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Zürich-Einsiedeln retour

Von Brigitte Federi 12. März 2015 Keine Kommentare

Neulich musste ich an meine Nachbarin denken, eine Frau Mitte siebzig. Sie und ihr etwas älterer Mann hatten sich in Zürich kennengelernt und hier auch ihre drei Kinder grossgezogen. Nachdem der Jüngste ausgezogen war, machten die beiden sich Gedanken über einen Umzug in eine kleinere Wohnung. Und stellten dabei auch den Wohnort Zürich in Frage. «Wir waren inzwischen ja auch schon ein bisschen älter, das Tempo der Stadt schien immer schneller zu werden, und wir überlegten uns, ob es nicht vielleicht Zeit wäre für etwas ganz anderes. Ein Leben auf dem Land.»

In Einsiedeln hatte es ihnen immer gut gefallen, und als sie die passende Wohnung fanden, zogen sie dorthin. Es sei dann doch sehr ungewohnt gewesen dort, vor allem auch für sie, die in Berlin aufgewachsen sei, aber sie hätten sich Zeit geben wollen mit der Angewöhnung. In Zürich seien sie trotzdem oft gewesen, ihren Freundeskreis hätten sie sich ja hier aufgebaut, auch zwei ihrer Kinder wohnten noch hier.

«Es war etwa drei Jahre nach unserem Umzug», erzählte sie mir, «wir waren einmal mehr auf dem Heimweg nach einem langen und schönen Tag in der Stadt. Einsiedeln lag vor uns, die Sicht auf die Voralpen war fantastisch, alles sehr idyllisch, aber wissen Sie, ich hatte auf jeder Rückfahrt diesen grossen Klumpen im Hals, blieb aber still, meinem Mann zuliebe. Und da drehte er sich plötzlich kurz zu mir um und sagte: ‚Du ich halte das nicht mehr aus, ich muss wieder zurück nach Zürich’, und glauben Sie mir, ich war so unendlich froh, Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Stein mir vom Herzen fiel».

Genauso wie es Menschen gibt, die sich ihren Wohnort nach ihrer aktuellen Lebenssituation aussuchen und nichts mit der ewigen Stadt- oder Landleben-Diskussion anfangen können, gibt es die Menschen, für die ein Leben lang nur die eine oder andere Variante stimmt. Wie für meine Nachbarn, die zum Glück schnell wieder eine Wohnung in der Stadt gefunden haben – weil sich diese Geschichte vor gut zehn Jahren abspielte.

Wir wissen, dass die Situation heute anders wäre. Immer wieder höre ich von Menschen, die nach einer Totalrenovation ihre Zürcher Mietwohnung verlassen und sich in der Agglomeration niederlassen müssen, und gerade bei älteren Menschen finde ich das schlimm. Nicht wegen der Agglomeration an und für sich – sondern weil sie regelrecht aus ihrem Daheim vertrieben worden sind.

Was bedeutet das für mich? Dass ich mir nur mit Wohneigentum eine Zukunft in meiner Stadt sichern kann? Und das bei Immobilienpreisen, die mir diese Option vielleicht verunmöglichen? Dass ich deshalb in einigen Jahrzehnten auch wegziehen muss?

Bleibt zu hoffen, dass die Politiker ihre Verantwortung wahrnehmen und die kantonale Wohnbauförderung korrekt umgesetzt wird. Und es schadet wohl nicht, wenn ich mir in Zukunft mal Gedanken darüber mache, wo es mir denn sonst noch gefallen könnte.

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