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Winterreden 2019: Barbara Frey

Von Barbara Frey 23. Januar 2019 Keine Kommentare

Adelheid und die Geister

Über die Rivalität zwischen den Städten Basel und Zürich ist unendlich viel geredet, gestritten und geschrieben worden. Die unterschiedlichsten Argumente wurden angeführt, um entweder die eine oder die andere Stadt im Vorteil zu sehen. Es ging immer, mehr oder weniger offiziell, um „Überlegenheit“. Die Basler seien den Zürchern geistig überlegen, das beweise ja schon die erste Universitätsgründung der Schweiz am Rheinknie im Jahre 1460, hörte man oft aus Basler Kreisen.
Spätestens im neunzehnten Jahrhundert habe aber der grosse, innovative Unternehmer Alfred Escher den konservativen Basler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt überflügelt und damit habe Zürich Basel abgehängt, konterten die Zürcher.
Die Basler Fasnachtskultur habe immer geistreich über die Zürcher Bünzli, Banker und Zünftler hergezogen, diese das Fürchten gelehrt und aufgezeigt, dass es den Zürchern gänzlich an Selbstironie und Humor fehle. Zürich habe aber für derlei Behauptungen mittlerweile nicht mal mehr ein müdes Lächeln übrig, da die Stadt praktisch doppelt so gross wie Basel geworden sei. Man sehe dies schon von blossem Auge, wenn man zum Beispiel auf der weltstädtischen Bahnhofstrasse flaniere und dabei ans kleine, spiessige Basler Pendant denke: die lächerliche Freie Strasse. Basel wiederum spiele aber besser Fussball, Zürichs Zoologischer Garten habe jedoch den Basler längst überholt etc. etc.

Wie ist die Situation heute? Man klopft sich gegenseitig grossmütig auf die Schultern, betont, die alte Rivalität sei im Grunde vollständig überwunden, beide Städte seien höchst „innovativ“ und „international“ ausgerichtet. Dies sei heute das alles entscheidende Kriterium; das „Lokale“, das gewissermassen „Rückständige“, habe dem Weltläufigen weichen müssen. Und in dieser Weltläufigkeit sei man sich ähnlich geworden.
Als Basel im vergangenen Jahr beim Zürcher Sechseläuten Gastkanton sein durfte und sich der Limmatstadt unter dem Motto „Hochkultur und Alltagskunst“ präsentierte, gaben sich die Zürcher als artige Gastgeber. Die Basler Regierungspräsidentin genoss das Privileg, den Scheiterhaufen anzünden zu dürfen, auf dem traditionsgemäss der „Böögg“ steht und auf seine Explosion wartet, und dabei durfte sie darüber schwadronieren, dass das Zürcher Sechseläuten sehr gut organisiert sei, während man an der Basler Fasnacht mehr Chaos verspüre, da im Grunde ja jeder mitmachen dürfe. Der winzige Seitenhieb war womöglich Ausdruck eines Restbestandes der eigentlich aus der Welt geschafften städtischen Zänkerei.
Während der folgenden zwanzig Minuten und einunddreissig Sekunden, die es dauerte, bis der Schädel des „Böögg“ endlich in die Luft flog, ging es, wie das Schweizer Fernsehen zeigte, mit mehreren Interviewpartnern aus Basel und Zürich noch darum, dass das Sechseläuten ja ein grosser „Marketingtag für die Stadt Zürich“ sei, die Zünfte mittlerweile Gott sei Dank ein „Mehrgenerationenprojekt“ genannt werden können und im Übrigen der Frauenanteil am Umzug auch irgendwie gestiegen sei und bestimmt weiter steigen werde.
Traute Einigkeit also im festlichen Städtebund. Und eine Spur von Weltläufigkeit immerhin im Hinblick auf Standortmarketing und zunehmende Inklusion von Frauen.

Was viel interessanter ist und eine wirkliche, wenn auch mythische Nähe zwischen Basel und Zürich bezeugt, ist der Zürcher Dialektausdruck „Böögg“, der dem Basler „Böölimaa“ entspricht. „Bööggen“ und „Böölimänner“ gelten seit jeher als böse Geister, als polternde Dämonen, die plötzlich auftauchen, Angst und Schrecken verbreiten und die Welt ins Dunkel kippen. Der „Puck“ in Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist übrigens ein etymologisch Verwandter, ebenso der im Hochdeutschen geläufige „Butzemann“.

