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Züri-Saga: Teil 5

Von Dana Grigorcea 16. Mai 2017 Keine Kommentare

Als Kind war ich in einem eben kindlichem Grössenwahn davon überzeugt, dass ich mittels häufiger Spaziergänge durch die Stadt immer tiefere Spuren im Stadtbild hinterlassen könnte – welcher Art diese Spuren auch immer sein würden, würde sich im Laufe meines Lebens durch noch zu erschaffende unvergessliche Werke, welcher Art auch immer, zeigen. So kam es, dass ich meine Spaziergänge mit grossem Ernst unternahm, wenn zunächst auch nur meine Strasse in Bukarest rauf und runter; wobei mich Mutter mahnte: „Bitte geh nur bis zur Ecke, damit ich dich vom Fenster aus stets sehen kann.“ Dann, mit zunehmenden Alter und aufkeimenden Unabhängigkeiten, kam ich in immer fernere Strassen, in ferne Städte und wie für mich neue Länder.

Wie wird der Mensch von seinem Ort geprägt und was braucht es an Topographien, mithin an Architekturen, Nachbarschaften, Gerüchen, Geräusch- und Beleuchtungskulissen, damit er sich an einem neuen Ort heimisch fühlen kann – das ist ein Thema, das mich in letzter Zeit ziemlich beschäftigt hat. In meinem letzten Roman, „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, habe ich eine Passage verfasst, in der sich zwei Stadtbilder überlappen: die Protagonistin wähnt sich beim Spaziergang durch die Zürcher Altstadt, vom Obergericht bis zum Bellevue, in Bukarest. Sie sagt: „Denn das habe ich so an Zürich gemocht, dass ich die Orte erkannte, an denen ich noch nie zuvor gewesen bin; es ist mein Bukarest gewesen, aber nicht das nämliche, in dem ich nur ein paar Strassen und Quartiere kannte, sondern jenes, das ich immer als ganz gewähnt hatte, mein Treppenhaus mit seiner angestauten Stille und der schweren Tür mit dem klebrigen Löwengriff, ein bestimmter Einfall des Mondlichts, das die Geometrie der Strasse aufhebt, und ein kleiner Star, der mit seinem Pfeifen Gebell nachahmen will, mitten in der Nacht, oder ein Motor, der nicht anspringen will und mit seinem Widerhall die Länge einer Strasse festlegt. Und es bedarf nur eines Geruchs, damit sich die Temperatur auf dem Weg merklich ändert, des Geruchs eines Fliederstrauchs – und dann geht es hinab in eine Gasse, in die ich wohl nicht eingebogen wäre, wäre sie nicht Teil einer in Bukarest schon begangenen Anordnung von Strassen, und ein Durchzug schiebt mich durch den langen Korridor von Mémés geteilter Wohnung, in Richtung des mit drei oder vier anderen Familien geteilten Bades, darin meine grosse Zinkwanne mit den Tatzenfüssen, in der ich um die Welt segle, an der Seite des glorreichen Kapitäns Botev.“

Bevor ich den Roman schrieb, hatte ich, schon in der Schweiz, als Filmdozentin gearbeitet und mit einem Architekturprofessor zusammen u.a. den Kurs „Raumsequenzen in Architektur und Film“ gegeben. Dabei haben wir untersucht, wie durch eine bestimmte Linienführung, Farbigkeit und das Licht neue Räume entstehen und welche Erwartungen bestimmte Räume beim Zuschauer wecken bzw. für welche Geschichten sich diese Räume dann eignen.

Sie können sich also vorstellen, dass ich mit grösstem Vergnügen jener Einladung zum Stadtgeschichten-Abend im Karl dem Grossen Folge geleistet habe! Bei dem Abend nämlich stellte sich bei mir dieser Gedanke aus der Kindheit ein, dass man durch häufige Spaziergänge an und in einem Ort Spuren hinterlässt, welcher Art auch immer – und auch das Gegenteil ist der Fall, vielleicht sogar häufiger, dass der Ort, an dem man lebt, die eigene emotionale Landschaft prägt.

