Menu

Winterreden 2019: Anna Rosenwasser

Von Anna Rosenwasser 21. Januar 2019 Keine Kommentare

Stell dir vor, du stehst in einem altehrwürdigen Erker, mitten in der Zürcher Innenstadt, und vor dir, ja unter dir, stehen Dutzende von Menschen und gucken hoch. Hören zu. Du siehst auf sie runter. Wenn du ironisch bist, machst du dich über dieses dramaturgische Machtgefälle lustig. Wenn du nicht ironisch bist, findest du es recht befremdend.

Und es sind so viele! Du siehst deine engsten Freundinnen und Dutzende Fremde, dazwischen einen Typen, den du nur von Facebook kennst, deine Knutscherei der letzten Gayparty und dein Mami. Dein Mami.

Stell dir vor, du stündest in diesem Erker. Was würdest du erzählen?

Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, wo du alles sagen kannst, was du schon immer mal verkünden wolltest. Nicht das, was man abstimmen soll. Nicht das, was man dich in Interviews fragt. Sondern das, was dir wirklich am Herzen liegt. Stell dir vor, dass jahrelang niemand checkt, wie heiss Leonardo DiCaprio in den Neunzigern ausgesehen hat, und dann stehst du in einem Erker und rufst mitten in die Zürcher Altstadt:

DE LEONARDO DICAPRIO IDE NÜNZGER ISCH SO HEISS GSI!

Was wäre, wenn du seit Jahren denkst, dass dunkle Langhaarkatzen wie Gewitterwolken aussehen, und du sagst deinen Mitmenschen: Dunkle Langhaarkatzen sehen aus wie Gewitterwolken. Und deine Mitmenschen nur so: Njä. Und dann stehst du in einem Erker an einem random Tag und schreist einfach so irgendwelchen Fremden ins Gesicht:

DUNKLI LANGHAARCHATZE GSEHND US WIE GWITTERWÜLCHLI! GWITTERWÜLCHLI! DASCH MEGA HERZIG!

Weil: Das ist ein megaherziger Vergleich. Der ist wirklich mega, mega gut. Und du wolltest das wirklich, wirklich mal loswerden.

Aber vermutlich haben die mich nicht hier raufgeholt, damit ich von Leonardo DiCaprio und anderen Büsis schwärmen kann. Meine Visage wird nicht extra auf einem Flyer illustriert, damit ich jetzt Ananas auf Pizza propagieren kann, nur, weil ausnahmsweise niemand widersprechen kann, weil sie dann von unten rauf «nei isch imfall grusig!» rufen müssten. Ananas gehört auf die Pizza. Nei, isch mega fein. Und das Krasse daran ist, ich kann dir jetzt einfach widersprechen und hab ein kleines bisschen mehr recht, weil ich hier oben bin und du da unten.

Dieses Machtgefälle ist irgendwie komisch. Dass ich jetzt hier oben stehe, als hätte ich mehr Recht als ihr. Stimmt ja nicht. Ich habe nicht immer mehr Recht. Ich glaube zum Beispiel bis heute, dass es eine völlig unnötige Erfindung ist, ein Schaumbad zu nehmen. Ich finde das Buch «Per Anhalter durch die Galaxis» nicht lustig. Und ich wünsche mir, dass im Ausgang weniger Queen laufen sollte und viel mehr Taylor Swift. Viele von euch geben mir da nicht Recht. Das ist auch gut so. Drum bin ich nicht als Musikexpertin, Badewannen-Fachfrau oder Buchverkäuferin hier oben.

Ich bin hier, weil ich mega, mega gay bin.

Und das mega, mega gerne.

Das ist sogar mein Job, ich bin Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz. Quasi eine Berufslesbe.

Ich bin also hier oben, weil ich ultrafest auf Frauen stehe, gleichzeitig selbst eine Frau bin und die ganze Zeit darüber reden muss. Reden will. Reden kann.

Und dann alle immer so: «Jaa Frä Rosewasser, mer händs scho lang checkt, du findsch Fraue heiss, I don’t fucking care!» und ja, eh, cool für dich, dass du so offen bist und dir das egal ist, aber genau darum geht es: Es ist nicht egal.

