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Winterreden 2019: Marco Solari

Von Marco Solari 21. Januar 2019 Keine Kommentare

In den Dörfern und Städten der «ennetbirgischen Vogteyen», wie das Tessin vor Napoleon hiess, errichteten (als Bonaparte die Eidgenossenschaft eroberte, das Tessin aber von den Landvögten befreite) die Einheimischen vor zweihundert Jahren Freiheitsbäume. Liberi e svizzeri, lautete das Motto. «Frei und Schweizer!»
So will es die Geschichte, so will es der Mythos. Doch Geschichte ist nie ganz wahr, Mythen nie ganz falsch.

Die fast drei Jahrhunderte währende Kolonialherrschaft der Eidgenossen war alles andere als ein Ruhmesblatt. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in den ennetbirgischen Vogteien keine Strassen, die diese Bezeichnung verdient hätten; der Monte Ceneri wurde von Banditen unsicher gemacht, denen man nicht Herr wurde; höhere Schulen existierten mit Ausnahme des katholischen Collegio Papio in Ascona und der Somaini in Lugano, keine.

Die wirtschaftliche Ausbeutung hatte fürchterliche Hungersnöte zur Folge gehabt, und die willkürliche Justiz der Landvögte, insbesondere die ziemlich locker angewandte Blutjustiz, war demütigend gewesen. Noch 1755 verhängte Uri wegen einer Bagatelle drei Todesurteile: 1755!

Als der aufgeklärte Berner Patrizier Karl Viktor von Bonstetten 1795, also sechs Jahre nach der französischen Revolution, im Auftrag der eidgenössischen Tagsatzung die ennetbirgischen Vogteien inspizierte, bot sich ihm ein Bild des Grauens. «In diesen elendiglichen Hütten würde keine Deutschschweizer Sau leben wollen!», notierte er bei einem Besuch im Verzasca-Tal.

Meine Damen und Herren, Ende des 19. Jahrhunderts -gestern- lebten im oberen Maggia-Tal viele Leute unter grossen Felsbrocken, davor ein Bretterverlies, um sich vor der gröbsten Kälte zu schützen. Plinio Martini, der im August 1979 verstorbene Dichter und Schriftsteller aus Cavergno, fragte in seinen Schriften ebenso provokativ wie rhetorisch: «Was unterschied unsere Väter und Grossväter eigentlich von den Höhlenbewohnern?»

Noch im Winter 1880, so erzählt Piero Bianconi, ein weiterer grosser Tessiner Schriftsteller, «musste meine Grossmutter mit blossen Händen unter dem Schnee scharren und die wenigen Grashalme, die sie fand, im Wasser kochen, damit ihre Enkel nicht verhungerten». Die einzige Möglichkeit, dieser unsäglichen Not zu entgehen, bestand in der Emigration. Tatsächlich kehrten vor allem im 19. Jahrhundert Tausende von jungen Männern ihrer Heimat den Rücken. Sie sahen in den Tälern, die heute touristisch so attraktiv sind, schlicht keine Perspektiven mehr.

Das Tessin ist ohne die Kenntnis seiner Auswanderungswellen nicht zu verstehen. Emigration bedeutete immer Abschied, Leid, Schmerz, Trauer, Entwurzelung. Zuerst wanderten sie nur nach Mailand aus, dann nach Paris, nach London; später fanden sie Arbeit auf den Ranches in Kalifornien, in den Hafenstädten Argentiniens und Uruguays oder in den schrecklichen Goldminen Australiens, wo Krankheiten und Tod lauerten, aber kaum je Gold gefunden wurde.

Versetzen Sie sich einmal in die Situation der Frauen des Onsernone-, des Bavona-, des Maggia- oder des Verzasca-Tals… Am Samstag wurden sie verheiratet, in der Hochzeitsnacht geschwängert – und am Sonntag mussten sie von ihrem jungen Gemahl, meistens für immer, Abschied nehmen. De facto waren sie bereits bei ihrer Hochzeit Witwen, und Generationen von Kindern wuchsen als Halbwaisen auf.

Das erklärt auch warum die Tessiner Gesellschaft, entgegen landläufiger Meinung, eigentlich, auch heute noch, stark matriarchalische Züge aufweist. Aber à propos Kinder! Sie kennen bestimmt alle den Roman «Die Schwarzen Brüder», den Lisa Tetzner 1941 publizierte (in Tat und Wahrheit war ihr Mann Kurt Kläber der Verfasser des Romans; weil es ihm als politischem Flüchtling aber nicht erlaubt war, in der Schweiz zu publizieren, wurde das Buch unter dem Namen seiner Frau veröffentlicht.