Gespenster, Dämonen und andere Spukgestalten machen weder an Landes- noch an Kantonsgrenzen halt, und sie bevölkern auch nicht nur Kindermärchen, Alpensagen oder landläufige Horrorgeschichten. Sie können vielmehr Bodensatz aller Poesie sein, vorausgesetzt, man akzeptiert, dass sie nicht aus Feldern, Wäldern und Wiesen kommen, sondern aus unserem eigenen Innenleben. Dort freilich würden wir sie gerne zumindest im Schlaf, also im Traum, verortet wissen. Aber so einfach ist es nicht.
Der unbestimmbare Übergang von wachem Dasein, also von einem (vermeintlich) vernunftbestimmten Zustand der Nüchternheit und Übersicht, zu einem tranceähnlichen geistigen und seelischen Zwischenreich, bis hin zu einer völligen Umnachtung, war schon immer Gegenstand der Literatur, wie generell der Künste. Ebenso das Wissen darum, dass es etwas bedeuten muss für die Menschen, ein Drittel ihres gesamten Lebens schlafend und träumend zu verbringen.
Wo die Naturwissenschaften unter einem ständigen Beweisdruck stehen, um ihre Wahrheiten zweifelsfrei verkünden zu können, muss sich die Literatur, wenn sie mehr sein will als eine Dienstleisterin des Rationalen, der blossen Unterhaltung oder Berichterstattung, jenen Schattenwelten zuwenden, die zwar nicht „beweisbar“ aber trotzdem Teil unseres wachen und schlafenden Lebens sind. Unabhängig davon, ob man sie, je nach wissenschaftlicher Disziplin, Melancholie, Wahn oder Alptraum nennt.
Bedeutende Literatur kennt keine aseptische Trennung zwischen unterschiedlichsten Bewusstseinszuständen, weder in ihrem Schaffensprozess selbst, noch in dem, was am Ende wirklich „dasteht“.
Die Verse eines einzigen kleinen, kostbaren Gedichts können frei wandern zwischen entgegengesetzten, auseinandersprengenden Welten. Was diese dennoch zusammenhält, ist die Radikalität und Entschiedenheit dessen, was wir „Inhalt“, „Form“, „Komposition“ oder „Stil“ nennen. Es sind dies aber schwierige Begriffe und sie sind nicht säuberlich voneinander zu trennen. Man weiss, dass es ja auch um Geschmacksempfinden geht bei der Lektüre und man kennt die Erfahrung eines merkwürdigen Schuldgefühls, wenn sich beim Lesen des Werks eines Nobelpreisträgers nur Langeweile oder Ratlosigkeit einstellen. Was haben wir wohl falsch gemacht? Was haben wir nicht verstanden? Warum kommen wir nicht in Fahrt?
Vorsicht also mit all den Kategorien, Zuschreibungen und Definitionen. Der Literaturbetrieb kennt, wie alle kulturellen Bereiche, Moden, Trends, Zwänge, manchmal fast Denkverbote. Jemand, der gestern im Trend war, kann heute an Strahlkraft eingebüsst haben oder gar aktiv zum Teufel geschickt worden sein; umgekehrt gibt es fortwährend „Neuentdeckungen“, also Werke, die aus irgend einem Grund einmal aussortiert wurden und nun wieder ins Licht bewegt werden.

Was tut man mit den Literatinnen und Literaten, die nie „Trend“ waren? Die nie zur Vorzeigefigur wurden, nie eine Strömung „initiiert“ oder „überwunden“ haben?
Das Spiel um Aufmerksamkeitsökonomie und Bedeutungshierarchie, auch im kulturellen Schaffen, hat im sogenannten digitalen Zeitalter völlig neue Massstäbe erfahren. Man muss sie permanent hinterfragen, wenn man nicht denkfaul und bequem werden will.

„… Es regnet; die Scheibenwischer ticken. Wir fahren durch einen Wald, und Joseph erkundigt sich, was wir tun würden, wenn plötzlich der Böhlimann auftauchen würde. Wir sind ratlos; zum Glück kommt er nicht. Um uns zu beruhigen, singt Joseph ein englisches Seemannslied – das Wetter ist ja auch so englisch, Wasser sieht man ebenfalls genug; das Ganze ist sehr stimmungsvoll …“
Diese Zeilen stammen aus der Erzählung „Eine Reise ans Meer“ der Basler Dichterin Adelheid Duvanel. Berichtet wird von einer Autoreise nach Südfrankreich. Die Ich-Erzählerin, die mit zwei Freunden unterwegs ist, sagt, sie habe bisher lediglich „einen Abstecher ins Elsass oder in die badische Nachbarschaft gemacht“. Was folgt, ist eine sonderbare Fahrt nach Sainte Marie de la Mer, wo die Erzählerin zum ersten Mal das Meer sehen wird. Kleine, scheinbar banale Ereignisse werden auf dem Weg dorthin aufgezählt; der Tonfall ist nie eindeutig. Manches lässt an eine Traumschilderung denken. Trotzdem ist die Erzählweise hellwach und von präziser Gestaltung. Verträumt oder undeutlich ist hier nichts.

