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Winterreden 2019: Claudia Schumacher

Von Claudia Schumacher 31. Januar 2019 Keine Kommentare

Hoi zäme, Grüezi mitenand! Wow, es hat exakt niemand von euch zurück gegrüsst. Aber das ist ok, so ist es oft, wenn ich versuche, etwas auf Schweizerdeutsch zu sagen.

Ihr habt bestimmt schon gemerkt: Ich bin Deutsche. Ich habe mehr als sechs Jahre in der Schweiz gelebt, seit kurzem bin ich zurück in Deutschland. Aber ich glaube, ich zieh bald wieder in die Schweiz.

Hier ist eigentlich alles viel geiler, oder? Gute Jobs, Swiss money, das Wasser, die Luft, die Pünktlichkeit der Züge, alles viel besser als in Deutschland, selbst das Unkraut ist tausendmal saftiger hier.

Ich bin jedenfalls keine von den Heuldeutschen, die zurück in ihr Land gehen, weil die Schweizer so gemein sind. Ich hab in der Schweiz sogar ein paar Freunde gefunden; mein Freund ist Schweizer – es geht also, es muss nicht immer verzwickt sein zwischen Schweizern und Deutschen, man kann schon auskommen. Mein Freund zum Beispiel wünscht mich nur noch selten zurück nach Deutschland – vielleicht auch, weil wir im Moment beide in Hamburg leben. Jedenfalls möchte ich heute über das reden, was ich in meinen sechseinhalb Jahren Schweiz über
das Leben und die Menschen hier gelernt habe.

Sind eigentlich Ausländer hier? Könnt ihr euch ausweisen? B-Ausweis, C-Ausweis?

Mit dem C-Ausweis ist man im Schweizer Ausländer-Ranking ja Premium-Ausländer. Den C-Ausweis hatte ich leider nur für einen Monat, bevor ich zurück bin – fuchst mich bis heute, dass ich den durch den Wegzug wieder verloren hab. So ein bisschen, wie wenn man sich mühsam den Senator-Status bei Swiss erkämpft und gleich wieder abgeben muss.

Jedenfalls: Ich hoffe, meine Rede kann einigen von Euch Co-Ausländern vielleicht das ein oder andere Fettnäpfchen ersparen, in das ich während meiner Schweizer Jahre ja immer gerne zielsicher reingestapft bin.

Ich finde Schweizer ja total faszinierend. Eigentlich war ich hier immer als Journalistin angestellt und ich wurde nicht dafür bezahlt, Schweizer anzuglotzen, aber oft sass ich trotzdem nur so im Büro rum und hab die Kollegen und ihr Verhalten studiert und mich gefragt, was das jetzt wohl wieder bedeuten mag.

Apropos Glotzen: Das Anstarren von Menschen ist ja – genau wie die Schokolade und der Käse – eigentlich etwas Urschweizerisches. Im Ausland spricht man sogar vom „Swiss stare“, also: vom Schweizer Starren. Könnt ihr googeln, „Swiss stare“, hab ich mir nicht ausgedacht. Viele Schweizer glotzen Menschen über einen normalen Punkt hinaus an, bis es eigentlich alle Ausländer irgendwie unschicklich oder sogar verdächtig finden.

Bei mir war’s ein bisschen anders, ich fand’s super. Als ich neu in der Schweiz war und mich alle angeglotzt haben, dachte ich: Wow, endlich hab ich das Land gefunden, in dem mich einfach alle, Männer, Frauen, bucklige, alte, grosse und kleine Menschen UNFASSBAR HEISS finden! Keiner kann den Blick von mir abwenden, ich geh hier nie wieder weg. Dieser Irrtum hat dann jahrelang mein Selbstwertgefühl massiv aufpoliert, bis mir ein sehr dicker und verwachsener Expat aus den USA, der für ein Technikunternehmen in Zürich arbeitet – krummbeinig, Warzen: ein zweifellos unschöner Zeitgenosse – jedenfalls erzählte der mir, dass auch er ständig angeglotzt werde, und wie sehr ihn dieser „Swiss stare“ nerve.

Ich glaube übrigens, dass viele deutsche Frauen hier dem gleichen Irrtum unterliegen wie ich. Und dass der Swiss Stare deshalb der eigentliche Grund ist, weshalb es zu so vielen Eheschliessungen zwischen Schweizer Männern und deutschen Frauen kommt. Das Ding ist einfach, dass Schweizer Männer uns deutsche Frauen durch ihr Anglotzen extrem ermutigen. Wir denken dann, halleluja, der starrt mich wirklich permanent an, ich muss seine absolute Traumfrau sein, sowas wie mich hat der noch nie gesehen… und dann gehen wir in einer Selbstgewissheit, die normalerweise auch nicht unser Ding ist – wir haben ja Cellulitis, 5 Kilo zu viel auf den Rippen und tausend andere Unsicherheiten, wie alle Frauen auf der Welt – jedenfalls gehen wir auf den Kerl zu, der sein Glück wiederum gar nicht hat kommen sehen. Der nämlich denkt jetzt, er werde von einer angriffigen Deutschen regelrecht aufgerissen. Diese ganzen Ehen und diese ganzen Kinder von Deutschen und Schweizern: alles ein grosses, kulturelles Missverständnis. Ach ja. Es kursieren so viele Klischees über Schweizer und Deutsche, und natürlich ist das meiste davon kompletter Quatsch.