Die Geschichte vom kleinen Giorgio aus Sonogno ist zwar frei erfunden, kommt der Wahrheit aber sehr nahe. Tatsächlich wurden die spindeldürren Kinder aus den Dörfern des Centovalli, des Bavona- oder Verzasca-Tals jahrzehntelang nach Norditalien verdingt. Man beutete sie aus, gab ihnen nichts zu essen, damit sie ja mager blieben und gleichsam als lebende Besen die engen Kamine reinigen konnten. Viele dieser Kaminfegerkinder verunfallten, viele erstickten. Ein unaussprechliches Leid.

Doch die italienische Schweiz hat auch ihre stolzen Seiten. So bekannt auf der Alpennordseite die Geschichte der Schwarzen Brüder ist, so unbekannt ist die Geschichte der Tessiner Künstler, die zahlreiche Städte in ganz Europa massgeblich geprägt haben. Bauherren, Architekten, Ingenieure, Maler, Bildhauer und Stuckateure, fast alle aus Dörfern rund um den Luganersee stammend, haben während Jahrhunderten europäische Kunstgeschichte geschrieben.
1400 rief Zar Iwan III. Wassiljewitsch, genannt Iwan der Grosse, Tessiner Architekten aus dem Dorf Carona nach Moskau: Sie bauten die Kremlmauer und deren wichtigste Türme, den Spasskaya- und den Nikolskaja-Turm, in Rom, unter Papst Felice Peretti, Sixtus V., wirkte Domenico Fontana aus Melide. Er hat das römische Stadtbild so verändert, wie wir es noch heute kennen. Sein Ruhm basiert auch auf der Aufrichtung des Obelisken auf der Piazza San Pietro vor dem Petersdom, Obelisk der unter Kaiser Caligula nach Rom gebracht worden war. Es war ein gigantisches, äusserst gewagtes Unternehmen, bei dem über tausend Arbeiter und fast hundert Pferde zum Einsatz kamen. Bei einem solchen Unterfangen riskierte ein Architekt nicht nur seine Karriere, sondern auch seinen Kopf. Als er später in Ungnade fiel zog er nach Neapel, wo er für die Ankunft des spanischen König Felipe III. den Königspalast baute.

Auf Fontana folgte Carlo Maderno, der Onkel von Francesco Borromini. Maderno baute die Fassade des Petersdoms, die Kirche Sant’Andrea della Valle (die Kirche von Puccini’s Tosca) und festigte den Ruhm der Maestri Comacini, wie die Tessiner Baumeister in Rom genannt wurden . Der Barock Roms und Neapels ist vornehmlich das Werk dieser Maestri Comacini. Der Größte aller Tessiner Künstler ist zweifellos Francesco Borromini. Er, der stille, introvertierte Bissonese, litt enorm unter seinem extrovertierten neapolitanischen Rivalen Gian Lorenzo Bernini. Nichtsdestotrotz sind seine römischen Werke von unglaublicher Schönheit und Zartheit: San Carlo alle Quattro Fontane, Sant’Ivo alla Sapienza, l’Oratorio dei Filippini, il Collegio di Propaganda Fide, Sant’Agnese auf der Piazza Navona… Zwei Jahrhunderte später wird Domenico Trezzini, aus dem Dorf Astano im Malcantone, dem hügeligen, dicht bewaldeten Hinterland von Lugano, nach Russland berufen. Trezzini baut im 18. Jahrhundert auf den hundert Inselchen im Sumpfgebiet der Neva aus dem Nichts eine neue Hauptstadt für Zar Peter den Grossen: Sankt Petersburg.

Zeugnisse von Tessiner Künstlern, meine Damen und Herren, findet man auf allen Kontinenten, in Nordafrika von Algier bis Ägypten, in Indien, in Australien, in Nord- und Südamerika. Zeitgenössische Architekten wie Rino Tami, Livio Vacchini, Tita Carloni, Aurelio Galfetti, Sergio Cattaneo und natürlich Mario Botta setzen diese seit nunmehr acht Jahrhunderten andauernde Tradition fort. Dieser Tessiner Beitrag an die europäische Kunstgeschichte hat etwas Erstaunliches. Und mir ist es ein Rätsel, warum diese enorme Schaffenskraft bis heute nicht näher und tiefer studiert und analysiert worden ist. Unbestritten aber ist die Tatsache, dass dieses künstlerische Erbe, das man mit dem Slogan Ticino: terra d’artisti auf den Punkt bringen kann, im Gegensatz zur wirtschaftlichen Emigration ein Grund berechtigten Stolzes für das Tessin ist.

Mit Stefano Franscini, der 1848 als erster Tessiner in den Bundesrat gewählt wurde, war das Tessin damals auch in der Landesregierung vertreten. Nicht zuletzt auf Initiative von Franscini, in Zürich das Polytechnikum (die heutige ETH) gegründet, Die Konzentration auf eine mathematisch-technische Ausbildung und Forschung zeigte eine nachhaltige Wirkung, erlaubte sie es doch der rohstoffarmen Schweiz, sich eine internationale Position zu erobern, die sie bis heute innehat.

