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Winterreden 2019: Laura de Weck

Von Laura de Weck 21. Januar 2019 2 Kommentare

Guten Abend!

Wie schön, dass Sie da sind, trotz Kälte. Und damit Sie nicht lange frieren, fange ich direkt an, und zwar mit einer persönlichen Geschichte:

Vor über zehn Jahren bin ich nach Deutschland gezogen, nach Hamburg. An einem der ersten regnerischen Winter in Hamburg rief mich eine Freundin komplett verheult an, sie weinte bitterlich am Telefon. Sie weinte und weinte: Ihr Freund sei grausam, er sei ein fürchterliches Arschloch, ich solle bitte sofort zu ihr kommen.

Da ich wusste, dass meine Freundin hochschwanger war, schmiss ich mich sofort aufs Fahrrad, fuhr durch den Regen, durch die Stadt, und dachte: Oh Gott, was hat ihr Mann bloss gemacht? Hat er sie betrogen? Oder sogar verlassen? Oder noch viel Schlimmeres?

Als ich bei ihr ankam, rannte ich – klitschnass, wie ich war – die Treppen hoch, sie öffnete die Tür, und ich fragte: Was? Was ist passiert? Was hat er getan?

Sie aber sagte, mit Tränen in den Augen: Mein Mann hat sich entschieden, nur zwei Monate Elternurlaub zu nehmen.

Und ich dachte: Was?
Deswegen bin ich durch den Regen gefahren?
In der Schweiz würde jede Frau ihren Mann abküssen, der sich für zwei Monate Elternurlaub entscheidet!
Deswegen bin ich jetzt hierhergeeilt?

Aber – sehr schweizerisch und recht höflich, wie ich bin – sagte ich nichts dergleichen und tröstete sie, und gab ihr Recht, und sagte, das sei nun wirklich sehr gemein von ihrem Mann.

Doch als ich durch Wind und Wetter wieder nach Hause fuhr, dachte ich:
Sag mal, spinnt die eigentlich?
Ist es die Schwangerschaft, sind es die Hormone?
Sie macht aus einer Mücke einen Elefanten.
Ist doch super, dass ihr Freund sich zwei Monate Zeit nimmt!
Warum eigentlich will sie jetzt mehr und mehr und noch mehr?
Ist es denn nie genug?
Diese ständigen Forderungen!
Warum ist sie nicht einfach glücklich und zufrieden?
Sie kann doch froh sein, dass sie das hat, was sie hat.
Sind es die Hormone?

Ja, so dachte ich – damals.

Und dann, zwei Jahre später, war ich selber schwanger.

Und da sass ich eines Abends mit meinem Freund am Küchentisch und fragte ihn:

Ich: Du? Was meinsch, wie lang wetsch ächt du Eltereziit näh, wenn dä Chli uf dä Welt isch? (Man darf in Deutschland bis zu 14 Monaten Elternurlaub unter Frau und Mann aufteilen.)
Er: Ja, weisch, es isch ebe gar nöd so eifach. Ich würd au gern meh näh, aber weisch, i mim Job isch das ebe schwierig. D’Arbeit mues ja gmacht wärde, ob ich jetzt es Chind han oder nöd. Ich chan mini Lüt dänn nöd eifach allei lah, weisch, diä chönd ebe nöd eso guet uf mich verzichte, dä ganz Ladä mues ja laufe usw. usf. Und drum han ich halt entschiedä, ich nimm zwei Mönat, meh liit eifach nöd drin.

Und ich? Ich war… ich war wirklich ernsthaft traurig, und wütend. Erst jetzt, wo ich so dastand mit meinem dicken Bauch, und mir Überlegungen um die Zukunft machte (Welche Jobs kann ich annehmen? Welche muss ich absagen?), konnte ich es erfassen. Ich fühlte mich unendlich ungerecht behandelt:

Ich soll jetzt nach der Geburt monatelang, vermutlich jahrelang meine Arbeit extrem runterfahren, meine ganze Lebensstruktur ändern, umorganisieren, weil ich eine Frau bin. Und er? Er macht läppische zwei Monate frei, um danach so weiter zu arbeiten, als wäre nichts geschehen?
Als würde man sich nicht gemeinsam, zu zweit für ein Kind entscheiden? Als sei ein Baby kein Mensch, der 24 Stunden pro Tag Betreuung, Fürsorge und Liebe braucht.

Ich bin natürlich sofort zu meiner Freundin, hab ihr vorgeheult. Sie hat mich getröstet.
Jedenfalls haben ich und mein Freund – der eigentlich Feminist ist – noch viel und laut darüber gestritten.

Aber wenn ich in der Schweiz war und mit Schweizer Freunden und Freundinnen gesprochen habe, habe ich dann nur stolz erzählt:

Min Fründ macht zwei Mönät Vaterschaftsurlaub!
Und alle: Nei? Was? Würkli? Krass, isch ja voll cool!
Und ich: Tja, ich han halt en super Typ.

