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Züri-Saga Teil 2: Was bisher geschah

Von Silvia Tschui 4. Januar 2016 Keine Kommentare

Folgende Elemente wurden verbraten:

existentielle Angst nackt vor dem kühlschrank
raketenbauteile aus tschetschenien
ein schickliches Begräbnis
streetparade marek krynski verdient einen gewaltsamen Tod
strassenbütschgi
rosa papierflieger

was bisher geschah…

Als Marek Krynski, Organisator der Streetparade, eines Nachts, wie so oft, nackt vor dem Kühlschrank stand und, wie so oft, gedankenverloren in diesen hineinstarrte, ohne etwas Essbares hinauszunehmen oder hineinzulegen, da sinnierte er über ein Mysterium unserer Gesellschaft nach: Sind wir nicht alle, nachts, nackt vor dem Kühlschrank, gleich? Zumindest in dieser Stadt, die sich ja eigentlich aus tausenden Städten zusammensetzt, dicht in Schichten übereinander gepappt, je nach kulturellem oder sozioökonomischen Hintergrund leicht oder gröber differenziert.

Konstituiert sich etwa eine Identität genau durch dieses nackte in den Kühlschrank starren, eine Art Überidentität, ein geheimes Ritual, welches Menschen westlicher Zivilisation in einer Art Über-Ich verbindet? Bin ich nach dem Gang zum Kühlschrank noch derselbe, wie vor dem Gang zum Kühlschrank? Und wer bin ich, wenn tausend andere ebenfalls Aufschnitt, assortiert von der Mikros im Kühlfach liegen haben, gräulichrosa und leicht neblig im Zellophan angetaut?

Angesichts des Grauens dieser nächtlichen Überlegungen erschauerte Marek Krynski. Ein durch dieses Erschauern leicht verrutschtes Brusthaar traf so unglücklicherweise auf ein Molekül eines Abfallprodukts eines tschetschenischen Raketenbauteils – welches kurz zuvor durch nicht restlos geklärte Umstände in die grün leuchtende Zeigermasse der Uhr von Krynskis Nachbarn gelangt war. Dieser, welcher wiederum des Nachts nackt vor dem Kühlschrank stehend, einen Stock höher seine Existenz kontemplierte, fuhr sich dabei durch das spärlicher werdende Haar – kurzer Einschub: wundert sich jemand über des Nachbarn spärlicher werdendes Haar? ? Immerhin handelt es sich um Marek Kryskis Nachbarn! Wer da keinen Haarausfall kriegen würde! – nun denn – der Nachbar fuhr sich durchs Haar. Besagtes Molekül dubioser Herkunft geriet durch diese Bewegung frei: Taumelte einen Stock tiefer. Traf auf Marek Kranskis Brusthaar. Verband sich mit einem DNA-Stück Krynskis. Taumelte weiter Richtung Wurstwaren. Und löste beim Aufprall mit der Kalbfleischvariante sofort die Entstehung eines Wurstlochs aus einer anderen Dimension aus.

Krynski wurde, nackt, mit aufgestelltem Brust- und Nackenhaar, schreiend in das Wurstloch gezogen und infolge einer riesigen galaktischen Verwechslung in eine Parallelexistenz geschleudert, die ihm bis anhin noch nicht einmal am Rande einer Hirnzelle bewusst war – die aber einige Parallelen mit seinem bisherigen Leben aufwies:

– Verantwortlich sein für rhythmisches, unerträgliches Gewummert? Check.
– Zürich? Check!
– Abfallproblem? Check!
– Unheilig frühe Morgenstunden? Check!
– Abgrundtiefer Hass, der einem seitens der Bevölkerung schlicht aufgrund seiner schieren Existenz entgegenschlägt? Check!

Krynski stand, frisch von einer Arbeitsuniform umhüllt, zu früher Morgenstunde an der unteren Zäune, angetan mit einem Wägelchen des Departements Entsorgung und Recycling der Stadt Zürich. Laut und rhythmisch brüllte das Wägelchen etwas, das als «Saubersaugen! Saubersaugen! verstanden werden konnte und sog soeben etwas wurstartig rosafarbenes ein, welches Krynski im letzten Aufenblick als dicht beschriebenen rosa Papierflieger identifizierte konnte.

Eine ausnehmend schöne junge Frau versuchte sich vergeblich danach zu bücken, schmolz dann aber achselzuckend vorbei in die dunklen Morgenstunden.

«Neeeein» schrie es von oben. Krinksy blickte auf. Der von Sozialphobien gebeutelte Verfasser der Zeilen auf dem Papierflieger, der sich, hinter einem Fensterladen versteckt mittels solch unkonventionellen Kommunikationsmediums seit Monaten vergeblich um die Aufmerksamkeit der Frau bemüht hatte, brüllte unzusammenhängend und bewarf Krynski mit einem Fensterladen.

Es gab einen roten Fleck. Einen grossen roten Fleck. «Saubersaugen, saubersaugen» kreischte das Wägelchen, um sogleich in Richtung Krematorium Sihlfeld zu rattern.

Fazit der Geschichte? Es gibt mehrere:

1. Seiner Existenz entflieht man auch vor dem Kühlschrank nicht wirklich.
2. Auch Marek Krynski, Organisator der Street Parade, gebührt in dieser vielschichtigen Stadt ein schickliches Begräbnis.
3. Und: Niemand weiss gopfertelli genau, was in dieses Wurstwaren drin ist. Wenn sie nicht Krebs verursachen sind sie ämel auch sonst nicht geheuer.

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