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Winterreden 2019: Kurt Aeschbacher

Von Kurt Aeschbacher 21. Januar 2019 Keine Kommentare

Liebi wätterfeschti Froue, Manne u Ching,

I möcht sozäge als Präambel oder uf Neudütsch gseit: als Disclaimer mim Glafer folgendes vora stelle:
Wo ig für die ominöse, mir bishär völlig unbekannte Winterrede (als Bärner im Zürcher Exil bini halt e chli langsam im Adaptiere vo lokale Gepflogeheite) wo ig also für dä Uftritt bi agfragt worde, bini zersch dervo usgange, dass es sech bi dere Gschicht umne vorweihnächtleche Aprilscherz handled. Bsungers wüll mit der Afrag a mi d’Ufforderig verbunde isch gsi, ganz im Sinn vom Karl dem Grossen TACHELES ds rede. DIE Erwartig steit natürlech im totale Widerspruch zu mire bishärige Tätigkeit: Dir müesst wüsse: Als Unterhaltigsfuzzi isch me per Definition ja nid derzue beruefe, angerne Lüt d’Levite ds läse, geschweige denn halbwägs gschidi Gedanke ds serviere, wo sechs derfür ersch no würd lohne, vorusse usdsharre. I mim Bruef als Moderator besteit ja d’Ufgab primär dadrin, de Mönsche d’Zit vorem Bildschirm zwüsche zwene Wärbeblöck müglechst provokationsfrei hälfe ds überbrücke. Beziehigswis es schlafends Fernsehpubkum NID mit allzu lute Tön ds erschrecke. Drum chani nume rate:
Bevor dir da vorusse bi dene Wätterverhältnis nassi Füess überchömed, bis nech ändlech nach mim langem Gschwätz ab dr Kanzle e warmi Suppe serviert wird, göht dir gschider itz scho i Beiz. U i erwarte da ou khe falschi Solidarität:
I bi mi gwöhnt, o bi schwindende Ischaltquote, oder hie i däm Fall o bi abnähmender Publikumsdichti witer ds lafere.

Aber itz doch no zur Ufgab e Viertelstund öppis ds verzelle. We me i dhe erschte zwo Wuche vomene Nöie Jahr buechstäblech vo oben abe – e Position wo mir sowieso ehrlech gseit nid bsungers ligt – em versammlete Volk irgend öppis halbwägs interessants sött verzelle, chöme mir als erschts all die guete Vorsätz i Sinn, wo me sech als jährlechs Ritual jewile am Silvester schwört. Nach em festtägleche Tüfelskreis vo Alkoholexzäss, gfülltem Brate oder Chüblewis Fondue Bourgignon het sech wahrschinlech nid nume bi mir, dr Gurt um mindestens zwöi Löcher verschobe. Itz im no junge nöie Jahr heisst es drum, sech us däm Sumpf vo begangene Laschter am eigete Schopf use ds zieh und subito adsfah a dr Bikinifigur ds schaffe.

Lib u Seel müesse wieder schlank wärde, weme spätestens ines paar Wuche uf Instagramm sini Sälbstoptimierig wieder wott zur Schou stelle. Das isch ja schliesslechd’Vorussetzig, dass me sim Dasi mit der entsprächende Quantität vo Likes o im 2019 cha e Sinn gäh. I däm Zämehang muess i aber druf hiwiese: dr Zitplan isch äng. U chunnt derzue, dass eim em Konfuzius sini Wisheit für das Vorhabe zuesätzlech nachdänklech stimmt, denn är het gseit:
Am Boum vo dhe guete Vorsätz gits vili Blüete, aber leider nume weni Frücht.

Wär drum scho i dhe erschte zwo Neujahrs-Wuche houptsächlech vili Blüete aber chum Frücht a sim Vorsatzgstrüpp gseh het, däm hilft villich dr IMANUEL KANT mit sim kategorische Imperativ ufe Sprung. Aer stellt klar fescht: vo öpperem, wo siner Vorsätz durend verschiebt, isch nid viel ds halte.

Aber, miner Liebe, i cha Entwarnig gäh. Idr hütige Zit vo dr Orientierigskrise, muess dr Einzeln gar kener persönleche Vorsätz meh fasse.
Was eim guet tuet, wie me sech muess verhalte und hauptsächlech was definitiv richtig oder unentschuldbar falsch isch, bestimme nüm mir sälber mit üsne gscheiterete Neujahrsvorsätz. Mir Versager läbe guet ufghobe lengscht imene Zitalter, wo sogenannt progressivi Kreise, houptsächlech Politiker oder süschtigi, sälbsternannti Elite, üs unmündige lasterhafte Bürger unmissverständlech klar mache, was me wie ds mache het und wie me zitgeischtig optimiert sött läbe. Als konforms Individuum vo üsere Gsellschaft.

