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Zwischenstopp: Anonymität

Von Brigitte Federi 27. März 2014 Keine Kommentare

Anders als bei Florina gibt es bei mir keinen bestimmten Moment, der in mir ein Gefühl des Ankommens in Zürich ausgelöst hat. Es war vielmehr so, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben merkte, dass Zürich der Ort sein könnte, an dem ich würde ankommen wollen.

Um irgendwo ankommen zu können, hatte ich beschlossen, müsste ich in der Anonymität verschwinden können. Nicht weil ich etwas ausgefressen hatte und untertauchen musste, der tatsächliche Grund war weniger spektakulär. Mein Aufwachsen in einer (gar nicht so kleinen) Gemeinde unweit von Zürich hatte sich in meiner Teenagerzeit einengend angefühlt. Ich hatte grosse Mühe damit gehabt, jeden Tag zur selben Zeit denselben Menschen an denselben Orten zu begegnen. Und ich hatte so oft wie möglich Verkehrsmittel, Wege und Zeiten gewechselt, um diesen ewig gleichen Begegnungen auszuweichen.

Dann zog ich nach Zürich, eher zufällig nach Wiedikon, wo ich auch heute wieder wohne. Und alles war so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Immerzu waren da neue, fremde, vor allem aber auch viele und verschiedenartigste Menschen. Und niemanden interessierte, was ich so tat. Letzteres passte mir nach ein, zwei Jahren dann doch nicht mehr und ich war froh, dass meine alten Freunde nicht weit weg waren und ich in Zürich bereits erste neue Freundschaften geschlossen hatte.

Es dauerte aber nicht lange, bis ich realisierte, dass ich auch in Zürich immer wieder denselben Menschen begegne. Mir fielen die Menschen auf, die regelmässig aus der Masse herausstachen. Das war zu dieser Zeit der Rollerblades fahrende langhaarige Typ mit immer nacktem Oberkörper. Oder der junge Mann, der morgens mit dem Tram zum Stauffacher fuhr und dort Kung Fu übte. Abends sang da dann ein kleiner Italiener italienische Schmachtfetzen in ein unsichtbares Mikrophon. Ich taufte ihn heimlich Caruso. Hier in Zürich störten mich diese regelmässigen Begegnungen nicht, vermittelten mir diese Menschen in ihrer Andersartigkeit doch genau das, was ich in meiner alten Heimat vermisst hatte.

Inzwischen sind 15 Jahre Zürcher Stadtleben vergangen, wie eingangs erwähnt lebe ich seit einiger Zeit wieder in dem Kreis, in dem alles begann. In Zürich angekommen bin ich längst, und zum Glück auch in meinem Quartier. Der Besitzer des Quartierlädelis begrüsst mich mit Namen, verkauft meinem Chindzgibueb vor dem Mittagessen keine Süssigkeiten und weiss immer Interessantes aus der Nachbarschaft zu erzählen. In der Lieblingsbeiz durften wir auch schon anschreiben, als der nächstgelegene Bancomat defekt war. Ich kenne viele meiner Nachbarn persönlich, kann mich auf ihre Hilfe verlassen und ihnen meine auch anbieten.

Wer sich in Zürich auf seine nähere Umgebung einlässt, kann Vieles von dem haben, was er in der typischen Grossstadt-Anonymität vermissen mag. Im Gegenzug kann natürlich passieren, dass man am Montagmorgen an der Tramhaltestelle steht und jemand zu einem sagt: «Ihr seid gestern Abend spät nach Hause gekommen, Dein Sohn ist bestimmt müde heute.» Aber ganz ehrlich: Das ist mir mein Quartierleben wert – und sollte mir ein solcher Spruch für einmal doch zu viel sein, bin ich drei, vier Strassenzüge weiter ja schon wieder ganz anonym unterwegs.

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