Ich habe mich nicht getraut, meinen Schweizer Freunden und Freundinnen zu erzählen, dass ich wütend war, dass ich das ungerecht fand, dass ich mich benachteiligt fühlte. Warum habe ich mich nicht getraut?
Vielleicht, weil ich – sehr schweizerisch und recht höflich, wie ich bin – meine Freundinnen nicht verletzten wollte, deren Männer sich kaum frei nehmen können für ihre Säuglinge.
Vielleicht, weil ich die Männer nicht brüskieren wollte, die berechtigte Ängste haben, ihre Arbeit zu verlieren, sollten sie länger wegbleiben.
Doch wenn ich ehrlich bin, dann war das nicht der Grund. Ich wollte nicht höflich sein.
Ich habe mich nicht getraut, von meiner Wut zu erzählen, weil ich befürchtete, die Leute würden dann das Gleiche denken, was ich damals von meiner Freundin gedacht hatte:

Sag mal, spinnt die eigentlich?
Ist es die Schwangerschaft, sind es die Hormone?
Diese ständigen Forderungen?
Warum ist sie nicht einfach glücklich und zufrieden?
Andere würden sich über zwei Monate freuen, und die heult da rum?
Können die Frauen und überhaupt diese Feministinnen, können die eigentlich nie genug kriegen?
Sind diese Gleichstellungswahnsinnigen jetzt gierig und süchtig geworden nach mehr Macht, nach mehr Anerkennung, mehr Unterstützung, mehr Aufmerksamkeit?
Würde man in der Schweiz zwei Monate Vaterschaftsurlaub einführen, dann würden die vermutlich gleich zwei Jahre verlangen!
Gibt man ihnen den kleinen Finger, nehmen sie gleich die ganze Hand!
Wie die Verrückten verlangen diese fanatischen Aktivisten immer mehr und mehr und noch mehr.
Sag mal, sind es die Hormone?

Genau davor hatte ich Angst: dass Menschen das von mir denken.

Wie Sie sehen, habe ich heute keine Angst mehr, den Menschen – auch den Schweizern und Schweizerinnen – zu sagen, dass ich wütend bin, weil ich mich benachteiligt fühle, insbesondere in der Schweiz. Und diese Benachteiligung ist nicht gefühlt, sie ist im Gesetz.

Ich habe keine Angst mehr, weil ich gemerkt habe, wie schnell Denkmuster, die ich selbst noch vor zehn Jahren hatte, sich wandeln. Und überhaupt wie schnell sich das Rollenverständnis in einer Gesellschaft ändern kann, wenn der Elternurlaub eingeführt wird. Wie zum Beispiel in Deutschland, in Dänemark usw.

Es kann in so kurzer Zeit im gesellschaftlichem Denken so viel passieren. Und das gibt Hoffnung. Aber der Konsens einer Gesellschaft über Mutterbilder und Vaterbilder ist, davon bin ich überzeugt – leider von den Gesetzen der Politik abhängig. Schweizer Männer werden sich nie drei bis vier Monate Elternzeit nehmen, wie es in vielen Ländern schon selbstverständlich gelebt wird, bis ihnen das Gesetz diese Möglichkeit auftut und sie einlädt, Zeit mit ihren kleinen Kindern zu verbringen.

Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Vaterschaftsurlaub, über den wir dieses Jahr abstimmen werden, nicht immer mehr und mehr und noch mehr verlangen – es sind nicht die Hormone! Wir verlangen nicht immer mehr, wir verlangen nur gleich viel. Gleich viel, damit Mensch und Mensch hier gleichberechtigt sind. Und das ist keine Zumutung.

Aber ich bin nicht nur aus Selbstzweck oder aus Gründen der Gleichstellung dafür, dass Vätern ermöglicht wird, viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.
Es gibt noch einen weiteren, viel wichtigeren Grund, warum ich überzeugt bin, dass fürsorgliche Väter, die sich Zeit nehmen, dringend notwendig sind:

Wir haben auf der ganzen Welt dieses riesige Problem mit gewaltbereiten Männern. (Natürlich gibt es auch gewaltbereite Frauen, aber sie machen tatsächlich einen sehr kleinen Prozentsatz aus.)

Gewalt ist einer der grössten Probleme der Menschheit. Seit Jahrtausenden kriegen wir diese grässliche, vernichtende, verdammte Gewalt nicht in den Griff. Und man tut ein bisschen so, als sei Gewalt ein Naturphänomen. Es ist halt so. Als könne man nichts dagegen tun. Es ist halt so, dass einige Männer manchmal ausflippen, und dann müssen sie jemanden verprügeln, oder mit einer Knarre rumschiessen oder einen Krieg anzetteln. Das ist nun mal so, das steckt in einigen Männern einfach drin. Das ist das Testosteron, da kann man nix gegen machen. Das sind die Hormone!

Aber ich bin sicher, dass man etwas gegen Gewalt tun kann.

