einer Liebesbeziehung zwei Biographien zu einer einzigen verschmelzen? Bilden die Liebenden zusammen ein “erweitertes Ich“, ein “Wir“? Und ist eine Trennung gleichbedeutend mit dem eigenen Tod?

Oder ist meine Liebe vielleicht einfach grundlos? Packt mich die Liebe einfach so, ohne Grund? Aber selbst wenn: Sie gibt mir tausend Gründe, etwas zu tun. „Was wir lieben, gewinnt an Wert, weil wir es lieben“, nicht umgekehrt. Die Liebe reichert die Welt auf wundersame Weise mit Zielen und Gründen an. Sie verleiht unseren Handlungen einen Sinn. Und vielleicht auch dem Leben insgesamt…

Die Liebe als der Sinn des Lebens… dabei hat alles angefangen mit einem Daumenwisch. Tinder hat mich also, wenn auch auf Umwegen, dazu gebracht, über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Das nenne ich mal einen guten Grund, die App zu nutzen.
Als weiterer Grund wäre zu nennen, dass man beim Betrachten der vielen Fotos, all dieser optimierten Selfies und entstellten Duckfaces etwas über unsere Zeit lernt, indem man nämlich unser heutiges Schönheitsideal etwas genauer unter die Lupe nimmt. Doch um das zu verstehen, müssen wir zunächst dem Rätsel der Schönheit auf die Spur kommen.

Schönheit
Tatsächlich, so scheint mir manchmal, gibt es kein grösseres Rätsel auf der Welt als die Schönheit. Ich meine nicht die Schönheit der Kunst – die heute ja meist eher hässlich ist. Nein, ich meine die Schönheit der Menschen, der Natur, des Alltäglichen, des Kleinen und oft Unscheinbaren.

Die Art, wie eine Frau, die ich nur von hinten sehe, Kaffee trinkt, wie sie ihre Beine übereinanderschlägt, den Zuckerbeutel öffnet und in der Tasse rührt. Die Art, wie ihre Haare auf die Schultern fallen und sie nur ganz leicht berühren. Eine verwitterte Häuserfassade, getaucht in warmes Abendlicht. Eine handgemachte Vase, schlicht, schmal, ein bisschen schüchtern. Ein Fischerboot, gezeichnet von der jahrelangen, rauen Arbeit auf See. Ein Taschentuch, das jemand verloren hat, verregnet, am Boden, nachts, im Licht einer Strassenlaterne. All diese Dinge eben. Sie alle erzählen etwas. Aber man hat den Eindruck, man versteht nur die Hälfte.

Schönheit – das ist Sinnlichkeit, erfüllt mit Sinn. Doch was ist dieser Sinn? Was ist der Sinn des Schönen?

Die Naturfreunde – die Biologen und Evolutionspsychologen etwa – möchten uns weismachen, der Sinn des Schönen bestehe letztlich im Überleben des Menschen als Individuum und als Gattung. So sei es kein Zufall, dass wir jüngere Menschen attraktiver finden als alte, schliesslich kann man mit alten Menschen keine überlebenstauglichen Nachkommen zeugen. Aus demselben Grund würden wir auch symmetrische Körper bevorzugen, denn Symmetrie sei ein Zeichen für Gesundheit, für Fitness! – Ist unsere Vorliebe für Harmonie, für Symmetrie, für den goldenen Schnitt also nur das Produkt des Überlebenskampfes unserer Vorfahren? Schönheit, bloss eine List unserer Gene, damit sie nicht aussterben?

Ganz anders als die Naturfreunde sehen es die Kulturfreunde – die Soziologen etwa. Für sie gibt es nicht DIE Schönheit. Schönheit sei relativ, sie wechsle, wie die Mode. Wir Menschen können uns an alles Mögliche gewöhnen, meinen sie: an zerrissene Jeans, an Hipsterbärte oder an magersüchtige Models. Der Sinn von Schönheit sei es, Zugehörigkeit auszudrücken, Gleichgesinnte zu finden und sich abzugrenzen. Doch, so frage ich mich, steckt hinter unseren ästhetischen Vorlieben nicht mehr?

Zum Glück gibt es ja noch die Freunde der Weisheit – die Philosophinnen und Philosophen. Für sie ist die Schönheit oft sehr viel mehr als blosse Attraktion oder Konvention. Schönheit verkörpert etwas – eine Idee, einen Wert, ein Lebensideal. In unseren ästhetischen Vorlieben spiegeln sich immer auch unsere Lebensideale. Das Schöne ist also auch ein Symbol des Guten – oder besser: ein Symbol dessen, was wir für erstrebenswert halten. Nur, was heisst das für unsere heutige Zeit? Welche Lebensideale spiegeln sich in dem, was wir heute schön finden?