Man weiss einiges über Adelheid Duvanel. Es scheint, sie hatte kein leichtes Leben.
Schwierige private Situationen, unregelmässige, kleine Erfolge als Schriftstellerin, keine übergeordnete Wahrnehmung ihres Schreibens, zwischenzeitliches Schweigen, Aufenthalte in der Psychiatrie, Absturz aus der Bürgerlichkeit, Armut – und am Ende ein Erfrierungstod in einer eiskalten Sommernacht. Medikamente waren wohl auch im Spiel. Es war die Rede von Suizid.
Adelheid Duvanel starb im Juli 1996 in einem Wald in der Nähe von Basel.

Wenn man ihre Geschichten liest, muss man allerdings alles Biographische vergessen. Es wäre dieser grossen Schriftstellerin gegenüber eine Respektlosigkeit, ihre Kunst sozusagen „privatistisch“ zu betrachten und zu bewerten. Wer sich wirklich auf sie einlässt, entdeckt einen Kosmos der reinen Poesie, eine Literatur ohne Bindungen oder Absicherungen, eine beeindruckende Autonomie in der Schilderung menschlichen Alltags und zwischenmenschlicher Komplizenschaften oder Verwerfungen. Man könnte sagen, ihre Figuren bevölkern alle Orte. Dörfer, Städte, Kantone, Bundesländer, Départements, Staaten, Kontinente. Sie leben in der Welt. Es ist nicht einfach Adelheid Duvanels Welt, in der sie versuchen, durchzukommen und in Würde zu leben; es ist unsere Welt. Und sie ist unheimlich. Auf eine Weise ist Duvanel auch eine Geisterseherin. Aber keine esoterische oder vernebelte, sondern eine seltsam nüchterne, lakonische, die sich nicht wundert über die unverrückbare Nähe von Wachzustand und Tiefschlaf, von Vernunft und reiner Phantasie, von Alltagsmensch und Traumgestalt.

Die Menschen, die sie beschreibt, leben ihren Alltag, fahren Tram oder Bus, sitzen im Büro oder in der Wohnung. Tiere kommen immer wieder vor; Bäume, der Himmel.
Wirklich behaust ist hier niemand; es gibt keinerlei Gemütlichkeit oder Geborgenheit. Man ist versucht, Duvanels Personal als „Aussenseiter“ zu sehen – nur: wo wäre dann ein allfälliges „Innen“? Was wäre der funktionstüchtige Kern einer angenommenen „Gesellschaft“? In Wahrheit gibt es bei Duvanel keine Alternativen, keine besseren oder irgendwie erstrebenswerten Orte. Vielmehr ertappt man sich bei dem Gedanken, dass es so etwas wie die „Gesellschaft“ bei ihr gar nicht gibt. Nur verschiedene Einsamkeiten, umherschweifende Individuen. Allerdings mit gespenstischem Eigensinn. Den brauchen sie auch, wenn sie in diesem bezugslosen System, das man Leben nennt, durchkommen wollen.