Das faht ja scho dermit a, dass me als Ma nüm eifach ines Pissoir cha brünzle, sondern mit sim (bi mir zuenämend schlaffe) Strahl e Mini-Schuttballe unger im Pissoir muess ids Goal bugsiere. Im beschte Fall geits bi dere Entlärig nume drum, e Flöige, wo als Sticker im Urinuar placiert isch, ds träffe.
Als moderne Bürger chani also nüm eifach befreiend go bisle, sondern sött dä Vorgang korräkt, sprich punktgenau hinger mi bringe. Nudging heisst das verhaltenspsychologisch. Also mit meh oder weniger klare Stubser wird üs vertrottlete, um nid dsäge verluederete Bürger loufend ufe Sprung gholfe. Nid nume bim bisle, sondern gstüpft, um nid ds säge gstosse wird me hützutags per Moralkeule – sigs politisch oder medial – i allne Läbensberich.

Daderzue nume es paar Bispiel:

Ues isch idr letschti Zit uf allne Kanäl itrichtered worde, dass spontan gläbti Lideschafte störe, ja dass sie ds Dasi verschmutze.
Raucher si ja scho lengscht diskriminierti Ussesiter.
Bim SEX wird’s ou zuenähmend komplex.
Kopuliere, ja wenns unbedingt muess si, aber nume safe und bitte mit emene klare schriftleche Vertrag bevor me zur Sach chunnt.
AESSE, ja aber bitte ohni Salz, nume mit reduziertem Fett u natürlech vegan. Fleisch, aber nei o, pfui. Alkohol? Es bitters Spinat Smoothy isch doch viel aregender. So kippt e TISCHRUNDI mit gspicktem Brate ufem Täller u emene Gläsli Wi dernäbe schnäll emal vomene gmüetleche Znacht ine ödi demagogische Usenandersetzig.

Mit angerne Wort:
Chips , Schnaps u Aeschebächer si definitiv Accessoires vo dr Unterschicht worde.

Ueser Lideschafte – letschtändlech ds Salz vom Läbe -wärde immer meh vo dr sogenannt öffentleche Meinig kanalisiert, kontrolliert u houptsächlech reduziert. Das wüll Politik u e sälbsternannti Elite für sich beanspruche, zäh mal besser als dr Einzeln ds wüsse, was üs guet tuet.

I finde aber, dass all die zuenähmende Regulierige u mediale Verunglimpfige vom Gnuss en Agriff uf üses sinnleche Erläbe und üses gsellige Zämesi si. Die Entwicklige göh vomene Mönschebild us, wo me am einzelne nüm zutrout, dass är oder sie sälber cha entscheide, was eim guet tuet oder als Laster wenigstens zfriede macht. Was unger em Deckmantel vore zivilisierte Gesellschaft als Regle für nes konfliktfreis Zämeläbe propagiert wird, artet so gli mal zure mittelalterlechi Bevormundig us. Wenn e sogenannti Elite ungerem Vorwand vom Wüsse über es bessers Dasi angerne dr Gnuss vermiesed, isch das für mi e bsungers perfidi Art vo Zynismus.

U da chumi grad rassig zumene witere Thema, wo dr Zynismus vo dr hütige Zit dokumentiert. Die politischi Korräktheit nämlech.

So erstrebenswärt es isch, ire zivilisierte Gsellschaft respäktvoll, also korräkt mitenang umdsgah, so pervers wird das Ziel, wenn jedi überluti Minorität sech für ihri persönleche Empfindlechkeite cha Ghör verschaffe. I rede dha bewusst nid vo «metoo» Wenn aber es Gedicht are Huswand was für Gfüel o immer vo es paar empfindsame Mönsche schinbar verletzt, wird’s sofort überpinslet. Wenn es Kunstwärk imene Museum irgend e Gruppe vo übersensible Mönsche i ihrem Empfinde stört, gseht sech idr Zwüschezit bald jedi Museumsleitig subito zwunge, esone Helge vodr Wand dsnäh. Als ob nid Kunst dr Uftrag hätt, üs mit ihrne Darstellige nid eifach idschläfere, sondern ufdswecke und zum Nachedänke ds bringe. Dadermit erreicht die vermeintlichi politischi Korrektheit e konstanti Zensur und wird zure Art moderne Inquisition, inszeniert dür hypersensibli Minoritäte.

