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Zwischenräume und Verordnungen

Niemand bestreitet es: Die beiden Grossmünstertürme machen Zürich aus. Kaum ein Foto unserer Stadt ohne diese Silhouette; Tausende von Besuchenden, die den Turm besteigen und Zürich von oben anschauen. Und wenn dort oben die Fahnen im Wind wehen, weiss jeder und jede: Jetzt feiert Zürich sich selbst, etwa beim Sechseläuten.

So berühmt die beiden Türme sind, so bestimmend ist auch der Raum dazwischen. Für das Grossmünster sind die beiden Türme konstitutiv: zur Limmat hin der Karlstum mit dem grossen Kaiser Karl, sitzend mit Blick auf die Limmat und zum Fraumünster. Zum Zürichberg hin der andere Turm mit seinem Klang tonnenschwerer Glocken, der die Stadt am Wochenende einhüllt.

Und dazwischen – nichts, Luft, leerer Raum. Kaum beachtet, möchte man meinen. Ich wurde aber eines Besseren belehrt. Schon bald nach Antritt meiner Pfarrstelle: helle Aufregung. Ein Künstler hatte sich als Fotograf der Stadt ausgegeben und bat um Einlass zum Glockenturm, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist; seinen Kollegen würde er auch mitnehmen. So stiegen die beiden hoch, befestigten ein Seil zwischen den Türmen. Und so geschah es innert kürzester Zeit, dass der Künstler auf dem Seil im berühmtesten Zwischenraum der Stadt hin und her balancierte. Die Aufnahmen wurden publiziert und ins Netz gestellt; sie dienten der Werbung für eine Veranstaltung.

Diese Aktion im Zwischenraum nötigte uns Kirchenverantwortliche zu Verordnungen. Denn es war und ist ja nicht nur dieser Künstler. Anfragen treffen regelmässig ein: Der SAC wollte einen bekannten Bergsteiger im Raum zwischen den Türmen abseilen, ausgerüstet mit einem Transparent gegen die Klimaerwärmung. Und immer wieder höre ich von der Idee, dass ein Kleinflugzeug zwischen den beiden Türmen hindurch fliegen soll…

Wir legten Folgendes fest: Die Türme sind keine Plakatsäulen. Der Zwischenraum darf nicht von Einzelnen oder Gruppen für ihre Anliegen missbraucht werden. Denn er gehört allen. Dieser luftige Zwischenraum steht nämlich für all die anderen, eher erdverbundenen Zwischenräume der Stadt.

Es sind diese urbanen Allmenden mitten in der Stadt, wo die Menschen sich zwischen Arbeit und Freizeit treffen, miteinander reden und Kraft tanken. Ich empfinde es als sehr spannend, den Raum zwischen Freiheit und Verordnungen immer neu abzustecken. Ein stetiger Prozess.

Übrigens: Warum wagen es nur Kinder, von einem Turm zum anderen zu schreien und zu singen? Nichts ist doch naheliegender als die Nutzung dieses Zwischenraums als Klang- und Spielraum.

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