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Wahlbeobachter

Zürich, die gemästete Gans

Von René Scheu 13. März 2014 Keine Kommentare

Es kam, wie es kommen musste. Corine Mauch, die Kluge, ist als Stadtpräsidentin bestätigt. Filippo Leutenegger, der simpatico, hat es in den Stadtrat geschafft. Alle sind zufrieden. Alle lächeln. Alle klopfen sich auf die Schultern. Alles geht seinen Gang. Alles geht wie bisher – bis es eines Tages nicht mehr geht wie bisher.

Die Gans, die  gemästet wird, fühlt sich bekanntlich, als würde sie im Paradies leben. Jeder Tag bringt noch mehr, noch besseres Essen, noch zufriedenere Gesichter, die sie anlächeln, noch sanftere Hände, die sie streicheln – bis der Tag kommt, an dem der Metzger mit dem Beil zum grossen Schwung ausholt.

Wer ist in Zürich der Metzger? Es gibt keinen. Aber es gibt Finanzzahlen, die die Wahrheit sagen. Aber wer will schon über Zahlen reden?

Genau.

Ich war gestern in Schwamendingen unterwegs und traf zufälligerweise auf ein paar Plakate, die den Wahlkampf überlebt haben. Was bis Anfang Februar noch Sinn machte, wirkt danach geradezu surreal. Worum ging’s im Wahlkampf? Ach ja, um Velos. Um Velowege. Um begrünte Flächen.

Luxusprobleme?

Wohlstandsverwahrlosung.

Gesetzt den Fall, Zürich gerät in den nächsten zehn Jahren in eine arge finanzielle Notlage, was absehbar ist – die Historiker von 2024 könnten beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, worüber Mauch, Leutenegger & Co im Jahre 2014 geplaudert haben. Und was sich die Bürger dabei gedacht haben. Die Bürger selbst würden es nicht mehr verstehen, selbst wenn sie sich anstrengten.

Legendär ist das Wahlplakat der Grünen:

mehr Velos
+ mehr Wohnungen
+ mehr Hortplätze
+ mehr Grün
mehr Lebensgefühl

So bescheiden?

Meine persönliche Wunschliste für das Zürcher Paradies würde noch einige weitere Dinge umfassen:

mehr Gratisessen
+ mehr Gratiskino
+ mehr Gratisfussball
+ mehr Gratis-ÖV
überhaupt: mehr Gratiskultur

Die Verwaltung des Zürcher Paradieses geht weiter. Eben: bis es irgendwann nicht mehr weitergeht. Aber bis dann wollen wir mal noch richtig schön fordern & feiern!

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