Easygoing Gleichgültigkeit ist nicht das, was wir im Moment brauchen. Es ist vielleicht das Ziel. Aber es ist nicht der Weg.

Ich bin hier oben, weil ich mega fest auf Frauen stehe, und weil das noch immer ein Grund ist, mich in einen Erker zu stellen.

Weil jetzt viele Menschen denken: «Luschtig, hetti irgendwie voll nöd dänkt, sie gseht mega nöd wiene Lesbe us.» Und andere: «Ja moll, wäni sie so alueg, irgendwie gseht sie schona gay us, so mit de churze Haar.»

Viel wichtiger aber: Eine spezifische Art von Mensch hier im Publikum denkt: «Fuck, ändlich seits mal öpper. Sie isch chli wie ich.» Diese Menschen sind queer. Queer ist so eine Art Über-Wort für alle identitäten, die nicht der Geschlechternorm entsprechen. Schwule Männer, lesbische Frauen, trans Personen – und Identitäten, von denen die meisten Leute noch nie was gehört haben. Intergeschlechtliche Menschen. Pansexuelle Menschen. Asexuelle Menschen. Nicht-binäre Menschen. Und bisexuelle Menschen wie mich, von denen man zwar schonmal gehört hat, an die man aber irgendwie nicht so recht glaubt. Es gibt diesen traurigen Witz, der geht so: Was ist der Unterschied zwischen Bisexuellen und Einhörnern? – Einhörner kommen in Filmen und Büchern vor.

Das Spannende an all diesen queeren Menschen ist: Es gibt viel, viel mehr von ihnen, als wir alle denken. Jedes einzelne Mal, wenn ich an der Pride Zürich bin, also an der Demonstration für die Rechte von uns Queers, jedes Mal bin ich so unter den über 20 000 Leuten, guck mich stundenlang um denke: «Was?! Eh nöd? Ihr sind eeeeh nöd all gay? Aber ihr gsehnd ja voll nöd lesbisch us? Und vu dem hetti niiiie dänkt daser uf Mane staht? What the fuck? What the fuck?»

Dieses Gefühl ist schön. Es zeigt mir: Ich bin Teil eines grossen Ganzen, ein Ganzes, das viel grösser ist, als wir denken. Aber das Gefühl zeigt uns auch: In unserem Alltag ist andauernd alles immer hetero. Wir haben quasi 364 Tage im Jahr Straight Pride. Jede Parfümwerbung ist hetero. Jeder Smalltalk am Familientreffen ist hetero. Unsere Schulbücher sind hetero, Frauenmagazine sind hetero und unsere Ehe ist ebenfalls hetero. Die Medien sind auch übertrieben hetero, und sind sie’s mal nicht, sind sie schwul. Ginge es nach den Zeitungen, ist alles schwul: Die Ehe für alle, das Diskriminierungsgesetz… sogar die LOS, also die Lesbenorganisation Schweiz, wurde letztens von 20 Minuten als Lesben- und Schwulenorganisation bezeichnet. Auf dieser Welt hat alles eine Hetero-Maske an, und wenn wir die hetero-Maske mal abnehmen, kommt darunter eine Schwulen-Maske hervor. Wenn es mal um Homos geht, gehts irgendwie plötzlich nur noch um Männer. Gruess vum Patriarchat.

Wenn wir dann mal an der Bushaltestelle eine Frau sehen, die kurze Haare hat und Männerkleider trägt und mega tätowiert ist, denken wir: «Aaaaaha. E Lesbe.» Und wenn wir im Theater mal zwei Männer sehen, die sich an der Hand halten, denken wir «n’aaaw, es Schwuuulepäääärli!», und dann denken wir, das sind sie jetzt, die Homos. Was wir dabei alle vergessen, ich imfall au, ist: Das ist nur ein verdammter Bruchteil. Woher willst du wissen, ob der Verkäufer beim Brezelkönig nicht mal einen weiblichen Vornamen hatte und ein stolzer Transmann ist? Wie weisst du, ob die wunderschöne Frau, die du in der Vorlesung anhimmelst, die Mittagspause nicht mit ihren zwei Partnerinnen verbringt? Woher weisst du, ob dein bärtiger Lehrmeister sich wirklich als Mann identifiziert? Und bist du dir sicher, dass dein Mami immer nur Männer gedatet hat? Wirklich sicher? Mami?

