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Winterreden 2019: Nils Melzer

Von Nils Melzer 25. Januar 2019 Keine Kommentare

«Wer sind wir? Wer wollen wir sein?»

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Freunde,

Ich gebe zu, es ist schon sehr speziell, hier von diesem Erker aus eine Rede zu halten, über diesen Gassen, die geradezu vollgestopft sind mit Erinnerungen aus meiner Kindheit, Jugend und Studentenzeit. Ein bisschen wie eine Vortragsübung in der Schule, vor den versammelten Klassenkameraden, denen man ja wirklich nichts vormachen kann, auch 30 Jahre später nicht. Ich werde daher gar nicht erst versuchen, besonders gescheit daherzukommen, sondern werde Euch einfach von dem erzählen, was mich zurzeit am meisten beschäftigt in dieser Welt, von meinen Sorgen, Hoffnungen und Gedanken. Und ich bin Euch dankbar für Euer Zuhören und Eure Freundschaft, wie schon damals auf dem Schulhof, in der Aula, und an unzähligen anderen Treffpunkten in unserer gemeinsamen Stadt.

Seither habe ich viel erlebt, habe für das Rote Kreuz und die UNO in Krisengebieten gearbeitet, habe Tausende von Kriegsgefangenen, politischen Häftlingen und Flüchtlingen besucht, habe in Palästen, Ministerien und Kommandozentren verhandelt, aber auch an Check-points mit Rebellen und betrunkenen Soldaten. Ich weiss heute, wie sich Krieg anfühlt, wie überfüllte Gefängnisse und brennende Häuser riechen, aber auch was Folter und Grausamkeit mit dem Menschen macht, und zwar nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern und mit jeder Gesellschaft, welche solche Barbarei toleriert.

Krieg und Grausamkeit kann man nicht erleben, ohne in seinen Grundfesten erschüttert und verändert zu werden. Als ich selber zum ersten Mal in ein Kriegsgebiet kam, war es mir, als würde ich in einen schwarzen Abgrund gesogen, an einen Ort, an dem es kein Licht und keine Orientierung gibt, an dem jeder nur noch schreit, leidet und um sein Überleben kämpft, und wo es kein Entkommen gibt vor dem ständigen Gefühl der Angst und der Verzweiflung. Innerhalb von Tagen oder gar Stunden können Krieg und Grausamkeit aus uns allen gehetzte Opfer und abstossende Monster machen, Lichtjahre entfernt von den erhabenen Idealen unserer Zivilisation.

Gleichzeitig hat mir meine Arbeit mit Kriegs- und Folteropfern aber auch einige der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens geschenkt. Die grössten Höhepunkte meiner Karriere waren nicht die Begegnungen mit Ministern und Generälen, nicht die Ansprachen vor der UNO in New York und Genf. Einer der grössten Höhepunkte meines Lebens war es, ein einsames Kind in einem riesigen Flüchtlingslager inmitten einer humanitären Krise zu finden und dieses Kind wieder mit seinen Eltern zusammenführen zu dürfen; oder einer Familie sagen zu können, dass wir ihren Sohn, der sechzehn Jahre lang vermisst worden war, in einem Gefängnis jenseits der Front aufgespürt hatten und ihn dann nach Hause bringen zu dürfen. Solche Erlebnisse vergisst man nie und, Gott sei Dank, durfte ich auch davon einige erfahren.

Liebe Freunde,
Über Krieg und Folter zu reden ist immer ein Versuch, über das Unaussprechliche zu sprechen. Denn solange wir es nicht selber erlebt haben, werden wir kaum je die richtigen Worte dafür finden. Sobald wir es aber selber erlebt haben, fehlen uns wieder die richtigen Worte, weil uns das, was wir erlebt haben, sprachlos gemacht hat.

Dennoch habe ich immer wieder versucht, das Unaussprechliche zu verarbeiten, indem ich es völkerrechtlich einordnete, Missbräuche anprangerte und Lösungs-vorschläge einbrachte. Ob für das IKRK, für das EDA, für die UNO oder als Völkerrechtsprofessor, wo auch immer ich gegen Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit ankämpfte, tat ich es in der Hoffnung, durch juristisch unwiderlegbare Argumente zu überzeugen, in einem unablässigen Appell an die Vernunft, die Moral und das Gemeinwohl der Menschheit.

Doch immer wieder wurde ich enttäuscht. Zwanzig Jahre lang musste ich schmerzhaft erfahren, was die Naturwissenschaft bereits vor Jahrzehnten nachgewiesen hat: dass nämlich menschliches Verhalten, und damit auch Staats- und Wirtschaftspolitik, von ganz anderen Prinzipien gesteuert werden als von Vernunft, Moral, und Gemeinwohl.

