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Winterreden 2019: Mathias Binswanger

Von Mathias Binswanger 22. Januar 2019 Keine Kommentare

Liebi Zuhörerinnen und Zuhörer

I freue mi hüt obig mit Ihne über sPhenomen vode sogenannte Tretmühli vom Glück zrede. Da Phenomen zeigt, dass mir zwar immer meh hend, aber nöd glücklicher werded. Diä Tretmühli chönd Sie sich vorstelle wie die Grät im Fitnessstudio, wo Sie immer uf de Stell treted und nöd vorwerts chömed. I ha dodezue au e Buech gschribe, da isch im Moment vegriffe, wird aber bald wieder zchaufe si. I wird jetzt aber schnell uf Hochdütsch wechsle, will Sie sich worschinli jetzt scho dänked: «I dem St. Galler Dialekt chani das nöd ernst neh!»

Mit Geld kann man ja einiges kaufen, nicht aber unbedingt das, was wir eigentlich wollen. Wir können ein Bett kaufen, aber keinen Schlaf, Bücher, aber keinen Verstand.
Oder auch beim Appetit, den kann man sich inzwischen pharmazeutisch massschneidern, wenn er zu gross ist oder zu klein. Beim Platz im Himmel, da klappt’s noch nicht so ganz. Da hatte zwar die katholische Kirche vor ein paar hundert Jahren einmal eine innovative Lösung entwickelt – den Ablasshandel – aber da sind leider Reformatoren wie Zwingli gekommen und haben das zunichtegemacht.

Wenn wir genau schauen, dann stellen wir fest, die Dinge, die uns glücklich machen, die sind käuflich gar nicht unbedingt zu erwerben. Das führt jetzt ein bisschen zur Frage, warum beschäftigen sich dann überhaupt Ökonomen mit diesem Thema des Glücks, das ja traditionell eher in der Psychologie oder in der Philosophie angesiedelt ist? Es geht da letztlich um eine zentrale ökonomische Frage. Die Frage wozu wir eigentlich Tag für Tag arbeiten, wofür strengen wir uns eigentlich an?

Viele Menschen haben das Gefühl, in der Ökonomie, da geht es darum, wie man möglichst viel Geld verdient. Aber wer schon einmal mit ökonomischer Theorie konfrontiert wurde, der wird schnell feststellen, dass in der eigentlichen Theorie Geld überhaupt nicht vorkommt. Es ist eine vollkommen geldfreie Theorie, da steht etwas Anderes im Zentrum und das ist der sogenannte Nutzen. Ökonomen machen die Annahme, Haushalte maximieren ihren Nutzen. Wenn ich das jetzt ein bisschen in die Alltagssprache übersetzte, dann heisst das nichts anderes, als dass Menschen versuchen, ihre Bedürfnisse irgendwie optimal zu befriedigen, also letztlich Dinge zu tun, die sie glücklich oder zufrieden machen. Wenn man das Ziel der Ökonomie so versteht, dann ist klar, dann kann Geldverdienen nicht das eigentliche letzte Ziel sein. Wir brauchen natürlich Geld, um überleben zu können – auch um uns gewisse Dinge leisten zu können, etwas beitragen zu unserem Glück. Aber dann kommt die zweite Stufe, wir müssen dieses Geld noch umsetzten, in die Dinge, die uns letztlich glücklich machen. Dafür braucht es dann wieder andere Dinge, wie zum Beispiel Zeit. Jetzt haben wir auf der einen Seite Menschen, die sind unzufrieden, weil sie viel Zeit aber kein Geld haben. Und auf der anderen Seite haben wir Menschen, die haben viel Geld aber keine Zeit. Beides ist kein ökonomisch optimaler Zustand. Es geht darum, das Optimum zu finden, das irgendwo dazwischenliegt. Das hat George Bernard Shaw einmal so formuliert: „Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus unserem Leben zu machen.“ Wenn wir dann das so verstehen, dann können plötzlich ganz andere Dinge effizient sein, als was wir uns normalerweise unter diesem Begriff der Effizienz vorstellen.