Schönheit wird heute im wahrsten Sinne verkörpert. Es herrscht Körperkult. Der eigene Körper ist für viele längst zu einem Kunstwerk geworden. Seit man ihn zum Arbeiten kaum mehr braucht, erhöht man ihn zum quasireligiösen Gegenstand. Er wird heilig. Doch zunächst muss man ihn bändigen, ihn quälen, straffen, trainieren, modellieren, formen, vielleicht gar operieren, wie Prometheus den ersten Menschen. Muskulös, stark, robust. Wenn ich ein Fitnessstudio betrete – was eher selten vorkommt – sehe ich Menschen, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten, auf das Ende der Zivilisation. Survival-Bewegung nennt sich das dann. Dazu gehört Steinzeit-Diät. Crossfit. Oder einfach Jungle-Camp. Das Ziel: Stärke, Robustheit, Unabhängigkeit – und vor allem: Kontrolle. Kontrolle als Kompensation des Gefühls eines Kontrollverlusts angesichts der rasenden Dynamik der unübersichtlichen Weltlage, des Fortschritts, der Globalisierung, der ungeheuren Freiheit, die Angst macht. „Die Welt ist aus den Fugen, aber ich habe meinen Körper unter Kontrolle. Ich bestimme. Da ist keine Stelle, die wabbelt, kein Haar, das ungewollt spriesst“. Alles nach festen Regeln. Das Fitnessprogramm, die Diät, der Schlafzeiten. Jedes Gramm, jede Muskelfaser zählt. Ohne zu merken, dass die Selbstbestimmung, die Freiheit, längst in Zwang umgeschlagen hat.

Der schöne Körper, er spiegelt also unsere Sehnsucht nach Kontrolle, nach Gestaltbarkeit. Er ist zum Refugium geworden, zum sicheren Hort in entfesselten Zeiten. Ebenso wie die Reinheit, das Herausgeputzte, Zurechtgemachte. Auch das eine Kompensation des stechenden Gefühls der Unreinheit, der Sündhaftigkeit, der Schuld angesichts der trostlosen Weltlage. Auch hier kann uns die Schönheit trösten. Und vielleicht ist das auch ihr Sinn. Trost. Schliesslich ist Schönheit, wie Stendhal meinte, immer auch ein Versprechen von Glück.

Womit wir bereits beim dritten grossen Rätsel wären…

Glück
Und dieses Glück, ja das kommt selten allein. In der Regel kommt es zu zweit: als Haben und als Sein. Denn um es zu sein, muss man es auch haben. Zum Glück braucht es Glück: Die richtigen Gene, liebevolle Eltern, anständige Lebensumstände, Gesundheit. Für all das kann ich wenig tun. Es fällt mir zu – oder eben nicht. Aus diesem Zufall aber kann ich, wie ein guter Schmied, etwas Brauchbares machen. Denn brauchen tun wir nur wenig, um glücklich zu sein. Gute Beziehungen, Freundschaft, Liebe. Auch zu mir selbst!

Vielleicht kennen Sie das Buch: „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest.“ Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber die Richtung stimmt. Das Buch wurde übrigens geschrieben, bevor man sich selbst heiraten konnte – was heute ja immer mehr Menschen tun. Ich übrigens auch… Beziehungsweise bin ich bereits wieder geschieden. Ich und ich, wir konnten uns einfach nicht darauf einigen, wer im Bett auf welcher Seite liegt…

Schon immer hatte ich meine liebe Mühe mit solchen Entscheidungen. Auch leuchtet mir ein, dass zu viel Auswahl unglücklich macht. Wer zwischen vier Marmeladesorten wählen kann, ist glücklicher nach seiner Entscheidung als derjenige, der zwischen 15 Sorten wählen konnte. Die Chance, dass man sich für die falsche Marmelade entschieden hat, steigt nämlich mit der Auswahl. Da fragt man sich schon: Will uns Migros, Coop und vor allem Globus absichtlich unglücklich machen? Und war man in der DDR glücklicher? Was die Marmelade angeht, vermutlich schon. Aber vermutlich auch, was unsere Erwartungen angeht.

Die sind nämlich ganz wichtig für unser Glück. Also eigentlich nicht die Erwartungen selbst, sondern das Fehlen von Erwartungen. Das schützt nämlich vor Enttäuschungen.
Wenn Sie also möchten, dass ich Sie mit diesem Text glücklich mache, dann senken Sie schleunigst ihre Erwartungen. Sie tun damit auch mir einen Gefallen…

Falls Sie schon mal Texte von mir gehört haben, werden Ihre Erwartungen ohnehin nicht allzu hoch sein. Die Gewohnheit schützt Sie also vor dem Unglück. Aber manchmal leider auch vor dem Glück. Amerikanische Forscher haben herausgefunden – einer meiner Lieblingssätze übrigens – dass bei Lottomillionären das Glück im Durchschnitt nur ein halbes Jahr anhält. Das heisst nicht, dass danach das Geld bereits wieder weg ist, aber das Glück ist es. Die Erwartungen passen sich an, man will mehr. Die Gier gewinnt gegen das Glück. Und man vergleicht sich plötzlich mit denen, die noch mehr haben.

Glück hat viel zu tun mit den richtigen Vergleichen. Seit ich das weiss, vergleiche ich mich nicht mehr mit anderen, sondern nur noch mit mir selbst. Dabei halte ich mir ständig vor Augen, wie schlecht ich doch bin. Das hilft zwar nicht, aber es ist mal was anderes. Das mit dem positiven Denken habe ich nämlich bereits ausprobiert. Das Resultat war: positives Denken, aber negative Gefühle.

Seither denke ich überhaupt nicht mehr übers Glück nach. Das hilft. Es ist ein bisschen wie beim Reden halten: Wenn man redet, sollte man auch nicht übers Reden nachdenken, sondern im Reden versinken. Ich will damit nicht sagen, man sollte nicht übers Leben nachdenken, um Gottes Willen nein, man sollte nur nicht zu viel übers Glück nachdenken. Glück ist schliesslich nicht das wichtigste im Leben.
Fangen Sie jetzt aber nicht an, über diesen Satz nachzudenken. Das macht nur unglücklich… Danke!

Winterrede von Yves Bossart, Philosoph, Autor und Moderator

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