Erstens, was die Vernunft betrifft, so sind wir Menschen zwar durchaus vernunftbegabt; in Wirklichkeit werden unsere Entscheidungen aber dennoch vorwiegend von Emotionen gesteuert, also im besten Fall durch Mut und Liebe, im Normalfall durch Sorgen und Angst, und im schlimmsten Fall durch Gier und Hass. Überlegt Euch selber, was Euch mehr inspiriert: ein emotional geladenes Drama über Liebe, Abenteuer und Heldentum, oder ein nüchterner Dokumentarfilm über das Gletscherschmelzen? Letztlich sind es eben unsere Emotionen, die die Welt bewegen, sowohl im Privaten, wie auch in Wirtschaft und Politik.

Zweitens, was die Moral betrifft, so wissen wir, dass sich unsere Moralvorstellungen je nach Epoche, Kultur und Weltsicht drastisch unterscheiden können. Denn von Natur aus sind wir weder moralisch noch unmoralisch, sondern schlicht und einfach amoralisch veranlagt. Gerade im Namen der «Moral» wurde ja nicht nur in der Vergangenheit gefoltert, versklavt und getötet, sondern werden auch heute noch die schlimmsten Grausamkeiten verübt. Denn sobald wir uns durch moralische Überheblichkeit legitimiert fühlen, betrachten wir unsere Opfer nicht mehr als unseresgleichen und verlieren deshalb unsere Fähigkeit zum Mitgefühl.

Und das bringt mich auch schon zum dritten Punkt, nämlich der Tatsache, dass menschliches Verhalten von Natur aus nicht vom Gemeinwohl, sondern primär vom Eigeninteresse bestimmt wird, also vom biologischen Selbsterhaltungstrieb, welcher allen Lebewesen eigen ist.

Dieser Selbsterhaltungstrieb erstreckt sich auf alles, was wir als Teil unseres «Selbst» wahrnehmen. Gewisse Menschen identifizieren sich so stark mit ihrer Ehre, dass sie bereit sind, dafür ihr Leben zu riskieren. Andere wiederum töten und sterben für die Familie, das Vaterland, eine Religion oder politische Partei, ein Unternehmen, ein Fussballteam, ein Auto, oder ganz einfach für Geld. Womit auch immer wir uns identifizieren, wir verteidigen es unter Einsatz unseres Lebens gegen jede tatsächliche oder vermeintliche Gefahr, allerdings auch unter Ausschluss von allem, was wir nicht als Teil unseres «Selbst» wahrnehmen.

Und da wir die Wirklichkeit eben oft nur verzerrt wahrnehmen, verteidigen wir meist nicht unser tatsächliches Eigeninteresse, sondern das, was wir fälschlicherweise dafür halten. Gerade in der Schweiz glauben wir ja etwa immer noch gerne an das unsinnige Märchen, es sei im Interesse der Bevölkerungsmehrheit, wenn multinationale Unternehmen und Superreiche möglichst keine Steuern bezahlen und der Bund jährlich ein paar Milliarden Budgetüberschuss macht, während der Mittelstand mit Sparmassnahmen, Pendlerstrafe, Krankenkassenprämien, Nullzinsen und Eigenmietwert immer mehr ausgepresst und enteignet wird. Wir wollen nach wie vor nicht wahrhaben, dass 90% des Kuchens sowieso ohne uns verteilt wird und uns danach weisgemacht wird, wir müssten alle gemeinsam den Gürtel enger schnallen, um die verbleibenden 10% gerechter zu verteilen und vor dem Zugriff von Migranten, Sozialfällen und anderen Benachteiligten zu schützen. Und so werden wir manipuliert und gegen einander ausgespielt, während sich an der Spitze der Pyramide geradezu groteske Einkommen und Vermögen anhäufen, überall auf der Welt, auch in der Schweiz.

Dieses gutgläubige Dulden organisierter Ausbeuterei funktioniert allerdings nur so lange, wie die Mehrheit an die wirtschafts- und sozialpolitischen Märchen glaubt, welche uns als unabänderliche Sachzwänge aufgetischt werden. Sobald diese Illusion jedoch platzt, kann es sehr schnell zu gefährlichen sozialen Unruhen kommen. Der weltweit wachsende Populismus, die stetig zunehmenden Migrationsströme und die gewalttätigen Proteste der Gelbwesten in Frankreich sprechen eine deutliche Sprache, sind aber wohl nur eine Vorahnung dessen, was uns alles noch erwartet. Es ist also an der Zeit, dass wir diese Sache ernst nehmen.

