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Zürich vom Skilift aus betrachtet

Von Martina Bischof 4. Dezember 2013 Keine Kommentare

Wenn man sich als Stadtbewohnerin mit einer weiteren Person hoch oben auf einem Skilift auf irgendeinem Schweizer Berg befindet, hat man eventuell ein Gespräch über das Zürcher Stadtleben – um das vorab so zu nennen. Zu einem Skiliftgespräch nun also mein Gedanke.

Wir beide – wohnhaft in Zürich nämlich – unterhalten uns über Zwingli und die Zürcher. Huldrych Zwingli, mit Wurzeln im Toggenburgischen, entwickelte sich zu seiner Zeit offenbar zu einer Celebrity der besonderen Art. Wir überlegen uns also herzhaft, wo denn diese gefühlt moderat-angepassten Anteile der Zürcher Stadtbevölkerung ihre Gründe hätten gegenüber der auch gefühlten, doch inbrünstiger anmutenden Eigenwilligkeit gewisser Landoriginale.

So mag man auf den ersten Blick gern meinen, dass genau das Umgekehrte wahr wäre, dass nämlich die Zürcher gegenüber den Landbewohnern kaum zu überbieten wären an Eigenart und Individualität. Aber ehrlich gesagt, ich meine das stimmt nur bedingt:

Einem Städter oder einer Städterin wird um einiges mehr an Disziplin und Normalität abverlangt – im öffentlichen Leben beispielsweise – als einer Person, welche auf dem Land lebt. Ich denke an den Strassenverkehr – hauptsächlich denke ich zugegebenermassen an die vielen Busszettel meiner Vergangenheit, als ich noch mit meiner Vespa durch die Stadt blitzte – oder an bürokratische Aufwände auf allerlei Ämtern. Ich denke auch daran, wie oft mir mein Fahrrad schon gestohlen wurde und daran, dass ich meine Haustüre abschliesse.

Alles normale oder eben disziplinierte Dinge. Man grüsst sich selten. Ich denke an Gespräche in denen es darum ging, ob man an Bus- und Tramhaltestellen Raucherzonen einrichten müsste, oder eben wie laut man sich in einem Café unterhalten darf – und im Zug. Dabei bin ich selber übrigens ganz städtisch, wie ich finde, und sehe mich als eine Verfechterin der Haltung, dass der öffentliche Raum dezidiert geschützt werden soll vor allzuprivaten Übergriffen diverser Art – Sie wissen schon.

Des Weiteren denke ich an all die Kameras im öffentlichen Raum, Aussenbestuhlungsvorschriften von Strassencafés wie ebenso daran, dass es mehr oder weniger definierte Kreise und Szenen gibt mit ebenso mehr oder minder definiertem Habitus und ihren diversen Regelwerken. Auch der Gang zum Psychologen übrigens hilft, sich mit sich selber zurechtzufinden und ein verträglicher Mensch zu sein.

Von diesen Normalisierungstendenzen zu Gunsten (vielleicht) des Zusammenlebens, unter dem Einfluss der Öffentlichkeit und ihren Institutionen, sei der Landmensch – sagen wir tendenziell – eher verschont geblieben, so unsere Quintessenz.

Daher gibt es, so meinen wir in Einigkeit, da oben in der Bergwelt und in den Niederungen der Schweizer Täler fernab der städtischen Dichte gar nicht allzu weit von Zürich entfernt, wohl eine höhere Konzentration von Personen, die sich auf eine ganz gewisse Art, trotz aller sozialer Kontrolle, weniger scheren um ihr Image, ihre Eigenarten pflegen, weil es zu deren Behebung weder Grund noch Regel gibt, vielleicht anders sind, obendrein den Dorfpolizisten duzen, weil man sich kennt, ihre Haustüren offen stehen lassen, am Skilift hemdsärmlige Sprüche klopfen oder eben revolutionäre Ideen diskutieren.

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