Es gibt ja Schweizer, die tun geradezu so, als lauerte hinter jeder Ecke so ein Rüpeldeutscher, der von weit weit oben herab zu Ihnen spricht. Also zum Beispiel von einem Balkon.

Wobei mir dieses Arrangement heute – ehrlich gesagt – schon auch sehr zusagt. Eigentlich könnte ich glaub jeden Tag von einem Balkon aus Reden schwingen – vielleicht ist es uns ja doch in die Wiege gelegt, das Rumbossen, von Oben-herab-Reden. Arrogante Rüpeldeutsche: oben, kleine niedliche Schweizer: unten. Grossartig. Von hier oben seht ihr auch wirklich sehr chli aus. Aber zurück zur Schweizer Art: Schweizer sind emotional irgendwie anders gepolt, das ahnt man als Deutsche schnell – aber man checkt nicht sofort, was es ist, dieses „je ne sais quoi“, es dauert, bis man dahinter steigt. Wir Deutschen sind in unserer Eigenart viel plumper. Eigentlich sind wir Deutschen immer: WÜTEND! Wut als emotionale Grundstruktur: Wir sind superschnell auf der Palme. Da wird gehupt im Verkehr, schon wieder hat mir einer die Vorfahrt genommen, die Politiker sind immer scheisse, links wie rechts. Der oder die Deutsche agiert aus einem Gefühl des Mangels heraus. Wir sind die Ewig-zu-Kurz-gekommenen, wir sind wütend und wir sind laut. Was wir wollen, das rülpsen wir dir ins Gesicht. Deal with it!

Schweizer hingegen… also, ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich mich eine Stunde lang mit einem Schweizer unterhalten kann, und danach manchmal keine Ahnung habe, was er wirklich denkt. Die emotionale Grundstruktur der Schweizer ist sicherlich nicht Wut. Ein Schweizer würde sagen: Wir sind einfach sehr diplomatisch. Aber maaanchmal, nur manchmal kippt das Diplomatische in passiv-aggressive Freundlichkeit. Immerhin Freundlichkeit, wenn auch passivaggressiv, das klingt eigentlich noch ganz nett. ABER: es ist für uns Ausländer auch kein
Zuckerschlecken.

Weil du an einem Schweizer, wenn du ihn falsch anpackst, abrutschen kannst wie eine Katze an der Glasscheibe. Und du hast danach keine Ahnung, was du jetzt wieder falsch gemacht hast. Aber schon wieder vergeht ein Jahr, und kein Schweizer hat dich mal zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Steckst du in dieser Situation, und du bist nicht nur Ausländer, sondern auch Deutscher, dann macht dich dieses Verhalten nicht nur hungrig, sondern auch sehr wütend, und am liebsten würdest du dem sich freundlich verweigernden Schweizer vor dir ins Gesicht hupen. Aber mit Hupen und Rempeln, das merken die Deutschen schnell, kommt man in der Schweiz nicht weit. Tja.

Eigentlich läuft’s doch meistens so, wenn Schweizer und Deutsche sich nicht verstehen: Ihr macht innerlich zu, lächelt beissend, und wir Deutschen verlieren die Contenance. Mir fällt eigentlich nur eine einzige Situation ein, in der wiederum die Schweizer gegenüber den
Deutschen die Contenance verlieren: Wenn wir Deutschen versuchen, Schweizerdeutsch zu reden. Sprache: Wichtiger Punkt, wenn wir über Integration reden. Und da muss ich jetzt sagen: Ihr habt hier ein Einwandererland, ihr Schweizer macht vieles echt gut mit der Integration – ABER: was für ein eigenartiges Problem habt ihr bitte im Umgang mit Eurer Sprache?

Euer Verhältnis zum Schweizerdeutschen ist absolut einzig. Eure Sprache funktioniert wie ein Ausweis –oder ein Abweis. Im Prinzip dürfen alle Einwanderer versuchen, Schweizerdeutsch zu reden – mit einer alarmroten Ausnahme: uns Deutschen.

Was ist da los? Alle Welt freut sich eigentlich immer, wenn wir Deutschen ihre Sprache sprechen – vielleicht auch deshalb, weil sie sich dann nicht unser hölzernes, hartes Deutsch anhören müssen. Jeder Brite, Amerikaner oder Australier freut sich über unser noch so verkorkstes Englisch. Als ich mit 13 das erste Mal in England war, hiess es immer: „Your English is very good.“ Und natürlich stimmte das gar nicht.