Liebe Freunde,
Wir können nun entweder resigniert den Kopf in den Sand stecken und auf den Weltuntergang warten, oder wir können erkennen, dass gerade im Kern unseres Eigennutzes auch schon der Ansatz zu einer Lösung steckt, nämlich die Frage, was wir denn überhaupt als unseren «eigenen Nutzen», wahrnehmen. Was nützt uns? Und vor allem, was meinen wir denn überhaupt mit «uns»? Wer sind wir?

Diese Frage, die Frage nach unserer Identität, ist absolut entscheidend. Immer wenn wir uns nämlich zu eng identifizieren, also mit Partikularinteressen, und die legitimen Interessen anderer ausschliessen, dann führt das unweigerlich zu einer Abwärtsspirale von Ausbeutung, Diskriminierung, Grausamkeit, und Konflikten bis hin sogar zum Völkermord. Genauso unweigerlich führt aber umgekehrt eine umfassende, inklusive Identifikation mit unserer gesamten Umwelt zu Empathie, Nachhaltigkeit und Frieden, und zwar nicht aus selbstlosem Altruismus heraus, sondern aus umfassendem, langfristigem Eigennutz.

Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Das ist also die entscheidende Frage, die wir in allen Lebensbereichen beantworten müssen. Gegenüber unseren Schülern, die zu Recht unsere Heuchelei beim Klimaschutz anprangern, gegenüber unseren Kindern, deren Altersvorsorge wir bereits heute ohne jede Rücksicht verprassen, gegenüber Migranten, die wir ohne Wimpernzucken zurückschicken in Elend, Folter und Tod, gegenüber Kindersoldaten, die mit unseren Waffen kämpfen müssen, und gegenüber jenen, die in unseren Kleiderfabriken und Rohstoffminen geschunden werden. Vor allem aber gegenüber uns selber. Wer sind wir? Wer wollen wir sein?

Liebe Freunde,
Zum ersten Mal in der Geschichte verfügen wir über das Wissen, die Technologie und die Mittel, um alle Probleme dieser Welt zu lösen. Das einzige, was uns noch in den Denk- und Verhaltensmustern der Steinzeit gefangen hält, ist unsere eigene, kurzsichtige Identifikation mit Partikularinteressen und unser ängstliches Festklammern an den Mythen und Märchen eines Wirtschaftssystems, das uns vorgaukelt, mit schamloser Ausbeutung dem langfristigen Gemeinwohl zu dienen.

Wenn wir als Menschheit überleben wollen, dann ist es höchste Zeit, dass wir endlich aufwachen aus unserer kleinlichen, überfütterten Lethargie und anerkennen, dass ein Grossteil unseres Wohlstandes auf der Ausbeutung anderer Menschen und der Zerstörung unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen beruht. An Wasser, Energie und anderen Ressourcen mangelt es auf unserem Planeten beileibe nicht, doch müssen wir endlich lernen, dieses Gemeingut nachhaltig zu verwalten und zu nutzen, und uns mit dem globalen Wirtschafts-, Sozial- und Ökosystem als Ganzes zu identifizieren, als eine grosse, weltumspannende Gemeinschaft. So wie es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bereits vor 70 Jahren verkündete; so wie es jede vernünftige, wissenschaftliche Logik verlangt; und so wie es auch alle grossen spirituellen Lehrer stets zu vermitteln versuchten – nicht aus moralisierendem Altruismus, sondern aus handfestem Eigennutz.

Der dafür notwendige Bewusstseinswandel ist überfällig und wird kommen, im besten Fall durch Evolution und im schlimmsten Fall durch Revolution. Es ist nun an uns allen, die Fakten, Risiken und Handlungsspielräume richtig einzuschätzen und uns selber, unsere Umgebung und unsere politischen Vertreter noch rechtzeitig wachzurütteln.

Was uns bei diesem Paradigmenwechsel helfen kann, ist nicht der Blick hinauf zum Himmel oder in die Sterne, sondern der Blick von dort zurück auf die Erde. Ein amerikanischer Astronaut, der 1971 auf dem Mond gelandet war und von dort aus die unendliche Schönheit, aber auch die zarte Verletzlichkeit unseres Heimatplaneten betrachtete, fasste seine Eindrücke in folgende Worte:

«From out there on the moon, international politics look so petty. You want to grab a politician by the scruff of the neck and drag him a quarter of a million miles out and say, ‘Look at that, you son of a bitch’!»

Liebe Freunde,
Es ist nun an uns, diesen reichlich ungeschminkten Aufruf aus der Zeit des Kalten Krieges für die Herausforderungen der Gegenwart und für unser eigenes Leben ins Deutsche zu übersetzen. Ich danke Euch für’s Zuhören und lade Euch ein, diese Diskussion hier und heute im Restaurant, aber vor allem auch in Eurem eigenen Berufs- und Bekanntenkreis weiterzuführen.

Herzlichen Dank!

Nils Melzer ist UNO-Sonderberichterstatter.

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