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Züri-Saga Teil 1: Was bisher geschah

Von Philippe Heule 14. Dezember 2015 Keine Kommentare

Was bisher geschah, das passt auf kein Papier dieser Welt und auf keine Kuhaut, keine Tafel ist lang genug dafür, jede Nacht ist zu kurz und jeder Raum, ausser der Weltraum vielleicht, zu klein, aber die Sehnsucht nach einem Überblick davon, was bisher geschah, einem erklärten Zusammenhang bleibt gross und mächtig. Ich werde also einen kleinen Versuch wagen Ersehntes zu erfüllen. Vor gar nicht allzu langer Zeit und also vor ziemlich genau einer Woche, trafen sich an einer langen Tafel, ungefähr so wie jetzt, ein Haufen von verschiedenen Menschen. Es war eine merkwürdige Konstellation von Leuten, die mit dieser Stadt eine gewisse Geschichte verbindet, sei sie lang oder kurz, aber in den meisten Fällen eher lang, für die dieser Ort jedenfalls kein unbeschriebenes Blatt mehr ist, sondern im Gegenteil sprechende Bände. Diese Menschen trafen sich hier und viele trafen sich zum ersten Mal, weil bisher gab es dazu noch keinen triftigen Grund und deshalb brauchte es für ein Aufeinandertreffen diese Veranstaltung, dieses willkürlich erscheinende Schicksal und nur schon darum war dieser Abend aussergewöhnlich. Sie trafen sich zu einem gar ungewöhnlichen und regelrecht unglaublichen Experiment. Viel stand auf dem Spiel an diesem Abend und allem voran die Demokratie, denn so viel wissen wir, der geht es an den Kragen, wenn wir entweder verstummen oder einander nicht mehr zuhören und so war dieser Abend in gewissem Sinne eine nötige und wichtige Gegenmassnahme.

Alle waren sie aufgeregt, mehr oder weniger offensichtlich, alle waren sie mehr oder weniger herausgeputzt und hergerichtet, zudem wurde angerichtet, mehrgängig und üppig und schmackhaft. Der Anspannung und der Geselligkeit Willen wurde ausgeschenkt und gerne und gut Wein getrunken, und wie der Wein floss so floss ringsherum auch der sogenannte Murmelstrom. Viele, und dazu zähle ich auch mich, haben an diesem Abend zum ersten Mal vom Murmelstrom gehört, aber natürlich den Murmelstrom an sich schon tausendfach gehört. Der Murmelstrom zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass er zwar gehört wird, aber niemals verstanden, denn sonst wäre es kein Murmelstrom und er wäre nicht so nahrhaft. Der Murmelstrom, so haben wir es gelernt, der ist sehr gesund und eine Dosierung von vier Stunden täglich empfiehlt ein geheimnisvolles Volk aus Indien, welches an diesem Abend aber nicht weiter benannt wurde. Aus diesem Murmelstrom also erhoben sich dann alsbald und zwischen den Gängen einzelne Stimmen, so das Experiment, einzelne Geschichten wurden für die Allgemeinheit vorgetragen, verschiedene Erlebnisse wurden hervorgehoben, wie Feuerwerksblumen, verstärkt durch Mikrofon, traten aus dem Haufen heraus, diese einzelnen Menschen mit ihren Wahrnehmungen.  Und es war vor allem dieses sich stark Machen für eine besondere Art der Wahrnehmung, was diese Geschichten nun im Besonderen verband, was einen Zusammenhang herstellte war also dieses Plädoyer, das ich nun versuche genauer auszuformulieren.

Die Essenz oder die Moral, die steckte nicht am Ende dieser einzelnen Episoden, sondern in ihrem Erzählen, im Vorgang selbst steckte die Aussage. Essentiell war natürlich auch die Auswahl der Gegenstände, der Ausschnitte von Welt oder der Perspektive. Vielleicht kann man es formulieren als den Versuch an dem Offensichtlichen vorbeizuschauen, hin zum Wesentlichen und darum zum Wunder. In jedem Fall war es eine Hinwendung zu etwas Aussergewöhnlichem, dieses Aussergewöhnliche kam nun aber nicht laut und stampfend daher, nicht dramatisch und dröhnend, sondern leise und geheimnisvoll wie zum Beispiel sechs Rücken an Rücken schlafende Elefanten und ein einzelner kleiner der über diese Gesellschaft zu wachen hat. So erlebt von einer Schauspielerin nach einem Theaterstück, bei dem sie jedoch Zuschauerin war. Nach dieser Vorstellung wurde sie erst recht verzaubert von einem sehr kleinen und sehr kommunikativen Mann und er führte sie in ein ruhig daliegendes Zelt auf dem Bellevue. Dort erblickte sie erwähnte Elefanten und es war so wie der Mann versprochen hatte: Unvergesslich. Diese Geschichte war ein Plädoyer dafür, sich bei Gelegenheit von der gewöhnlichen Runde weglocken zu lassen und die Schwellen der Gewohnheit zu überschreiten, denn schliesslich sind es beim Geschichten erzählen vor allem die Ränder, die interessieren, die Ränder der uns allgemein bekannten Existenz. Jetzt habe ich gar nicht mit dem Anfang begonnen, sondern bin schon mittendrin, denn ich folge eben gerade mehr einem Strom, denn einer Linie.

