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Wir wohnen retro

Von Silvan Gisler 10. März 2015 1 Kommentar

Ein Tisch von Ikea mit Brocki-Stühlen drumherum, ein Poster in Schwarz-Weiss über der Chesterfield-Couch: Eigentlich leben wir wie ein Haufen gleichgeschalteter Bünzlis und unverbesserlicher Nostalgiker. Wieso eigentlich? Und wieso merkt das irgendwie niemand?

Als ich am Sonntag mal kurz den Fernseher einschaltete, lief da ein doofer Film. «Shopaholic» hiess der und es ging um Schuhe und um Liebe, glaubs. Und um den Kaufwahn von Neuem, Schönem und Glänzendem. Nun denn: Ich hingegen bin Brockaholic. Ich liebe Brockis und kaufe gerne Altes. Das weiss jeder, der mich nach einem Besuch in einem dieser Disneylands für Retrofans mit irgendwas Komischem im Schlepptau wieder rauslaufen sah oder die Gegenstände sogar in der zu teilenden Wohnung erdulden musste.

Aber ich bin nicht allein: Gerade die Zürcher sind ein Volk von Brockitariern. Nirgends fühlt sich der moderne, junge, urbane Bürger offenbar wohler als in einem Laden voller alter Sachen. Dass dort für den alten Krempel nicht selten mehr verlangt wird als für die neuesten technischen Errungenschaften im Einkaufszentrum nebenan, mindert seine Liebe nicht im geringsten. Eine Kaffeemaschine? Nein, lieber eine Bialetti-Espresso-Kanne! Richtige Gläser? Nein, lieber alte Joghurt-Gläser («die in dem hippen Restaurant, wo wir neulich mal waren, machen das ja auch.») Ein Bild im Rahmen? Nein, lieber ein Hirschgeweih. Apple TV? Nein, lieber ein halbfunktionierendes altes Radio.

Kombinieren tun wir das alles mit dem preiswerten Retro-Tisch und einigen nicht minder günstigen Retro-Lampen aus der Ikea und dem mittlerweile zum «Retro» hochstilisierten Funktional-Regal «Billy». Auch aus der Ikea.

Und dann stellen wir das alles in unsere Wohnung. In unsere schlecht isolierte Altbauwohung. Mit ihrem knarrenden Holzboden. Und dem hübschen Täfer. Den niedrigen Decken und der komischen Raumaufteilung. Hat halt Charme. Mehr retro geht gar nicht.

Interessanterweise fühlen wir uns dabei aber nicht konservativ, sondern progressiv, weil wir ja Altes verwerten. Und wir fühlen uns nicht wie Nostalgiker, sondern mehr wie Individualisten – ohne zu merken, dass auch die neue alte Wohnung von der Freundin vom Kollegen so alte Sachen und so Ikea-Sachen hat. Sieht das alles nicht überall gleich aus? Das ist irgendwie so wie mit dem Fixie-Velo und dem Bart

Gleichzeitig können wir uns aber lustig machen über die Gartenzwerge und den Springbrunnen und die «antiken» Vasen im Garten des Nachbarn unserer Eltern. «Kitschig» ist das dann, «altbacken» und «bünzlig». Unsere Kultivierung des Alten – welche unseren Alltag durchdringt von der Bar, wo wir Kaffee trinken, über die Kleider, die wir tragen, bis eben hin zur Wohnung, in der wir leben – hingegen ist hip.

Mit diesem Hang zur Nostalgie, diesem Drang zum Retro, kompensieren wir vielleicht die Flüchtigkeit der digitalen und hochtechnologischen Moderne. Old-School-Rap anstatt Zukunftsmusik. Ich selbst bin davon intensiv betroffen; ich bin verliebt in Retro. Das ist ja auch gar nicht schlecht. Aber machen wir uns nichts vor: Das ist nicht progressiv, sondern konservativ. Und nicht so wahnsinnig individuell, wie wir gerne tun. Und nur hip, weil wir es hip machen. Anstatt Zwerge in den Garten pappen wir vielleicht einfach Blümchentapeten an unsere Wände.

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