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Wo bleibt die Erziehung zum guten Geschmack?

Von Felix Ghezzi 20. Januar 2015 2 Kommentare

Wir sind umgeben von «Marketing Design». Design, das nicht primär aus den Ideen von Gestaltern entstanden ist, die Form, Material und Funktion ästhetisch verbinden möchten, sondern vielmehr von Marketingabteilungen, die die Erscheinung der Gegenstände auf Grund von Analysen des Kaufverhaltens und den sogenannten Kundenwünschen auf den grösstmöglichen Verkaufserfolg trimmen.

Dies wurde mir vor einigen Wochen wieder bewusst, als meine Freundin und ich einen weiteren Anlauf nahmen, um endlich unser «Lampen-Problem» zu lösen. Seit über einem Jahr hing im Esszimmer über unseren Köpfen ein braunes, ziemlich hässliches und viel zu kleines Ding, das für eine WG bestimmt seinen Zweck erfüllt, aber nun in unserer Wohnung etwas gar lächerlich aussah und uns immer, wenn wir Besuch hatten, die Schamröte ins Gesicht trieb.

Die grossen Möbelhäuser warben mit ihrem neuen Sortiment, und in den Prospekten sah die eine oder andere Lampe ganz ansehnlich aus. Die Tour durch die Läden war aber einmal mehr niederschmetternd. Wenn man das Gefühl hat, selbst über einen einigermassen guten Geschmack zu verfügen, bleibt einem nur die Schlussfolgerung: Die Masse hat keinen Geschmack, bzw. die Marketingabteilungen der grossen Möbelhäuser zwingen einen dazu, entweder unförmige, hässliche Lichtgeber zu kaufen oder aber Billigstprodukte, die durch ihre minderwertigen Materialien und Verarbeitung das Design verschandeln.

Wie herausragende Qualität aussehen kann, ist momentan in der sehr empfehlenswerten Ausstellung «100 Jahre Schweizer Design» im Schaudepot der ZHdK im Toni-Areal zu bestaunen. Herzstück der vielfältigen Schau ist die Entwicklung der Stuhl-Gestaltung in 10-Jahres-Schritten von 1910 bis 2000. Daneben sind rund 700 Alltagsgegenstände von Telefon, Dreirad, Revox-Anlage über Swatch-Uhren und Pfadi-Gamelle bis zur atmungsaktiven Outdoor-Jacke ausgestellt und geordnet nach Themenschwerpunkten wie «Abstrakt», «Aluminium», «Ergonomisch» etc. präsentiert.

Am meisten verblüfft hat mich die Geschichte des Schweizer Werkbundes (SWB), der 1913 gegründet wurde und noch heute besteht. Der SWB trieb als «Vereinigung von Kunst, Industrie und Handwerk» sehr aktiv und gezielt die Geschmackserziehung der Eidgenossen in Sachen Design voran. Zum Beispiel durch eine riesige Ausstellung, die 1918 den ganzen Sechseläutenplatz in Beschlag nahm. Anhand von Musterwohnungen wurde gezeigt, wie Arbeiter, Studenten oder die bürgerliche Oberschicht jeweils ihr Heim idealerweise einrichten.

1949 präsentierte die Mustermesse in Basel zum ersten Mal die von Max Bill konzipierte Ausstellung «Die gute Form». Hier wurde in der Folge von Jahr zu Jahr die Auszeichnung «Die gute Form» für Schweizer Design mit hoher Qualität vergeben und damit versucht, nicht nur das Schweizer Volk zu sensibilisieren, sondern auch Kunst, Industrie und Handwerk anzuspornen.

Nach 1968 wollten sich viele Menschen aber auch in Bezug aufs Design nicht mehr von den Obrigkeiten sagen lassen, was gut und schlecht ist, und der SWB musste seine Strategien ändern. Ob das bezüglich der Qualität des Designs gut oder schlecht war und ist, darüber masse ich mir kein Urteil an; die Ausstellung zeigt schliesslich nur die Filetstücke des letzten Jahrhunderts.

Meine Freundin und ich haben inzwischen unser «Lampen-Problem» gelöst – mit einem Designklassiker von Verner Panton aus dem Jahre 1964. Wie es gerade Mode ist, wird diese Lampe wieder neu produziert. Die Lampe war nicht billig, aber die Freude ist gross und hält lange, so sind wir überzeugt. Die Lampe ist dänischer Herkunft. Aber nach der Ausstellung bin ich mir sicher, dass auch diverse Schweizer Designstücke das Zeug zum Revival haben. Falls nicht, zähle ich darauf, dass im Toni-Areal an der Zürcher Hochschule der Künste viele talentierte und innovative Gestalter ausgebildet werden und bald den Weg an die Schaltstellen der Möbelgiganten antreten.

2 Kommentare

  • Sam

    Lampen, bzw Licht oder Lichtgestaltung, haben einen massgeblichen Einfluss auf die Raumwirkung und das Wohlbefinden der Bewohner. Mein Favorit: die Cloud von Frank Gehry. Möglichst gross.

    • Felix Ghezzi

      Es ist eigentlich erstaunlich, dass eine Lampe von Gehry so schlicht ist. Das schöne ist an ihr, dass sie schlicht und verspielt ist. Und ich gebe dir recht: Je grösser, desto schöner. Deshalb passt sie aber leider nicht in unser beschauliches Esszimmer.

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