Auf Franscini folgten weitere Tessiner Bundesräte, bis zu Ignazio Cassis heute, zB Giovanni Battista Pioda, der sich für den Gotthard-Eisenbahntunnel stark machte, ein Jahrhundert-Bauwerk, das schliesslich auch dank Bundesrat Emil Welti und dem umtriebigen Unternehmer Alfred Escher realisiert wurde (unter tatkräftiger Mithilfe von Hunderten von italienischen Mineuren!). Folgender Aspekt sei am Rande noch erwähnt: Der Gotthardtunnel wurde gegen den Willen der katholischen Kirche, die den bismarckschen Kulturkampf fürchtete, gebaut.

Die Nord-Süd-Achse ist somit so etwas wie die Nabelschnur, die das Tessin mit Mutter Helvetia verbindet und am Leben erhält.

Und die Vision für unser Land? Was wird aus dem Tessin, was wird aus der Schweiz ? Die Diskussion um unsere Zukunft reduziert sich oft auf politische und wirtschaftliche Aspekte.

Haben Sie sich je überlegt ob, Petrarca, Ariosto, Tasso, Leopardi, Manzoni, Calvino, Quasimodo, Montale, Ungaretti und selbstverständlich Dante nicht auch Ihnen gehören?

DANTE : «La gloria di colui che tutto muove per l’universo penetra e risplende in una parte più e meno altrove.»

UNGARETTI : «L’uomo monotono universo…. attaccato sul vuoto al suo filo di ragno non teme e non seduce se non il proprio grido.»

QUASIMODO : «Ognuno sta solo sul cuore della terra, trafitto da un raggio di sole. Ed è subito sera.»

Ist diese Poesie, oder auch nur die Musikalität dieser Verse, nicht auch Ihre Poesie, Ihre Musikalität, meine Damen und Herren? Oder identifizieren Sie sich nur mit Goethe, mit Stifter, mit Novalis, mit Thomas Mann und Peter von Matt? Kann sich die Romandie nur auf Montaigne, Hugo, Proust oder Ramuz beziehen – oder sind wir in der Schweiz nicht aufgefordert, zwangsläufig auf die anderen Kulturen einzugehen, weil wir als Schweizer immer Teil eines Ganzen sind? Ist also die italienische Kultur nicht auch ein Teil Ihrer Kultur, die Sie zu verstehen haben? Ist es nicht Ihre Pflicht als Schweizerinnen und Schweizer, auf diese Kultur einzugehen?
Ist es nicht Pflicht des Romand, sich mit Adolf Muschg und Thomas Hürlimann auseinanderzusetzen? Genauso wie es für die Tessiner Gebot ist, die Werke eines Gottfried Keller, eines Max Frisch, aber auch von Bündner Literaten wie Reto Roedel, des grossen Humanisten, oder eines Iso Camartin zu kennen?

Die Welt ist im Wandel. Früher oder später wird die Welle der Anglophilie zurückschwappen. Englisch wird man aus rein utilitaristischen Gründen beherrschen müssen. Man wird sich in Zukunft vermehrt auf all das besinnen, was uns von anderen differenziert. Der kulturelle Reichtum der einzelnen Nationen unseres Kontinentes wird eine Renaissance erleben. Wenn wir unsere schweizerische Spezifizität bewahren und behaupten wollen, so müssen wir die Chance, auf die anderen Kulturen des Kontinentes einzugehen, intensiver angehen. Dies wird unser Selbstverständnis ausmachen. Es wird viel Mühe kosten, aber bereits die Erkenntnis, dass in Zukunft unsere schweizerische Spezifizität, unsere eigentliche Identität über das Verstehen und das Assimilieren verschiedener Sprachen und Kulturen geht, wäre ein eigentlicher Fortschritt.

Will die Schweiz in einigen Jahren nicht nur ein folkloristischer Anhängsel Europas sein, so muss sie sich ihrer multikulturellen Dimension bewusster werden.

Neben den politisch beispielhaften Institutionen, den Tugenden des Ausgleiches, der Harmonie, der Solidarität, neben den spezifisch schweizerischen politischen Werten der Demokratie, des Föderalismus und der republikanischen Grundhaltung müssen wir auch in kultureller Hinsicht als Beispiel taugen. Die Kenntnis, das Verständnis, die Assimilation der verschiedenen Kulturen wird die schweizerische Identität der Zukunft prägen und ausmachen.
Doch das kommt nicht von selbst. Wir Schweizer müssen es wollen und das ist wahrscheinlich unser eigentlicher substantieller Beitrag an Europa.

Marco Solari ist Präsident des Locarno-Filmfestivals

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