Hingegen hab ich mal aus Integrationswilligkeit heraus einen Schweizerdeutsch-Kurs an der Migros-Klubschule gemacht. Dort hab ich zwei Dinge gelernt. Erstens: Schweizerdeutsch lernen ist richtig schwierig. Und zweitens: Als Französin darfst du statt Wöschchuchi auch ÜÖSCH-ü-i sagen, und alle schauen trotzdem ganz verzückt. Auf dem Bau darfst du gebrochenes Schweizerdeutsch reden, auf dem Pausenhof ist Balkansprech richtig cool. Nur für uns Deutsche ist kein einziger Ausrutscher bei der Aussprache erlaubt. Sag „Grüzzi“ statt „Grüezi“ und du kannst noch ein weiteres Jahr warten, bis dich jemand zum Abendessen einlädt.

Ihr Schweizer tut – wenn es um eure Sprache geht – manchmal gerade so überlegen, wie ihr es uns Deutschen gerne vorwerft. Entweder man spricht es als Deutsche schon perfekt – oder ihr werdet brüsk: „Hör auf, sprich doch bitte deinen eigenen Dialekt.“ Ich habe den Eindruck, man kann es als Deutscher sprachlich eigentlich nicht richtig machen. Spricht man Hochdeutsch, gilt man schnell als arrogant. Spricht man Schweizerdeutsch, hat man sich entweder angebiedert, wird bemitleidet oder verletzt Ohren. Sprachlich sitzt man als Deutscher in der Schweiz gewissermassen im Gefängnis. Der Ausbruch ist schwer.

Okay, ich hab in meinem Schwyzertütschkurs auch gehört, wie bekloppt manche Deutsche klingen, wenn sie es zu sprechen versuchen. Habt ihr das Gefühl, wir wollen Euch auf den Arm nehmen, wenn wir reden wie die Doofen und dabei ein bisschen klingen wie Schweizer? Aber wir wollen doch nur dazu gehören.

An einem schönen Tag, die Sonne schien, betrat ich mal das Büro beschwingt mit einem, wie ich fand, melodischen «Hoi zäme!» Es sollte ein Anfang werden. „Von heute an spreche ich eure Sprache!“, dachte ich. Unsere damalige Volontärin schaute auf, beäugte mich misstrauisch und sagte nach einem zu langen Moment des Zögerns und mit Nachdruck ganz langsam und auf Hochdeutsch: «Hallo, Claudia.» Geknickt packte ich mein Schweizerdeutsch wieder ein – wie ein dicker Junge seinen Enthusiasmus, nachdem er vom Vater zu Hause beim heimlichen Balletttanzen erwischt wurde.

Als Deutsche, die nicht Schweizerdeutsch spricht, kann man hier natürlich trotzdem Freunde finden, akzeptiert werden – aber man bleibt am Ende des Tages halt auch immer ein bisschen: draussen. Deshalb, mein Tipp an frischzugezogene Deutsche: Wenn ihr wirklich dazugehören wollt in der Schweiz, versucht nicht ZUUU Deutsch zu sein, also: nicht immer mit der Tür ins Haus fallen – AUSSER: bei dieser einen Sache. Lasst Euch nicht entmutigen, erkämpft es euch mit den Ellbogen, lernt und sprecht Schweizerdeutsch, wenn Ihr das wollt, egal wie wenig Beifall und wie viel Ablehnung ihr erstmal dafür erntet. Ich glaube, das ist der einzige Weg, um eines Tages vollauf dazuzugehören. C-Ausweis hin oder her.

Und ihr Schweizer, habt ihr euch eigentlich mal überlegt, was der einfachste Weg wäre, weniger Hochdeutsch zu hören im Land? Ertragen! Ertragt doch einfach das Schweizerdeutsch der Deutschen. Auch wenn sie radebrechen, auch wenn es weh tut. Nothing worth having comes easy.

Deshalb muss ich das jetzt tun – und mir ist bewusst, wie schmerzhaft das für Schweizer Ohren sein mag, und wie fehlerhaft das bei mir klingt, aber es muss jetzt einfach sein, ich kann mich nicht drücken:

Wenn i mol wider zrugg chum i d Schwiz, wenn i mol wider do läb – und dä Ddag wird cho – denn räd i Schwizerdütsch. Am Aafang werded Ihr mich uuslache, aber mit de Zyyt chan i s villicht so guet rede, dass ihr mich fröget us welem Gghanton I chume. Und wenn Ihr Glück händ, dänn verrot I´s Üch: us em Grosse. Und dänn stossed mir zäme-n aa. Odr villicht mached mir daas au eifach jetzt scho. Jetzt, alli zäme, unde im Karl der Grosse.

Merci fürs Zuelose!

Claudia Schumacher ist Journalistin und Kolumnistin

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