Und genau das ist viel, viel wichtiger, als die meisten Menschen glauben: Uns gibt es, und wir sind mega viele. 10% aller Menschen sind queer, sagen Studien. Klar, wie willst du das rausfinden, kannst ja nicht einfach zu Leuten hingehen und fragen «hoi bisch gay?». Aber ich glaube: 10% sind das Mindeste. Höchstwahrscheinlich sind es noch viel mehr. Mindestens die Hälfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass du jetzt gerade neben einer Lesbe stehst, ist sehr hoch. Aber vielleicht ist das eine Sondersituation.

Wir Queers – und vor allem wir queeren Frauen – haben also eine Art Problem: Wir sind unsichtbar. Ich mein, in der Schweiz gibt es mehr Queers als Bauern! Bauern! Von denen wissen wir, dass es sie gibt! Bauern kommen in Märchen vor und im Unterricht und in den Medien, die meisten von uns kennen den Bauern aus dem Dorf. Beim Znacht sagen deine Eltern vielleicht «Jaja de Häberli hät sin Hof guet im Griff!» Stell dir mal vor, deine Eltern würden beim Abendessen so locker über Queers reden, wie sie über Bauern reden. «Jaja, de Reto hät gester wieder mal ganz en Herzige mit heimegno usem Usgang!» oder «Jaja, geschter im Frohsinn hani de Lesbestammtisch gseh. Dasch scho rächt. Gay rights! Gay rights!»

Ich wünschte, ich müsste das nicht sagen, aber: Queerfreundliche Eltern sind noch immer die Ausnahme statt die Regel. In Schaffhausen, wo ich aufgewachsen bin, leite ich einen Jugendtreff für Queers. Und einmal kam mein Mami – mein Mami! – vorbei, um Guetzli zu bringen. In den queeren Treff ihrer Tochter. So sieht ein unterstützendes Mami aus.

Aber queerfreundlich wird man nicht nur, wenn man zufällig die Mutter einer Beruflesbe ist. Eine Freundin hat mir letztens folgende Geschichte erzählt:

Sie ist Lehrerin auf Primarstufe. Ein Kind kam zu ihr und outete sich als trans: Bisher hatte es in der Rolle eines Jungen gelebt, aber jetzt weiss sie, dass sie ein Mädchen ist.

Die Lehrerin erklärte das also der Klasse: Eure Mitschülerin hat jetzt einen neuen Namen, sie ist ein Mädchen.

Dann wartete sie ab.

Etwas nervös.

Wie würden die Kinder reagieren? Verstehen die sowas? Ist das zu viel Info – oder zu wenig?

Eine Kinderhand schnellt hoch.

„Ja?“ – „Isch das jetzt enart en Geburtstag?“

Die Lehrerin überlegt. „Ja. Das ist enart en Geburtstag.“

Stille. – Eine zweite Kinderhand.

„Ja?“ – „Wänn das en Geburtstag isch… dörfemer dänn Happy Birthday singe?”

„…ja.“

Und dann sangen die Kinder Happy Birthday.

Kinder kommen nicht einfach queerfeindlich zur Welt. Sie werden queerfeindlich gemacht. Unser Problem sind alle Menschen ausser die Kinder. Ich will, dass sämtliche Generationen in Feierlaune sind, wenn eine Person sich als lesbisch oder bi oder trans outet!

Klar, trans, bi, lesbisch, das sind alles mega verschiedene Identitäten, aber uns verbindet eine harte Tatsache: Die gesellschaftlichen Vorstellungen, was ein Mann ist und was eine Frau, sind total veraltet. Eine Frau hat gepflegte lange Haare, aber sonst sie glatt wie ein Aal. Sie ist hübsch geschminkt – aber es darf nicht zu tussig aussehen. Sie muss einen Bombenkörper haben – aber wehe, sie fühlt sich wohl darin! Sie soll sexy sein – aber wenn sie Sex liebt, ist sie eine Schlampe. Und: Im Ausgang darf sie vielleicht mal mit Frauen knutschen, weil das ist heiss. Aber gevögelt wird noch immer hetero. Gruess vum Patriarchat.