Der Abend war auch ein bisschen eine Predigt, schliesslich fand er, wie der heutige auch, im Jagdrevier des Grossmünsters statt und wundervoll zeigte sich in der Einleitung, gegeben von einem Pfarrer in seinem Jagdrevier, wie ein gar banaler Gegenstand, ein angemalter Kleiderbügel nämlich, Diebesgut aus einer längst geschlossenen bzw. geschluckten Detailhandelskette, wie so ein obdachloser Gegenstand also der Geschichte eines Obdachlosen ein Heim gab, wie die Geschichte eines grossen kräftigen Mannes sich in so einem Stück Holz mit Haken dran manifestiert und dieses für immer unersetzlich macht. Es sind vor allem die Ränder, die interessieren, die Ränder, der uns allgemein bekannten Existenz. Nicht in der goldenen Mitte, sondern immer dort wird es spannend, wo das gesicherte Wissen ins Wanken gerät, wo das Unbekannte anfängt und niemals aufhört ein Rätsel zu sein. Der Tod, das Ende von jeder Geschichte, bleibt so ein Rätsel, sowie die Herkunft von allen Menschen mit egal welchem Hintergrund. Immer ist es die Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, die eine Identität erzeugt und so sind es niemals nur die Ämter oder Papiere, die entscheiden, wer wir sind. Eine beste Freundin, so wurde berichtet, kann zwar auf dem Standesamt in Erklärungsnöte geraten über die Ungereimtheiten in ihren Papieren und sich bedeckt halten über die genauen Umstände ihrer Geburt, aber es sind letztendlich nicht die Papiere die diese Frau zu einer besten Freundin identifizieren und weshalb für sie die Hand, ohne genau zu wissen wofür, ins Feuer gelegt wird. Was wirklich passiert ist, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Seien wir nicht immer wie besagte Herr und Frau Schweizer, dessen Gesicht sich verhärtet ob der Unwahrheit, die vor ihnen aufgetischt worden ist.

Wenn ein Leben zu Staub zerfällt, aber dennoch für Dagebliebene ein Feuerwerk bereitet, ein Leben lang, das verdanken wir den Erinnerungen in Form von Erzählungen, die immer wieder neu aufblühen, wiederholt und weitergegeben, eine Aneinanderreihung von Fallstudien, die niemals zu einem endgültigen Ergebnis führen, glücklicherweise. Was wirklich passiert ist, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Ein Jeder Mensch ist wie ein Brunnen, der unerlässlich vor sich hin plätschert, mal lauter mal leiser. Tendenziell sind übrigens die lauten Brunnen die, die gerne auf sich aufmerksam machen wollen, aber nicht unbedingt die, die Interessanteres von sich geben. Eine beispielhaft leise und interessante Information wurde an diesem Abend mitgeteilt und zwar diejenige, dass es in dieser Stadt 1200 Brunnen gibt, aber und jetzt kommt es keinen öffentlich zugänglichen Plan davon, weil sie ein militärisches Geheimnis sind, zwecks Trinkwasserversorgung in Kriegs- und Krisenzeiten, weil die Brunnen, die sind nämlich jeder für sich eine eigene Quelle. Mit diesem Wissen und mit der Metapher von Brunnen als Menschen war auch interessant zu erfahren, dass ab dem Jahr 2000 die neu gebauten Brunnen nur noch leise gurgeln oder blubbern und heute die ganz neuen gar ganz verstummt sind, da sie ja niemanden stören sollen, der von sich selbst schon allzu sehr gestört ist. Alles soll in Zukunft also verstummen für eine ungeteilte Aufmerksamkeit, für die absolute Konzentration auf das Leben. Über diese ganze Konzentration, dieses ganze Bauchmuskeltraining, wird das Leben dann offensichtlich ganz verlernt, sowie das Erzählen. Wir sollten wie die Strickerinnen, die Näherinnen, die Schicksals-Göttinnen beisammensitzen und uns einer monotonen aber schönen Arbeit widmen. Währenddessen sollten wir uns erzählen und durch die Ablenkung hindurch hören, ein Muster dazwischen heraushören, mit eigenen Worten, mit eigenem Sinn. Zusammen essen kann übrigens auch so eine schöne Arbeit sein. Gegen sofortige Verwertbarkeit von Existenz muss vehement angekämpft werden. So ein Kampf äussert sich für gewöhnlich als geschäftig, aber gleichzeitig gemütlich wie eine andere Geschichte zeigte. Wie das Dorli und ihr Eugen sollten wir die Nacht zum Tag machen und alle Blumenwiesen des Landes aufsuchen, wir sollten die Farbe rot über die Jahreszeiten hinweg begleiten und jeder sollte für sich seine Liebesgeschichte entsinnen. Wir alle sollten etwas zurückbleiben aus dem Maschinellen oder Digitalen oder zumindest die Zeit haben in einer ruhigen Nische beisammen zu sein und vor sich hin zu dösen. So ein Widerstand gegen den allgemeinen Verwertungszwang, so eine Hinwendung zum einfachen Leben wie es das Rosendorli pflegte, wird verdientermassen am Ende und in diesem Fall im Altenheim mit Pauken und Trompeten gefeiert.

