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Wo ich Zürichs schwatzhafte Seele aufspüre

Von Christoph Sigrist 10. September 2013 Keine Kommentare

Ob ich am Sonntag auf der Kanzel im Grossmünster stehe und predige oder mich im Alltag im Kirchenschiff mit Touristen unterhalte, ich mache dies mit Leidenschaft und Herzblut. Ich bin Pfarrer mit Leib und Seele, und dies heisst für mich: Mich interessiert mein Gegenüber mit seiner Geschichte. Predigen ist für mich nicht ein Monolog, sondern ein Dialog. Ich stelle mir immer ein Gesicht vor, wenn ich die Predigt schreibe. Das Bloggen ist ähnlich, einfach statt auf der Kanzel am Bildschirm.

Den Dialog mit dem unsichtbaren und doch präsenten Du führe ich jedoch nicht nur im Kirchenraum oder im Netz. Seit einem Jahr habe ich mein Büro in der Sakristei des Grossmünsters provisorisch eingerichtet, weil wir die Helferei umbauen. Abends spät jeweils steige ich öfters auf den Turm und schaue von oben auf «meine Stadt». Zürich, meine Heimat, hat eine Seele. Die Gespräche mit der Stadtseele über Gott und die Welt gehören für mich zu den wertvollen Unterbrechungen des hektischen Alltags. Aus der Vogelperspektive entpuppt sich manche Sackgasse als Übergang zu neuen Plätzen und Wegen.

Nicht dass die Vogelperspektive nur auf dem Turm zu erlangen wäre. Das Grossmünster steht mitten im «Dorf». In den lauen Sommernächten wird das Ineinander der Gassen, Strassen und Zonen in der Altstadt zum Platz des grossen Palavers. Einheimische und Fremde sitzen auf Stühlen und Steinen, es wird zugeprostet, behauptet, gelacht und ausgerufen; so, wie ich es bisweilen in meinen Konfirmandenlagern auf dem Hauptplatz in Scoglitti (Sizilien) erlebe. Ich liebe diese Patina von Leichtigkeit und Intensität; das «Schnurre» miteinander ist eine gute Mischung aus Nähe und Distanz.

Gehen Sie mal abends vor die Bodega in der Münstergasse. Es lohnt sich. Da sitzt Krethi und Plethi in und vor der alteingesessenen Beiz. Ein «Ah» und «Hoh» ist von drinnen zu hören, und draussen sitzen sie wie im Theater meist in einer Reihe, den Rücken zur Wand. Wer vorüberläuft, wird während dem «Schnurre» von oben bis unten gemustert. Treffen sich dann die Augen für einen Blick, wird der Redeschwall kurz unterbrochen. Nonverbal – mit einem Augenaufschlag – erfolgt die Einladung, sich zu setzen. Und ehe man sich‘s versieht, sitzt man und frau in der Zuschauerreihe und beginnt von Wind und Wetter, von Kran und Kirche, von Gott und der Welt zu schwatzen.

Ja, das können wir Zürcher halt: gleichzeitig reden, zuhören und äugen. Sozusagen ein Multitasking in Zürcher Kommunikation! Und oft eröffnet mir dieses durch- und miteinander Reden neue Horizonte und neue Wege. Ganz abgesehen davon, dass Kurt Marti, der bekannte Theologe aus Bern, meint, im Palaver sei auch Gott zu hören.

Ja, wenn ich nachts spät auf den Turm steige, mit der Stadtseele rede und auf sie mit all den irdischen und himmlischen Zwischentönen höre, ist das für mich ein Dialog besonderer Art: Er rüttelt auf, regt an, hinterfragt heilsam, ermöglicht Mutanfälle (Dorothee Sölle), er redet frisch von der Leber weg – von dem, was nicht auf der Hand liegt und doch unter die Haut geht.

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