Manchmal frage ich mich, ob ich hier oben stünde, wenn ich 50 wäre und weniger herzig.

Wir haben 2019, und ich kann meine Freundin nicht heiraten. Wir haben 2019, und in Zürich sind genderneutrale Toiletten verboten. Wir haben 2019, und keine einzige Parlamentarierin fühlt sich sicher genug, um sich zu outen. Wir haben 2019, und noch immer wachsen Queers mit dem Gefühl auf, dass sie ganz alleine sind mit ihrem Begehren, ihrer Identität, ihrer Liebe. Glaubt mir, ich hasse den folgenden Satz, aber er ist so schlimm, dass ich ihn direkt in Zürichs Herz rammen will: Jugendliche Queers in der Schweiz haben eine fünfmal höhere Suizidalitätsrate als alle anderen. Weil sie sich alleine fühlen. Weil die ganze Welt so tut, als seien alle hetero.

Als wir den queeren Jugendtreff in Schaffhausen gegründet haben, haben uns vier Teenager, ein Junge und drei Mädchen, beim zweiten Mal schon eine Karte vorbeigebracht. Vorne war ein klassisches, herziges Selfie zu sehen, auf dem sie in die Kamera strahlen. Hintendrauf schrieben sie: Danke, dass wir uns kennengelernt haben. Danke, dass wir nicht mehr so allein sind.

Solange mir Jugendliche noch danke sagen dafür, dass sie sich nicht mehr alleine fühlen, nur weil sie anders lieben als die Norm, so lange müssen wir dafür kämpfen, dass es besser wird. Solange kann es uns nicht einfach egal sein, wer wen liebt. «Isch mir doch egal mit wem du is Bett gasch!» ist eben nicht genug in einer Welt, in dem wir nicht mal daran denken dürfen, jemanden des gleichen Geschlechts attraktiv zu finden. Wenn Worte wie Kampflesbe und Schwuchtel zu den häufigsten Schimpfwörtern gehören – wie sollen sich Kampflesben und Schwuchteln dann nicht alleine fühlen?!

Unter diesen Umständen ist es revolutionär, uns selbst zu sein. Es ist politisch, wenn wir uns lieben, uns selbst und andere. Es ist eine Revolution, wenn wir uns Komplimente machen und rumknutschen und uns feiern. Wenn wir uns stolz als Lesben, als Queer, als mega schwuchtelige Tunten bezeichnen, denn die Welt liegt falsch: Das ist keine Beleidigung. Das ist eine Auszeichnung.

Aber Büsis, ich bin hier nicht nur zum Spass. Das hier ist mein Job. Als Geschäftsführerin der LOS unterstütze ich alle lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen: Wir veranstalten Treffs, wir sorgen für Medienpräsenz und hängen im Bundeshaus rum, wo wir uns darüber aufregen, wie wenig Frauen wir dort antreffen. Wir Frauen sind die Hälfte der gesamten Schweizer Bevölkerung, aber im Ständerat sind nur 15% Frauen drin. Im Nationalrat sind es 32%. Also ebenfalls viel zu wenig. Gruess vum Patriarchat.

In Bern wird ausserdem gerade mal wieder mega klar, wieso es die LOS braucht. Endlich diskutiert das Parlament, ob wir nicht doch die Ehe für alle einführen wollen. Aber gleichzeitig sagen sie sich: Weischwas, Heiri, isch glaub eifacher, wänn mer Frauetheme uslönd. Das Parlament diskutiert über die Ehe für alle, aber ohne Zugang zu Samenspenden. Und genau diese Samenspenden sind halt eben vor allem für Frauenpaare wichtig. Wenn Hetero-Paare auf biologischem Weg kein Baby zeugen können, dann haben sie, statt dem Bio-Goof, Zugang zu Samenspenden. Legal und sicher. Dieses Recht ist fester Teil der Hetero-Ehe. Und uns Frauenpaaren soll genau dieser Teil der Ehe verwehrt bleiben. Sorry Schwiiz, aber wenn ihr das so durchzieht, ist diese Ehe nicht für alle.