Das Glück findet in Nischen statt haben wir gehört, zwischen den Brunnen, wo, das wissen einige jetzt genau, wo alles für einen Moment in Balance gerät, wo für einen Moment und in einem Punkt alles zur Deckung kommt, alles sich widerspiegelt, dann, wenn alles zuhört und sich etwas offenbart, ohne benannt zu werden. Unter all unseren Erzählungen spannt sich ein Strom, der alles zusammenhält, etwas allgemein Bekanntes, aber eben nicht Benanntes, wie das Geräusch von Schuhen auf Pflastersteinen oder etwas anderes. Wer seine Schritte nicht hört, der weiss nicht, wo er sich befindet. Das Erzählen das ist ein Verorten, das ist immer Kartographie und so ist es nur logisch die Erdgeschichte als Ur-Geschichte zu zitieren. Auch diese, auch wenn man es gar nicht denkt, ist Fiktion, denn niemals kann ich genau in Worte fassen wie Afrika einst nach Europa kam und Italien nach Norden schob und den Alpenbogen bog von Nizza bis nach Wien, niemals kann ich den Lauf der Jahrmillionen fassen, mit all dem Geschiebe, mit all den Eiszeiten und Warmzeiten, mit dem Gefrieren und Schmelzen, mit den kalbenden Gletschern die abzogen, die dann eine grosse Furche im Boden hinterliessen, und zwei grössere Hügel und dazwischen also namentlich Zürich.  Nur hatte damals keiner einen leisen Schimmer, wo man sich tatsächlich befindet. Erst die Pfahlbauer, oder die Römer gaben dem ganzen einen Namen. Auch die haben sich damals schon versucht einen Reim daraus zu machen, was bisher geschah.
Übrigens: All unsere Gedanken, die sich in Lauten, Vibrationen und Schwingungen äussern, die werden von den Räumen aufgenommen wurde uns erzählt, die NASA, die mache da anscheinend Nachforschungen. Wie sich die Klimawandlungen im arktischen Eis speichern, wie das Wasser Informationen speichert, so speichern die Hölzer, die Mauern alles was wir von uns geben und so können wir uns irgendwann anhören, was über Jahrhunderte hinweg erzählt wurde, wie auf einem Tonband, wenn wir denn jemals genügend Zeit dafür haben sollten. Nicht die Masse an Informationen macht Geschichten und nicht das Aufzählen von Wissenswertem, sondern das Erzählen bringt etwas auf den Punkt, indem es etwas begreift und weil es etwas begreift, gibt es danach einen Begriff davon, auch wenn man ihn nicht in Worte fassen kann. Wichtig bleibt: Dem Atem der Stadt zu lauschen und kein weg gestöpseltes Dasein zu pflegen, ganz glatt und ohne Widerstände. Mit einem Plan in der Hand sollten wir hin und wieder planlos vorgehen, mit einem klaren Ziel vor Augen, die Details darum herum mit Blicken würdigen und dabei nicht laut denken während man der Wahrnehmung eine Kathedrale baut.

Jetzt bin ich etwas rätselhaft geworden und wahrscheinlich auch ein bisschen sentimental, obwohl ich das anfangs gar nicht wollte. Jetzt hab ich selbst auch gar keine Geschichte erzählt, wobei doch einiges verwoben, jedenfalls hoffe ich, dass zumindest ein Gefühl dafür entstanden ist, eine Ahnung, eine schimmernde Vorstellung von dem, was bisher geschah.

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