Denn Gewaltbereitschaft, das weiss jedes Kind, fängt im Kindesalter an. Und da fehlen die Männer schmerzlich. Sie fehlen als Väter bei ihren Säuglingen, als Erzieher in den Kindergärten, als Lehrer in den Primarschulen.

Ich will die Männer nicht verdammen und ihnen die Schuld an der Gewalt auf der Welt geben. Nein, ganz im Gegenteil, ich will alle Männer um Hilfe bitten.
Weil: Wir Frauen, wir schaffen das nicht allein. Wir schaffen das nicht allein als Mütter, als Grossmütter, als Tanten und Patentanten, als Erzieherinnen, als Lehrerinnen. Wir können dieses riesige Gewaltproblem nicht ohne Männer lösen.

Und zum Glück ändert sich gerade sehr viel: Väter und insbesondere auch Grossväter nehmen sich deutlich mehr Zeit für ihre Kinder und Kindes-Kinder als die vorherigen Generationen. Auch in den Krippen und Kitas entdeckt man immer wieder einen Mann. Und das möchte ich mit aller Kraft weiter unterstützen, denn:

Es gibt so viele Studien (Ich habe eine ganze Liste gesammelt vom Wissenschaftszentrum Berlin bis zu Untersuchungen in Gefängnissen im Libanon), und aus all diesen Studien und Gesprächen mit Gewalttätern, Djihadisten und Amokläufern, geht hervor, dass sich Lebensläufe von Gewalttätern zwar komplett unterscheiden (Die einen sind reich, die anderen arm / Die einen sind gescheit, die anderen dumm / Die einen sind mächtig, die anderen ohnmächtig / Die einen sind gebildet, die anderen ungebildet), aber eine Gemeinsamkeit, die in vielen Untersuchungen über gewaltbereite Männer auftaucht, ist auffällig:
Tätern fehlt oft ein starkes, männliches Vorbild.
Es ist erwiesen, dass es sich auf die Psyche und Aggressivität, insbesondere der Söhne auswirkt, wenn die Väter abwesend oder gewalttätig sind. (Auch das wurde in allen Studien erwähnt: Mädels haben weniger Probleme als Jungs, wenn die Väter fehlen.)

Und natürlich wird nicht jeder Bub, der ohne Vater aufwächst aggressiv. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, ob es nicht ein erster Schritt zur allgemeinen Gewaltprävention wäre, wenn deutlich mehr Männer sich in die Erziehung, in Kindergärten und in Primarschulen einbringen. Und von Anfang an, vom Säuglingsalter an, ihren Kids vermitteln: «Ich bin da. Ich bin für dich da, Baby. Ich bin da, um dir zu helfen durch diese verdammt komplizierte, ungerechte und manchmal wütend machende Welt durchzukommen!».

Und dieser kanzel-ähnliche Erker, in dem ich hier stehe, hat mich dazu inspiriert meine Rede jetzt mit einer kleinen Litanei, einem kleinen «Vater unser» abzuschliessen:

Liebe Väter, ich bitte Euch,
helft uns, unseren Kindern Selbstvertrauen zu geben.
Liebe Väter, ich bitte Euch,
helft uns, zu vermitteln, dass es nicht cool ist, kein Mitleid zu empfinden.
Liebe Väter, wir bitten Euch,
helft uns, dass Gewalt nicht zu Anerkennung führt.
Liebe Väter, wir bitten Euch,
helft uns, gegen Typen zu kämpfen, die im Internet Gewalt propagieren.
Helft uns,
dass Männer weniger damit beschäftigt sind, Macht zu erlangen, sondern mehr damit beschäftigt sind, mit ihren Söhnen zu rangeln.
Liebe Väter, wir bitten Euch,
helft uns,
unseren Kindern ein Vorbild zu sein.
Helft uns,
ihnen Identität zu geben.
Helft uns,
dass radikale Internet-Plattformen für Kinder nicht zur Familie und zu den Freunden werden, die sie nie hatten.
Liebe Väter, wir bitten Euch,
helft uns,
während der Pubertät für Eure Kinder da zu sein, um anderen Männern, anderen Ideologien und anderen Phantasien den Raum zu rauben.
Liebe Väter, wir bitten Euch,
helft uns, unseren Kindern Phantasie zu vermitteln, was mit Muskeln, Kraft und Wut sonst noch alles zu erschaffen wäre, ausser Gewalt.

Liebe Jungs, ich bitte Euch,
verbringt Zeit mit Euren Jungs!

Der Vaterschaftsurlaub ist der Anfang dazu.

Vielen Dank und Amen!

Laura de Weck ist Autorin.

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2 Kommentare

  • parmoir

    Thank you for this post. Its very inspiring.

  • Gaby Ullrich

    Liebe Laura de Weck
    Sehr inspirierend, ehrlich, berührend und politisch! Tolle Winterrede und sehr kreativer Abschluss! Danke schön und Kompliment

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