Wenn ich in meinem Jahr als Berufslesbe etwas gelernt habe, dann das: Frauen, die auf Frauen stehen, erleben nicht einfach nur shit, weil sie Homos sind. Sie erleben zusätzlichen Extra-Shit, weil sie auch noch Frauen sind. Und gegen diesen Extra-Shit braucht es eine Organisation, die sich eben extra für frauenliebende Frauen einsetzt.

Dann hört man mir so zu und denkt: Phuu, isch scho chli heavy, jetzt wird sie irgendwie mega negativ. Es Wunder, isch sie na sone Ufgstellti und nöd sone dauerhässigi Kampflesbe.
Abgesehen davon, dass dauerhässige Kampflesben für meine Rechte kämofen und ich auf ihren Schultern stehe: Klar, ich hätte schon Grund, dauerhässig zu sein. Aber ich bin einfach viel zu gern queer, als dass ich hässig sein könnte.

Manche Menschen denken, wir Homos würden insgeheim hetero werden, wenn wir könnten. Die Wahrheit ist: Wäre Homosexualität eine Entscheidung, wir würden noch viel, viel homosexueller werden. Unsere Community ist so herzlich, so vielfältig, so wild und dramatisch. Auf Frauen stehen ist so etwas Schönes! Schöner als ein veganes Frühstücksbuffet. Schöner, als an einem Winterabend aus einem Erker rauszureden. Schöner als Leonardo DiCaprio in den Neunzigern.

Vor einigen Monaten schrieb mir eine siebzehnjährige bisexuelle Frau auf Whatsapp: Hey, ich ha dir das na nie gseit, aber siti käne hani kei Angst meh queer z sii.

Und darum geht es im Aktivismus der LOS: Queere Frauen sollen keine Angst mehr haben. Sie sollen lieben und begehren und vögeln, als wäre ein gebrochenes Herz das Schlimmstmögliche, das ihnen passieren kann. Wir alle haben ein Recht auf ein Happy End – aber wir haben auch alle ein Recht auf Drama, ohne dass irgendein fremder Züriberggangster uns währenddessen «Uuuh, geil, Lesbene!» hinterherruft. Kolleg, gang hei. Suscht wirdi zur Kampflesbe.

Und ja. Vögeln und Teenies und Whatsappnachrichten wirken jetzt vielleicht etwas banal. Aber ein struktureller Wechsel geht eben nicht nur via Vorstandssitzungen, Masterarbeiten und Parlamentsbeschlüssen. Wenn wir das grosse Ganze bessermachen wollen, müssen wir beim kleinen Winzigen anfangen. Wenn dein Arbeitskollege «schwul» als Schimpfwort verwendet, korrigier ihn. Wenn du am Morgen des Wahlsonntags verkatert bist, geh trotzdem wählen. Wenn du selbst queer bist, machs zum Hobby: Sei stolz darauf, wer du bist, und lass es andere wissen.

Ich bin bisexuell. Und sehr stolz. Ich bin aber auch stolz auf euch, die bei ungemütlicher Kälte 20 Minuten im Niederdörfli rumgestanden haben, obwohl sie mich bloss von Facebook kennen oder eigentlich Kurt Aeschbacher sehen wollten oder hierherkommen mussten, weil sie mein Mami sind. Ich bin stolz, weil ihr Teil seid dieses grossen Ganzen, die Homos und die Heteros und alle dazwischen und ausserhalb. Menschen wie ich und ihr, Menschen wie wir können laut sein, bis die Welt uns nicht mehr ignorieren kann. Bis eine Parlamentarierin sich stolz outet. Bis zwei Märchenprinzessinnen zusammenkommen. Und bis ich meine Freundin wirklich, wirklich heiraten kann.

Indem ihr mir jetzt so lange zugehört habt, seid jetzt quasi zu Gast in der queeren Community. Herzlich willkommen, ihr dürft übrigens auch gerne bleiben. Zum Schluss spielen wir ein Spiel, das ich gerne vor Gay Partys spiele. Das Spiel geht so: Ich frage «Who run the world?», also grob übersetzt «wem gehört die Welt?», und ihr ruft zurück «Queers.» Das machen wir dreimal, und dann jubeln wir und gehen rein was trinken.

Who run the world? Who run the world? Who run the world?

Anna Rosenwasser ist LGBTI-Aktivistin

Themen:
Neueste Artikel von Anna Rosenwasser

Kommentieren