Da gibt es zum Beispiel die Amish People in den USA. Die kennen Sie ja wahrscheinlich. Die leben nach wie vor so wie im 17. Jahrhundert, sie lehnen den ganzen modernen technischen Fortschritt ab und auch den damit verbundenen materiellen Wohlstand. Weil diese Menschen so speziell leben, sind sie natürlich auch häufig das Ziel von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Man will ja wissen, wie die sich fühlen, im Vergleich zum Rest der Bevölkerung. Da ist folgendes herausgekommen: Sie sind im Durchschnitt etwa gleich glücklich, wie die reichsten Amerikaner, also diejenigen 10 % der Amerikaner mit dem höchsten Einkommen. Wie können wir jetzt dieses Resultat interpretieren? Wir können das Resultat so interpretieren, dass das eine ökonomisch höchst effiziente Gesellschaft ist. Die schaffen es nämlich, aus einem Dollar Einkommen mehr Glück oder Zufriedenheit herauszuholen, als die reichsten Amerikaner. Oder umgekehrt formuliert: Die reichsten Amerikaner brauchen ein viel höheres Einkommen, um auf das gleiche Glücks- oder Zufriedenheitsniveau zu kommen wie die Amish. Damit schlage ich jetzt nicht vor, dass wir alle so anfangen zu leben wie die Amish. Das würde sehr schnell schon einmal an der Menge der Pferde scheitern. Bis wir einmal so viele Pferde gezüchtet hätten, wie es bräuchte, das würde auch mit erhöhten Umweltproblemen verbunden sein. Aber das Beispiel zeigt, es gibt Menschen, die verzichten auf vieles, was wir heute mit einem guten Leben verbinden und sind dann aber nicht unglücklich, ganz im Gegenteil, sie gehören mit zu den glücklichsten Menschen überhaupt.

Jetzt stellt sich vielleicht noch die Frage, wie stellen wir überhaupt fest, ob Menschen glücklich oder zufrieden sind? Da wäre es natürlich toll, es gäbe irgendwelche Geräte, an die man die Menschen anschliessen könnte und die würden uns dann einen objektiven Glückswert anzeigen. Ökonomen haben schon im 19. Jahrhundert von so einem Gerät geträumt, von einem sogenannten Hedonometer, aber da hat uns der technische Fortschritt bis heute im Stich gelassen. Wenn wir herausfinden wollen, ob die Menschen glücklich sind oder nicht, bleibt uns deshalb nichts Anderes übrig, als die Menschen zu befragen.

Wenn wir das in der Schweiz tun, dann kommt das meistens hervorragend heraus. Es gibt da dieses World Happiness Ranking, das wird jedes Jahr im World Happiness Report publiziert. Da ist die Schweiz immer an vorderster Stelle mit dabei, im Moment an fünfter Stelle, früher sogar schon an zweiter Stelle. Das ist ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen. Wenn sie schon länger im Ausland waren und sie wieder in die Schweiz zurückkommen, dann ist man immer so überrascht, dass man hier nur lachende fröhliche Menschen begegnet, die einem anstrahlen auf der Strasse. Das ist wahrscheinlich eher nicht das erste, was einem auffällt, wahrscheinlich eher das Gegenteil. Das deutet darauf hin, dass man solche Ergebnisse mit einer gewissen Vorsicht interpretieren muss.

Man weiss, wenn man Menschen befragt nach ihrem Glück, dann geben sie im Allgemeinen zu positive Antworten. Das hat sogar einen wissenschaftlichen Namen, das ist der sogenannte Social Desirability Bias. Der scheint in der Schweiz besonders ausgeprägt zu sein. So nach dem Motto „Ja mer hend doch alles, denn muemer doch zfriede sii“. Dann sagt man, man ist zufrieden, obwohl man es in Wirklichkeit gar nicht ist. Gilt so in der Deutschschweiz. Wenn man aber genauer hinschaut in der Schweiz, dann stellen wir fest, dass in der Westschweiz und im Tessin die Menschen immer weniger glücklich zu sein scheinen. Das liegt aber wahrscheinlich weniger daran, dass die Menschen dort tatsächlich weniger glücklich sind, als vielmehr an einer etwas anderen Mentalität. Die sind
schon etwas angesteckt von einer italienischen oder französischen Mentalität. Das ist nicht eine Mentalität, wo man das Gefühl hat, man müsste doch zufrieden sein, sondern eher eine Mentalität, sich zu beklagen. Das sieht man sehr gut am World Happiness Index von Italien, das ist in diesem Ranking immer eines der aller letzten Länder Europas, momentan an fünfzigster Stelle. Das hat nichts mit den momentanen wirtschaftlichen Problemen Italiens zu tun, das war auch früher schon so. Das heisst, wir müssen solche Ergebnisse immer mit etwas Vorsicht interpretieren.

Wenn wir jetzt aber allgemein mal schauen, wie denn eigentlich der Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen ist, dann können wir feststellen, dass in ärmeren Ländern durchaus ein Zusammenhang besteht. Da werden also die Menschen im Durchschnitt glücklicher oder zufriedener, wenn Wirtschaftswachstum stattfindet und die Einkommen steigen. Wenn aber ein gewisses Einkommen einmal erreicht ist, wie in der Schweiz zum Beispiel – da liegen wir weit über diesem Niveau – dann führt Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen steigenden Einkommen nicht mehr dazu, dass die Menschen irgendwie glücklicher oder zufriedener werden. Sie werden auch nicht unglücklicher, aber das stagniert dann einfach und wir können keinen Zusammenhang mehr beobachten.