Den Einstieg in den Erzählabend, nach dem Apéro und vor dem Nüsslisalat, machte die Quartierdelegierte der Stadt Zürich, Alexandra Heeb. Sie hat mit Witz von der Nacht in Zürich gesprochen, von der Nacht an sich, und wie es früher war, im Mittelalter, als man sich nach 21 Uhr nicht mehr im Freien aufzuhalten hatte – damit man nicht der Versuchung erlag, sich an nächtlichen Untaten zu beteiligen –, und wie es sich damit heute so verhält. Alexandra Heeb erzählte etwa von der ausgedehnten Sperrstunde, die, wie die Stadtpolizei mitteilt, trotz des regen Nachtlebens keinen Zuwachs bei der Kriminalität verursacht.

Als wären die Texte aufeinander abgestimmt gewesen, handelte die darauffolgende Geschichte des Autors und Soziologen Gerd Dembowski von einer wilden Nacht auf der Langstrasse, die mit einem Polizeieinsatz endete. Susanne, eine Berliner Freundin des Erzählers und wie dieser früher einmal ein Punk, besuchte den Erzähler in Zürich. Susanne pflegte einst, an den Beinen vom Dach gehalten, kopfüber Keine Macht für niemand an die Hauswände zu sprayen. Wie auch Gerd Dembowski selbst arbeitet auch der Erzähler im Text inzwischen in guter Anstellung beim Weltfussballverband FIFA, als Susanne unerwartet in Zürich auftaucht, wie ein schlechtes Gewissen, um die neue Existenz des Erzählers zu zelebrieren, mit einem Fest, das, in Erinnerung an das alte Leben, zwangsläufig ausartet. Gert Dembowskis Erzählung, mit von Hand aufgezogenem Spielzeug von ihm selbst und auch lautmalerisch unterstützt, war eine, die man unserem postmodernen Zeitgeist entsprechend nennen könnte, denn darin verschmolzen mit dem alten und dem neuen Leben auch die beiden Städte Berlin und Zürich auf eine Weise, dass die Hauptfigur am Schluss ortlos zurückbleibt – wiewohl im Zweifel, ob er wirklich das richtige Leben im richtigen lebt.

Diesen Zweifel spürte man auch bei den nächsten Rednerinnen, Barkeeperinnen beide, Anne Evard im Café Grande und Christine Walder in Lucy‘s Bar, bei den ähnlich traurigen Geschichten, die durch einen exquisiten Hauptgang getrennt wurden: Dinkelgeschnetzeltes mit Kokosmilch, Gemüse und Bio-Basmatireis für die Vegetarier und sonst ein in der Quartiergeschichte literarisch verewigter „Zürcher Ratsherrentopf mit allem, was dazugehört“. Während Anne Evard, etwas aufgeregt Gerds Susanne mit Freuds Ehefrau in Zusammenhang brachte – die ebenfalls eine starke Frau war, aber leider im falschen Zeitalter –, und dann ein Bekenntnis zum Feminismus ablegte, schilderte Christine Walder plastisch die klaustrophobische Atmosphäre in Lucy‘s Bar, eine Lokalität mit Stammtischen für die eher ältere Kundschaft.

Wie es dort aussieht, hat man sich auch noch vorstellen können, als nach dem Dessert (Hausgemachtes Quarkglacé bzw. Sorbetto) Peter Preissle, der sich im Programm als „Pornoproduzent und Niederdorf-Bewohner“ vorstellen liess, als Gast der Lucy‘s-Bar sich vorstellte und dann in seinem Text Mutmassungen äusserte, die er oft mit anderen Lucy‘s-Bar-Stammkunden anstelle: Ob es im Mittelalter wohl einen geheimen unterirdischen Gang gegeben habe, der in der Altstadt das Nonnen- und das Mönchskloster verband. Zu dem Thema habe er lange Jahre recherchiert, und er trage die selbst angefertigten Skizzen stets in einer Tasche mit sich herum.

Vor dem Dessert – mich reut noch heute, keinen Nachschlag bestellt zu haben – war der Schauspieler und Performer Johannes Dullin um einen fulminanten ersten Abschluss besorgt; er erzählte davon, was die Nacht für eine Stadt bedeuten kann.

Nach unserem Abend hatte ich, beglückt, eine nur noch flüchtige Ahnung von der ganzen Komposition, dafür den grossen Wunsch, weiter den Erzählungen der Gäste zu lauschen – und zum Glück noch meine Notizen!

 

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