Adelheid Duvanel ist also keine Diagnostikerin, die uns etwa erzählen wollte, wie weit es mit uns gekommen ist oder wie schlimm es um uns steht. Sie ist auch keine Sozialkritikerin oder Anklägerin. Vielmehr konstatiert sie einfach. Sie betreibt keine Ursachenforschung; für die fürchterliche Einsamkeit ihrer Figuren sucht sie keine Gründe und für die Dysfunktionalität der Welt bietet sie keine Erklärung. Folglich hat sie ebensowenig Rezepte anzubieten, wie die Welt zu verbessern wäre.
Auch deshalb ist ihre Literatur so schwer einzuordnen.
Müsste sie nicht gegen etwas protestieren? Sich wortreich gegen etwas oder jemanden auflehnen? Könnte man nicht zumindest eine Spur von moralischer Erbauung oder kunstreichem Empörungspotenzial erwarten? Ganz so, wie es heute wieder vermehrt gefordert wird?
Duvanels Poesie ist, wie alle grosse Poesie, nicht zugänglich für derlei Überlegungen. Ihre Heimat liegt woanders. Im Unheimlichen, Undurchschaubaren, Unerwartbaren, in den Zwischenböden unseres Denkens, Fühlens und unserer Wahrnehmung. Und es gibt einen befremdlichen, abseitigen Humor, der immer wieder durchschlägt. Woher aber kommt der? Pointen sind es nicht, die einem beim Lesen ein unbestimmtes Lächeln entlocken. Es gibt auch nirgendwo einen besonderen Schlusswitz oder ein geistreiches Aperçu, vielmehr enden ihre Kurzgeschichten genauso abrupt, wie sie begonnen haben oder sie versickern irgendwie. Das Komische muss also woandersher kommen.
Vielleicht von der bisweilen naiv anmutenden Syntax? Von mancherlei koketten, bewusst gesetzten stilistischen Unebenheiten? Von der ganz eigenen Musikalität, deren Generalbass durchgängig lakonisch bleibt, egal, wie katastrophal, heiter oder trostlos die Alltags- und Lebenssituationen ihrer Figuren sind? Vom infantilen Trotz all der porträtierten Kinder, Frauen und Männer, die um ihre Würde kämpfen?
Es ist schwer auszumachen, und das ist das Schöne.
Man muss sich einfach einlassen. Auf das radikal Fremde, das alles durchzieht. Man muss loslassen von der Idee, an allem herumzudeuteln, es sich zurechtrücken zu wollen, um am Ende die Verfügungsgewalt darüber zu haben. So wie man keine Verfügungsgewalt hat über den endlosen Gedankenstrom, der sich im Wach- und im Schlafzustand durch den Geist bewegt.

In der Erzählung „Der Hut“ bekommt ein Kaspar, dessen Mutter stets einen grossen Hut trägt, eines Tages Besuch von einer Fledermaus. Das beunruhigt ihn, denn „… es hatte ihn noch nie jemand von ähnlicher Art besucht …“ Offenbar wird durch die Präsenz der Fledermaus eines der Tonfigürchen, die Kaspar modelliert und verkauft, zum Leben erweckt. Es wird Kaspars Ehefrau, die Mutter verliert ihren Hut, er „… flog majestätisch zum Fenster hinaus, immer höher und höher, mitten in den weissen, wirbelnden Himmel hinein, wo er einen Augenblick lang stillstand, einen blutroten Mond vortäuschte und dann erlosch…“; die Fledermaus entschwindet. Später, die Mutter ist mittlerweile verstorben, lebt Kaspar mit seiner Frau in einem anderen Land und dort „… konnte es vorkommen, dass der junge Ehemann mitten in einem Gespräch plötzlich zum Himmel blickte und beschwörend sagte: ‚Beim Hute meiner Mutter‘, so, wie andere Leute zu sagen pflegen: ‚Bei Gott.‘…“

Wo ordnet man eine solche Geschichte ein, die im übrigen tatsächlich nur drei Seiten lang ist? Am besten nirgendwo. Man muss damit leben, dass sie in keine Kategorie passt. Den Lesegenuss hat man aber; einen unerklärlichen, von weit her kommenden und gleichzeitig sehr vertrauten abgründigen, fröstelnden Genuss. Man fühlt sich weniger allein, weil man der radikalen Einsamkeit der Figuren folgen kann.
Manchmal meint man in Duvanels Miniaturen einen Märchenton zu vernehmen, dann klingt es kurz wie in einem Schulaufsatz oder einer Traumaufzeichnung – aber immer gibt es einen durchgehenden, selbstbewussten Duktus. Man denkt nie an Spinnerei oder Extravaganz. Man folgt immer erstaunt, auch erstaunt darüber, dass einem das Fremde so vertraut vorkommt.

Wir leben in einer Zeit, in der man Adelheid Duvanel mehr lesen sollte. Das hiesse, dass man mit Entschiedenheit Abstand nehmen müsste von der Idee, dass Literatur – oder irgendeine Kunstform – dazu da sei, die Welt zu verbessern, die Menschen zu optimieren, komplexe Gegenstände pädagogisch zu verkleinern, um dann werbewirksam eine entsprechende Problemlösung verkaufen zu können. Man müsste auch Abstand nehmen von der Idee, dass Kunst sich über irgendeinen Nutzen, eine zu erreichende moralische oder sonstige Selbsterhöhung oder gar über „wirtschaftliche Rentabilität“ definieren liesse. Kunst muss frei bleiben von Legitimationsdruck. Ebenso die Künstlerinnen und Künstler. Der ständige (auch von manchen Medien geförderte) Argwohn gegenüber künstlerischem Schaffen und die
permanente Forderung nach einer Nützlichkeit dieser Schaffensprozesse verstellen nicht nur einen Gesamtblick auf die vielfältigen Möglichkeiten und Freiheiten der Künste, die Welt grundlegend anders zu betrachten, sondern auch den individuellen Blick, die Perspektive auf eine ureigene Wahrnehmung, die einem das Glück einer unvergleichlichen Erfahrung bescheren kann.

