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Karl, die Mehrheit

Wir, die Demokratie­verweigerer

Von Marcel Bührig 8. Mai 2014 2 Kommentare

Gestern fand die erste Sitzung in der neuen Legislaturperiode des Zürcher Gemeinderats statt. Als jüngster Gemeinderat durfte ich ein paar Zeilen verlesen. Dort stand ich also, der ich schon die Schule abgeschlossen habe, der ich schon voll in der Berufswelt integriert bin, und trotzdem bin ich mit Abstand der jüngste Gemeinderat der Stadt. Das Durchschnittsalter im Gemeinderat beträgt momentan rund 45 Jahre. Die meisten könnten also genauso gut meine Eltern sein.

In letzter Zeit wird viel darüber debattiert, wieso sich Jugendliche überdurchschnittlich oft von der Urne fernhalten. Und ein Grund dafür ist sicher, dass sich vor allem die 15-25-Jährigen kaum von einem Parlament vertreten fühlen können. Denn es sind Parlamente, die nicht mit den heutigen Problemen, Ängsten und Sorgen der Jugend aufgewachsen sind, für die das Internet nicht zwingend etwas vom Natürlichsten aller Dinge ist. Wie sollten wir uns also für Politik interessieren, wenn wir von 40-jährigen Anwälten und 60-jährigen Journalisten regiert und geleitet werden?

Natürlich muss nicht jeder unter 25-Jährige jetzt versuchen, bei den nächsten Wahlen ins Parlament gewählt zu werden – auch wenn ich mich freuen würde – vielmehr sollten sich auch die Jugendlichen darum kümmern, dass mehr Jugendliche in die Parlamente gewählt werden. Und das ist gar nicht so schwer; man kann bei Wahlen ganz einfach die Jungen, die auf den Listen stehen, panaschieren und kumulieren oder am besten einfach einmal zur Wahl gehen. Denn die Rentnerinnen und Rentner in den Altersheimen und Pflegezentren werden wohl nie Junge und Unerfahrene wählen, was hätten sie auch davon.

Und nun kommen wir zu meiner eigentlichen Aussage: Sind wir alles überfaule und politisch uninteressierte Demokratieverweigerer?

Die Schuld beim politischen Establishment zu suchen ist natürlich einfach und bei Weitem auch nicht falsch. Doch wenn man in den letzten Wochen die Kommentare von Jugendlichen zur Stimmbeteiligung ihrer eigenen Generation in den Zeitungen gelesen hat, dann muss man fairerweise sagen, dass sich unsere Generation ein bisschen der Demokratie verweigert. Da lese ich zum Beispiel von einer Kinderbetreuerin mit 100%-Pensum, die am Wochenende zu erschöpft ist, um sich mit den Abstimmungen zu befassen.

Bei solch haarsträubenden Aussagen würde ich am liebsten im Boden versinken; das Wort «Fremdschämen» erhält eine völlig neue Dimension.

Liebe Jugendliche, Ihr müsst Euch nicht alle aktiv für Politik begeistern, Ihr müsst nicht alle in eine Partei eintreten, Ihr müsst nicht alle Unterschriften sammeln gehen. Aber um Gottes Willen nehmt Euch doch 30 Minuten Zeit und füllt die Abstimmungsunterlagen aus, das sollte man gerade noch hinkriegen, solange man die Wörter «Ja» und «Nein» fehlerfrei schreiben kann. Es gibt inzwischen x Angebote im Internet, um die Abstimmungsvorlagen einfach und schnell zu erklären. Es gibt sogar Videos, da muss man nur noch zuschauen und zuhören, und dann muss man sich halt noch eine eigene Meinung bilden; aber das darf man wohl von jedem mündigen Bürger erwarten. Wer will, dass die Politik etwas für einen tut und einem zuhört, der muss es auch schaffen, sich 4-mal im Jahr Zeit zu nehmen, um an den Abstimmungen teilzunehmen.

Pony M. versucht mit ihrem Projekt «Ich, die Mehrheit» uns klarzumachen, dass Politik einen reellen Einfluss auf unser Leben hat und dass jede Stimme zählt, und das schafft sie auch. Gerade die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative hat gezeigt, dass es manchmal nur ein sehr kleiner Unterschied zwischen dem Verlieren und dem Gewinnen einer Abstimmung ist, die einen erheblich Einfluss auf unser Leben haben kann.

Daher hören wir jetzt alle auf, uns Ausreden zu suchen, geben nicht immer nur den Politikerinnen und Politikern die Schuld und setzen uns am Wochenende für 20 Minuten hin und füllen die Stimmzettel aus. Vielleicht ist es manchen nicht klar, aber die Rentnerinnen und Rentner werden irgendwann tot sein; wir haben aber wahrscheinlich im Durchschnitt noch 80 Jahre zu leben und müssen mit den Konsequenzen der Entscheidungen von heute leben. Ausflüchte gibt es daher keine mehr, es gibt nur noch eines, und zwar: ab an die Urne, die nächste Abstimmung kommt schon bald.

 
Dieser Blogpost ist Teil einer Reihe von Beiträgen auf diesem Blog, die unterschiedliche Autoren zum Thema Jugend und Demokratie verfassen.

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