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Züri-Saga Teil 4: Vorläufiges Finale

Von Kaspar Schnetzler 5. Januar 2016 Keine Kommentare

DER TRADITIONELLE ZÜRCHER RATSHERRENTOPF
Ein kulinarischer Aspekt der Züri-Saga 4

Was bisher geschah, war nicht mehr wie früher.

Zwar war es auf den ersten Blick, wie es in Zürich immer war, wenn man der Tradition folgte. Die Herren sassen oben, auf der Estrade im Karli nämlich, und redeten wie seit Jahrhunderten über die da unten – über die Punks und Hippies, zum Beispiel, die sich zu ihrer Zeit, die schon lange in die Nostalgie abgetaucht ist, eine Schlacht im Dynamo an der Limmat unten lieferten. Und über den Leiter dieses Kraftortes, wie er Frieden unter diese Menschen brachte.
Aber wie früher war es trotzdem nicht. Einer von den Zürcher Herren redete Baseldytsch, und Frauen sassen auch bei den Herren oben und redeten wie sie. Über die Frauen da unten.

Zum Beispiel:

Über das kleine Mädchen, das aus dem Aargau unten in das grosse Zürich herauf kam, um im Niederdörfli die Luft der grossen Freiheit zu schnuppern, als sie noch nicht von Döner und Thai-Food dampfte.

Über Frauen, die von Zürich in den Aargau hinab flohen, um ihr Gewerbe frei ausüben zu können, unbehelligt von schmerbäuchigen Stadtpolizisten, die im Auftrag der Zürcher Sitte den Verkehr dieser Frauen mit den Kunden regelten.

Sie redeten zeitgemäss geläufig über Zeitgenossinnen und Männer aus dem Zürich von unten an der Limmat, die in fremden Zungen redeten und Namen hatten, die früher nur aus den Märchen von „Tausendundeiner Nacht“ bekannt waren.

Nein, was in Folge 4 der ZÜRI-SAGA geschah, war – History hin oder her – nicht mehr wie früher. Als die Herren die Ratsherren von Zürich waren, die sich ihren Topf voll Fleisch leisten konnten, während sich die da unten, das Volk – unfreiwillig, nur der Not gehorchend vegetarisch – sein Essen aus dem Mushafen löffelte.

Am 22. Dezember 2015 wurde diese ständische Tradition gebrochen. Jedenfalls im Karli. Ob Herrschaften oder Volk, alle sassen nun oben auf der Estrade und alle bekamen den traditionellen Zürcher Ratsherrentopf serviert. Ein Fleischtopf, der unerschöpflich voll war von dem, was Kalb, Rind und Schwein hergaben an Filetstücken, an Innereien wie Leber und Milke, an Speck und Wurst. Ehre, wem Ehre gebührt, auch eine Kartoffel war dabei und ein Rüebli.

Allen Respekt vor den Züri-Sagas, welche die Storyteller an diesem Abend servierten, sie regten das Publikum zu langen und breiten vergnüglichen Gesprächen an.

Aber die Damen und Herren (um nicht mit Manne und Fraue daherzublochen), die Herren und Damen von der Küche und vom Service verdienten auch „endlich einmal“, wie es in Leserbriefen heisst, Erwähnung und Lob. Was sie auf ihren Tellern servierten, bereitete grösstes Vergnügen. Das war nicht bloss Vorspeise, Hauptgang und Dessert, das war Speisung für Leib und Seele, serviert mit Leib und Seele.

Nicht nur Lob will ich reden, grossen Dank will ich sagen, den die Menschen von Küche und Service sicher auch heute verdienen.

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