Wenn das jetzt so ist, dann kann man eigentlich das Wirtschaftswachstum schon rein aus ökonomischer Sicht hinterfragen. Weil wie vorhin schon erwähnt, in der ökonomischen Theorie geht es nie um ein maximales Einkommen oder um ein maximales Wachstum. Es geht immer um ein subjektives Wohlbefinden, also das Wohlbefinden des Einzelnen. Wenn jetzt das Wirtschaftswachstum nicht mehr dazu beiträgt, dass dieses Wohlbefinden steigt, dann wird Wachstum im wahrsten Sinne des Wortes unökonomisch. Das heisst, es verfehlt dann das eigentlich Ziel des Wirtschaftsprozesses. Aus diesem Grund könnte man dann sagen, ja eigentlich müssten wir wegkommen von diesem Wachstumsziel. Jetzt kommen wir aber in ein Dilemma, weil wir auf der anderen Seite feststellen, dass diese Wirtschaft in der wir heute leben, in einer sogenannten kapitalistischen Wirtschaft, dass diese in Wirklichkeit nur funktioniert, wenn ein gewisses Wachstum stattfindet. Diese Wirtschaft ist ja darauf ausgelegt, dass Unternehmen Gewinne erzielen auf einem Markt und in Konkurrenz zueinanderstehen. Das heisst, es besteht ein ständiger Anreiz sich gegenüber dem Anderen zu verbessern, dadurch wird investiert. Diese ganzen Investitionen, die lohnen sich aber nur, wenn man am Schluss auch ein höheres Einkommen erzielt, sodass die Mehrheit der Unternehmen auch Gewinne macht. Wenn jetzt das Wirtschaftswachstum aufhört, ist das nicht mehr der Fall: Dann bekommen einzelne Unternehmen Probleme und müssen aufhören. Dann gibt es mehr Arbeitslose und die Nachfrage geht zurück. Wir sehen dann, dass die Wirtschaft in eine Art Abwärtsspirale gerät.

Das Dilemma besteht also darin, dass die Wirtschaft in der wir heute leben, eigentlich nur zwei Optionen hat: Entweder wir wachsen weiter oder wir kommen in einen Schrumpfungsprozess. Aber wir können nicht einfach sagen, wir bleiben auf dem Niveau, auf dem wir jetzt sind in der Schweiz und machen einfach so weiter. Dies hat den Effekt, dass in einem Land wie der Schweiz, wo wir eigentlich auf einem hohen Niveau sind, uns das Wachstum nicht mehr als ein Versprechen auf ein besseres Leben präsentiert wird. Dass wir jetzt noch besser leben, mit noch mehr materiellen Wohlstand und dadurch noch glücklicher werden, das glauben wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Leute hier. Das Wachstum wird uns nicht mehr als Chance präsentiert, sondern als Zwang. Das heisst, wenn wir nicht wachsen, die anderen aber schon, dann fallen wir zurück. Dann wird die Schweiz als Investitionsstandort immer unattraktiver, dann kommt es hier zu mehr Arbeitslosigkeit. Also müssen wir eben weiterwachsen, damit wir weiterhin eine erfolgreiche Wirtschaft haben. Das sagen sich alle anderen Länder auch und so geht dieses Wirtschaftswachstum immer weiter, obwohl man am Schluss gar nicht mehr so genau weiss, wozu man eigentlich weiterwächst. Das ist sozusagen das Dilemma.

Bis heute haben wir aber keine wirklich überzeugende Antwort darauf gefunden, es gibt keine wirkliche Alternative. Aber wir haben natürlich die Alternative, dass wir sagen, es muss nicht immer ein maximales Wachstum sein. Wir könnten zum Teil auch mit einem etwas geringeren Wachstum auskommen, den Menschen würde es wahrscheinlich bessergehen. Wir haben den einen Bereich, wo das politisch schon akzeptiert ist, das ist in der Geldpolitik, oder bei der Inflation. Da ist das institutionalisiert, dass ein zu hohes Wachstum gebremst wird durch die Nationalbank, weil man sagt, da ist die Inflationsgefahr zu gross. Wir müssen wahrscheinlich in diese Richtung weiterdenken in Zukunft, auch bei anderen Gefahren zu sagen, da lohnt es sich nicht, noch stärker zu wachsen, weil das mit zu hohen Risiken verbunden ist. Das ist aber schwierig durchzusetzen global, weil wir natürlich dann Länder haben wie China und so in Asien, die ein so starkes Wachstum haben. Da versuchen wir natürlich so gut es geht mitzuhalten, weil wir sonst im Vergleich zu diesen Ländern noch stärker zurückfallen und das macht es dann wieder schwierig, hier tatsächlich von diesem maximalen Wachstum wegzukommen.

Ja mit dieser wenig glücklichen Botschaft am Schluss ende ich hier, aber es geht ja hier darum, auf gewisse Entwicklungen aufmerksam zu machen.

Dann danke ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaft und Autor

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