Es wäre für die Städte Basel und Zürich eine Herausforderung, neu darüber nachzudenken, wie man sich wieder mehr den „Böögen“, „Böölimännern und -frauen“ und anderen Geistern annähern könnte, wie man sich weniger an Standortmarketing und Effizienzsteigerung orientieren würde als an der Feststellung, wie unendlich weit und frei die Kraft der Imagination sein kann. Und wie dringend notwendig es ist, das kulturelle Gedächtnis nicht aus dem Blick zu verlieren, bloss, weil Optimierungswahn und Wettbewerbsdenken einen so weit von sich selbst entfernt haben, dass einem die eigene Geisterhaftigkeit kaum mehr bewusst ist. Sie zu erkennen aber bedeutet, den Alltagsgewissheiten den Rücken zu kehren, und die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens klar zu sehen – sowie unser bevorstehendes gänzliches Verschwinden.
Und doch: die Literatur bewahrt vor dem Verschwinden. Alle Künste tun es. Ihnen allen eingeschrieben ist die Kraft der Erinnerung. Es gibt keine rasende, ausschliessliche, diktatorische Gegenwart. Nur ein zerbrechliches, aber lebensnotwendiges Band zwischen uns und all den Verblichenen, die wir geliebt und wertgeschätzt haben und denen wir mehr verdanken, als wir womöglich wahrhaben wollen. Ohne sie gibt es keinen scharfen, kritischen Blick auf die Gegenwart und schon gar keine Perspektive auf eine humane Zukunft.
Shakespeares 18. Sonett drückt im Couplet, also in den letzten zwei Zeilen, aus, was ihn als Dichter umtrieb: Die Erinnerung an den geliebten Menschen bleibt so lange, wie die dichterische Sprache widerhallt:

„So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.“
„Solang ein Mensch noch atmet, Augen sehn,
Solang dies steht, solang wirst du bestehn.“

Adelheid Duvanel war eine sensible und aufmerksame Leserin, verband sich mit anderer Literatur und anderen Künsten und blieb dabei autonom. Ich denke nicht, dass ihre Literatur uns tröstet, vielmehr beunruhigt sie uns, befremdet uns, versetzt uns in Bewegung. Das ist ein Glück. Heute würde man sagen, sie holt uns „aus der Komfortzone“. Ihre radikale Poesie weiss von den Gefahren des Grenzgängertums und sie kennt keinerlei Verklärung oder Romantisierung prekärer Zustände. In ihrer eingangs schon erwähnten „Reise ans Meer“ schreibt sie:
„Würden plötzlich all die sonderbaren Lebewesen, die in der Tiefe ihr fremdartiges Leben führen, an die Oberfläche steigen, die Wellen teilen, ihren Rhythmus stören, wäre das Meer geisteskrank. So aber ist es gesund: Nur der Wind, der Himmel und die Sonne oder der Mond verändern es.“
Dass das Meer auch als Sinnbild für Geist und Seele gilt, benutzt Adelheid Duvanel gezielt und doch wie nebenbei. Entscheidend ist die Warnung, die unverhohlen aus den Zeilen klingt: Es ist nicht geboten, alles, was sich im Meer tummelt, nach oben kommen zu lassen.
Aber um die Existenz seiner schieren Tiefe sollten wir wissen.

Und für allfällige dekorative Städtepartnerschaften und deren verdrängte Rivalitäten sollte klar sein: Man sollte einen „Böögg“ und all seine Verwandten ernster nehmen und ihn erkennen als eine verbindende, unheimliche, nicht zu erklärende Gestalt, die aber immer zuerst mit einem selber zu tun hat. Mit der eigenen Einsamkeit in einer allmählich zu Tode rationalisierten Welt ohne Zauber, ohne Kunst, ohne Transzendenz. Dann erst, nach dieser einsamen Erkenntnis, werden Verbindungen möglich. Zu anderen Geistern, zu andern Einsamkeiten.
Den Winter und die Kälte austreiben wollen wir doch alle.
Dafür nehmen wir auch in Kauf, dass uns der Kopf explodiert.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Barbara Frey ist Regisseurin und Intendantin des Schauspielhauses Zürich

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