So läbe mir immer sterker ire schinbar ufklärte, tolerante Gsellschaft, wo aber jedi no so chlini Minorität es Arächt uf volls Ghör und unigschränkte Respekt het und dermit en ehrliche Abwägig zwüsche übergordnete Interesse und individuelle Bedürfnis nüm darf diskutiert wärde.

Ds erstunleche a dere Entwicklig isch Tatsach, dass sech dank dhe soziale Netzwärk no nie so viel Mönsche mit ihrne Meinige hei chönne zu Wort mälde und mitenang vernetze. Was aber als Zuckerberg’sche Verheissig vo meh Nöchi zunenang u Verständnis fürenang ids Läbe isch gruefe worde, entwicklet sech zuenähmend zume unkontrollierbare Tsunami vo viral verbreitete Halbwahrheite oder plumpe Lügengschichte und houptsächlech Ressentiments. Es hat wahrschinlech no nie e Zit ghä, wo so vore Inflation vo öffentlech isehbare Privat- und Staatslügene isch prägt gsi, wie hüt.

Im private Berich faht das dermit a, dass me die meiste sogenannte Influencer Modell im agleite und ungfilterete Normalzuestand vom Alltag chum chönnt wieder erkenne. U wär postet scho Ferie amene mickrige Strand ds Italie, wenn dr Nachbar siner uf dr schönste Trouminsle vo dhe Malediven zur Schau gstellt hat. Bevor me im Eländ vom Sozialneid i Suizid triebe wird, inszeniert me sech lieber täglich perfekt gschminkt und mit dhe richtige Filter gschönt i sire real inexistänten Superwält, bis me dank sim Instagramm Account ds tiefe Eländ vom Alltag ändgültig us dr eigete Realität glöscht het u nume no idr Lugi vo sim Account existiert.

D’Wahrheit het’s aber ou politisch immer schwärer. Dank dr wältwite Vernetzig chöi all die gwaltbasierte Polit-System – und es git dervo immer meh – sigs in Saudi Arabie, Ungarn, Russland aber ou im europäischer Umfäld, ihri wahre Aliege dür konstanti Lügnereie eso verstecke, dass ihri Gwalttate am Schluss sogar als heilbringends Nirwana dastöh. Und genau das isch dr Dünger, wo dr Populismus eso laht la ufblüehe.
Sogenannt starki Figure inszeniere sech gäge die gschuelte Empfindliche, o Elite gnennt, u verspräche dhe Enttüschte, Unverstandene UNGER dass sie da OBE für die da UNGER mit dhe richtige Deals die wahre RETTER, um nid ds säge dr reinkarniert Messias sige. Es Paradebispiel daderfür isch dr Polit Entertainer im Wisse Hus. E Mönsch, wo sech über alli zivilisatorische Norme ewäg setzt u erstunlech erfolgrich d’Kritik a sini twitterete Halb- oder Unwahrheite als Lugine bezeichnet. Dadermit lehre mir:

I dr Zwüschezit isch d’Wahrheit das, was sich aus ere Lugi laht lah mache, wie der Philosoph Peter SloterdJik kritisch klar analysiert het.

Aber das chas ja nid si. Wenn scho dr Zynismus uf vielne Aebenine fasch scho epidemisch um sech grift, liegt’s a üs, jedem einzelne, sich mit wachem Geischt dere Tatsach bewusst dsi. U houptsächlech i sim eigete Läbe dhe Afäng ds wehre. Das heisst für mi, nid gedankelos mit em Strom ds schwümme, u sech nume idr eigete Blattere vo sini vorgfasste Urteil ds bewege, sondern offe ds blibe für angeri Meinige. Es heisst aber houptsächlech mit Fakte sini Urteil immer wieder ds überprüfe. Oder äbe schlicht, sälber ds dänke und nid i irgend es frömds Horn vomene Meinigsdiktat ds blase.

Oder angers gseit:
Tolerant si, aber nid ignorant. Es heisst, Heilsverspräche ds hinterfrage. U es heisst ou, em wahre Läbe im Alltag meh Platz ds gäh, als em nächste Itrag im Facebook. U houptsächlich heisst’s itz i däm Moment:

ab id Beiz u zäme brichte.

Dert löh mer üs dr Gnuss fore feini warme Suppe (hoffentlech mit es paar dicke Redli Wurst drin) und eim oder no lieber zwöine Gläsli Wi vo sälbsternannte Apostel irgend welcher Coleur NID lah vercheibe . Danke für ds Usharre, allne es positivs Nöis Jahr und e Guete. AMEN

Kurt Aeschbacher ist Fernsehmoderator

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